Mülheimer Theatertage „stücke“ starten

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Fremde Welt: Julia (Deleila Piasko) schaukelt in dem Stück „Die Vernichtung“ von Olga Bach (Konzert Theater Bern).

Mülheim - Im Paradies ist die Stimmung schlecht: Wer besorgt Drogen gegen die Langeweile? Was fangen wir mit dem neuen Hund an? Und sollte man zur Abwechslung mal wieder urbanen Stress verursachen? In einem surrealistischen Garten mit pseudo-antiken Statuen ringen vier Freunde um Sinn, Unsinn und Selbstoptimierung. Sex, Drogen und Techno können ihr Wut nicht vertreiben.

Mit „Die Vernichtung“, Olga Bachs Mileustudie der Generation der Um-die-30-Jährigen, eröffneten die 42. Mülheimer Theatertage am Wochenende. Als Festival der Gegenwartsdramatik geben die „Stücke“ Einblick in Themen, die die deutschsprachigen Autoren beschäftigen. Wut und der Drang nach Veränderung dominieren die sieben nominierten Stücke im Wettbewerb um den Mülheimer Theaterpreis, kündigt die Jury an.

Das Auftaktstück gibt hier gleich laut und plakativ den Ton an: In der Aufführung vom Konzert Theater Bern treten vier Partygänger zu dramatischen Klängen von Brahms in eine Art surrealen Garten Eden. In Nacktanzügen mit aufgemalten Six-Pack-Bauchmuskeln sind sie umgeben von Palmen, Wildscheinen und Statuen: Cicero, Narziss mit Beinprothese und Spiegel sowie eine Skulptur, die irgendwo zwischen Woody Allen und Caesar schwankt. In diesem Spannungsfeld suchen sie nach Orientierung und klingen doch wie Hobby-Philosophen nach einem Besäufnis: Ob es bald einen Aufstand der geknechteten Hunde gibt?, fragt der eine. Vielleicht genießen die Hunde ja ihre Unterwerfung, meint der andere. Weiter geht‘s mit Themen von Bizeps und Trizeps bis zu Tod und Überorgasmus. Dazu wird fleißig geschaukelt, getanzt und allerlei sexuelle Spielarten praktiziert. Banales trifft hier auf Fanfaren, Nebelmaschinen und viel Pathos. Die Szenen lösen sich bald in einer Art Rauschen auf, in dem die Sprache in wummernden Technoklängen und Lichtblitzen verschwimmt. Aber nein, auch wenn die Darsteller dann am Boden liegen, ist das noch nicht das Ende. Begleitet von Beethoven tänzelt einer im Finale wie ein etwas ungelenker Balletttänzer nun vollkommen nackt über die Bühne, bevor er etwas ungelenkt in den Teich hüpft.

Eine Parodie soll diese absurde Szene aber nicht sein, beteuerte Regisseur Ersan Mondtag im Anschluss an die Aufführung in Mülheim. Vielmehr wollte er den Zuschauern nach den Zumutungen des Stücks ein versöhnliches Ende bieten.

Ob das nun gelingt oder nicht: „Die Vernichtung“ ist ein reizvolles und spannendes Beispiel für eine Stückentwicklung junger Theatermacher, die die Atmosphäre ihrer Generation widerspiegeln wollen. So erarbeitete die Autorin Olga Bach, Jahrgang 1990 und am Berliner Grips Theater sozialisiert, die Themen gemeinsam mit dem Ensemble: Neben dem Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Mondtag waren auch die Darsteller Jonas Grundner-Culemann, Lukas Hupfeld, Deleila Piasko und Sebastian Schneider beteiligt. Zwei Wochen wohnten sie gemeinsam, recherchierten die Geschichte des Terrorismus, entwickelten Charaktere und stellten sich die Frage, wie wir reagieren, wenn die Welt, wie wir sie kennen, zugrunde geht. Mit Aufstand, Gleichgültigkeit oder Glauben an den Ausgleich?

Spürbar ist an diesem Abend die Hilflosigkeit und die Wut, mit der auf eine Sinnlosigkeit (oder eher einen Überfluss an Sinn?) in der Welt reagiert wird. Gewalt ist hier nur mehr eine Option von vielen und im Mittelpunkt steht stets der eigene Narzissmus. Während Selbstoptimierung, Tod und Sex die Figuren nicht befriedigen, bringt vielleicht erst der Sprung in den Teich die Erlösung?

Annette Kiehl

Bis 3. Juni, nächste Aufführung am 17. Mai mit „Vereinte Nationen“ von Clemens Setz. Vom 15. bis 19. Mai laufen auch die KinderStücke. Kartentelefon: 0208/960960. www.stuecke.de

Quelle: wa.de

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