Moritz Riesewiecks Stück „Nach Manila“ über Billigarbeiter im Internet

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Im Angesicht von Internetmüll: Szene aus „Nach Manila“ mit Mario Simon, Merle Wasmuth und Caroline Hanke.

Dortmund - In eine exotische Welt führt „Nach Manila“, die neueste Produktion des Schauspiels Dortmund im Megastore. Doch dieser ferne Garten grenzt direkt an unser Heim, ist in unserem Computer. Der Autor und Regisseur Moritz Riesewieck hat erkundet, weshalb soziale Netzwerke wie Facebook nicht überflutet werden von Sex und Gewalt.

Das liegt nicht an den Nutzern, erklärt Riesewiecks Alter Ego im Stück, die „Autorin“ (Caroline Hanke). Ein Video, in dem ein älterer Mann ein kleines Mädchen missbraucht, wurde innerhalb weniger Stunden 16 000 Mal geteilt und 4000 Mal geliked, bevor es entfernt wurde. Und über dieses Entfernen entscheiden keine Algorithmen, sondern Menschen. Diese „Content Moderators“ sitzen in großen Büros auf den Philippinen, wo sie im Akkord den geistigen Müll des Internets sichten und entsorgen. 10 000 Bilder in einer Zwölf-Stunden-Schicht. Etwas mehr als fünf Sekunden pro Bild haben sie, um über „Ignore“ oder „Delete“ (löschen) zu entscheiden. Was es mit Menschen macht, sich dieser Flut von Dreck des Internets auszusetzen, davon erzählt eindringlich das Stück des Autorenkollektivs Laokoon um Riesewieck. Die Uraufführung reiht sich damit in andere Welterkundungsformate ein, die zu einem Markenzeichen des Dortmunder Schauspiels wurden, wie „Die schwarze Flotte“, „Trump“ und „Flammende Köpfe“.

Die Autorin reist nach Manila, wo die sozialen Netzwerke mit Billigarbeitskräften ihre Internet-Reinigungs-Zentralen betreiben. Hier trifft sie drei dieser Content Moderators, die auf verschiedene Art traumatisiert sind von dem, was sie ansehen müssen. Facebook, erzählt die Autorin, sei wie ein Garten. Und so sitzen die Zuschauer zwischen Bäumchen und Büschen, blicken auf enge Computerkojen, in denen Darsteller im Akkord Sex und Gewalt sortieren, sind dabei den Darstellern immer ganz nah, weil Kameramann Mario Simon ihnen folgt und sie für die Großleinwände filmt. Manchmal laufen Mitglieder des Sprechchors durch die Szene mit Pflanzkellen und zupfen Unkraut.

Ein Garten aber ist auch im schlimmsten Kindersex-Film aller Zeiten zu sehen, das Dodong (Raafat Daboul) gesehen hat. Aber es zu löschen, genügt ihm nicht. Er will unbedingt helfen, den Vergewaltiger zu fassen. Darum baut er in seiner Wohnung den Garten detailgetreu nach, um Fotos davon ins Netz stellen zu können, die vielleicht zum Original und damit zum Täter führen.

Maggy (Merle Wasmuth) reagiert auf die Pornovideos mit Waschzwang, fühlt sich trotzdem schmutzig und stinkig. Immer wieder versprüht sie Parfüm, während sie einen wütenden Monolog spricht: „Wir kennen euren Dreck!“ Und ohne es kontrollieren zu können, reagiert der Syrer Nasim (Björn Gabriel) auf Aufnahmen von Selbstmordattentaten mit sexueller Erregung. Er kam nicht als Flüchtling, Männer wie er sind gesucht, weil sie arabisch sprechen, eine wichtige Fähigkeit in der Reinigungsbranche. Auch das sind intensive Momente, wenn Gabriel die Schuldgefühle und die Verzweiflung Nasims ausspricht.

Die Sachverhalte, die die vier großartigen Darsteller ausbreiten, genügen allemal für einen aufklärerischen, aufrüttelnden Abend. Manche Visualisierung wirkt da aufgesetzt, wie die menschengroßen Nacktschnecken, die Maggy unter sich begraben.

9.6., 2., 9.7.,

Tel. 0231/50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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