Münster zeigt Ayad Akhtars Stück „Geächtet“

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Noch haben sie Spaß: Isaac (Christoph Rinke, von links), Jory (Natalja Joselewitsch), Amir (Jonas Riemer) und Emily (Claudia Hübschmann) scherzen in der Inszenierung zu Ayad Akhtars Stück „Geächtet“, zu sehen am Theater Münster.

MÜNSTER Hussein nennt sich nun Abe und kommt in der Rapperszene New Yorks ganz anders rüber. Die Beats sitzen und seine Reime finden mehr Gehör. Er besucht Onkel Amir, der ihn aber weiter Hussein nennen möchte, und deshalb gibt es Streit. Dabei kennt Amir die Wirkung von Namen, die einen belasten, wenn sie religiöse Vorbehalte wecken.

Später wird in Ayad Akhtars Stück „Geächtet“ erläutert, das Abes Onkel seinen Namen Abdullah zu Kapoor korrigiert hat, um seine Herkunft von Pakistan aus nach Indien zu verschieben. So startete er als Anwalt karriereorientiert in einer jüdischen Kanzlei. Die Distanz der Juden zu Moslems ist größer als zu Hindus war Amirs Kalkühl. Letztlich kommt es anders. Es geht in Münsters Kleinem Haus um ethnische Identität, und wie wichtig sie genommen wird.

„Geächtet“ ist das Stück der Saison an deutschen Bühnen. Nach dem Schauspiel Dortmund zeigt jetzt Münster Flagge, und bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen ist ab 31. Mai ein Version des Burgtheaters Wien zu sehen. Der Autor Ayad Akhtar, 1970 in New York geboren, wird als Sohn pakistanischer Einwanderer mittlerweile international wahrgenommen. Er stellt in „Geächtet“ den westlichen Liberalismus auf die Probe und fragt, was Freiheit wert ist, wenn selbst in New York unterschwelliger Rassismus, religiöse Intoleranz und politische Ignoranz wirken.

Verteilt ist das dramatische Statement zum „Kulturkampf“ auf fünf Figuren. In amerikanischer Tradition sind die Profile komplex, die Spielform wechselt vom Boulevard zum Thriller, und die rabiaten Wendungen sorgen für dramaturgische Action.

In Münster richtet Regisseurin Christina Paulhofer die Konfliktlage textnah an. Anfangs knistert es zwischen Amir und Emily im coolen Apartment mit bodentiefem Panoramafenster, Containerbar, Pompom-Lampe und Nespresso-Maschine (Bühne: Bernhard Niechotz). Das schicke Paar ist im Glücksmodus. Er hofft auf eine bessere Position in seiner Kanzlei, sie ist in der Kunstszene auf dem Sprung, da wird gefummelt und geknutscht, bis das Telefon klingelt. Business geht vor. „Born in the USA“ ist zu hören, und immer wieder schwillt ein monotones Dröhnen an, mit dem Sylvain Jacques dem Tempo der Dialoge etwas unheilvoll Tonales mitgibt.

Es ist geradezu herausfordernd, wie druckvoll das Ensemble in Münster den Text ausspielt. Jonas Riemer springt eine HipHop-Nummer ein, die die Musik seines Neffen kontert und zur Versöhnung beiträgt. Riemer gibt den jugendlichen Rechtsanwalt Amir als optimistischen Strategen, der seine Angst, zu scheitern, unter einem Karriereplan verbirgt. Emily passt zu ihm, ist die attraktive Künstlerin doch auch Protestantin und in New York ein Baustein seiner Assimilation. Claudia Hübschmann betont kess und schnackelig Emilys Eigensinn. Sie möchte, dass Amir einem Iman, der Geld für seine Kirche sammelt (oder die Hamas?), rechtlich unterstützt. Sie selbst hat sich bereits der arabischen Kultur geöffnet und reagiert mit ihren Bildern auf „islamische Fliesen“. Sie plädiert für „Ruhe, Rhythmus, Formensprache“ und eben „kein Ego“, wie es in der westlichen Kunst gefordert wird. Das hat der Dramatiker Akhtar humorvoll zugespitzt, und er arbeitet immer wieder mit Themenklischees.

Regisseurin Paulhofer akzentuiert mehr die Konfliktzonen als die Ironie des Stücks, auch wenn plötzlich ein rosa Elefant durch Bühnenbild läuft. Als Kunstkurator Isaac zum Essen ins Loft kommt, trifft auch Amir auf seine afroamerikanische Kollegin Jory, Isaacs Frau. Zu Diego Velazques Gemälde über einen Sklaven (von 1650) fällt das Wort „Mohr“, und Jory ist irritiert. Natalja Joselewitsch spielt sie konfliktbereit und im Streit hämisch und verletztend, als sie annehmen muss, dass ihr Mann eine Affäre mit Emily in London hatte. Es kulminieren die Enttäuschungen. Christoph Rinke macht aus Issac in silbrig glitzernden Boots einen intellektuellen Selbstdarsteller, der bei dem angetrunkenen Amir Antisemitismus ausmacht, während das Thema 11. September offen diskutiert wird. Isaac ist giftig in seiner Analyse. Und statt Verständnis dominiert Hass. Als Amir Emily schlägt, lässt sich Gewalt wieder mit Muslimen verbinden.

Zum Ende taucht Abe auf, der vom FBI verhört wurde, und „Geächtet“ legt eine Dschihadisten-Vita nahe. Das fühlt sich bestürzend an und konstruiert. Viel Applaus.

31. 5.; 6., 7., 10., 16. 6., 6., 9. 7.; Tel. 0251/ 59 09 100;

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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