Museum Folkwang zeigt Fotokunst in Essen: „Das rebellische Bild“

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Partystimmung: Der Amerikaner Larry Fink fotografierte für die Serie „Black Tie“ das Bild „Peter Beard and friends“ (1976, Silbergelantineabzug).

ESSEN Heute öffnet einem die Fotografie aus der Serie „Stadtlandschaften“ die Augen. Orange strahlt der Audi zwischen den grünen, blauen, roten und beigfarbenen Autos vor einem Einkaufszentrum im Ruhrgebiet. Heute finden sich nur schwarze, graue, vielleicht dunkelblaue und anthrazitfarbene Karossen davor. Dabei ging es Wendelin Bottländer in seiner Fotografie von 1980 nicht ums Stimmungsbild, sondern ums topografische Bild. Was zeichnet die urbane Umgebung aus, in der der Mensch lebt? Verdichtungen, Freiräume, Hindernisse?

Die Farbe akzentuiert einen Bildausschnitt des Alltags, der vom jungen Fotografen als Motiv entdeckt wurde. Eine Ausstellung im Museum Folkwang in Essen geht zurück in die 70/80er Jahre, als sich in Deutschland eine neue Fotokunst entwickelte. Der Titel: „Das rebellische Bild“.

Das Museum Folkwang ist eine Station des dreiteiligen Ausstellungsprojekts, das zeitgleich noch in Berlin und Hannover stattfindet. Erinnert wird an die „Werkstatt für Photografie“. Michael Schmidt hatte sie 1976 in Berlin-Kreuzberg gegründet – in der städtischen Volkshochschule. Von hier aus knüpfte Schmidt Kontakte zu amerikanischen Fotografen, die ein neues Verständnis fürs Dokumentarische auszeichnete: William Egglestone, Robert Adams, Larry Clark, Stephen Shore, Diane Airbus... Sie ignorierten das Einzelbild, das kompositorischen Prinzipien des Bildjournalismus folgte. Sie fanden in den Städten neue Blickwinkel, sie gingen der Jugendkultur nach, forschten mit der Kamera und arbeiteten subjektiv. Das bedeutet vor allem, dass Fotos nicht mehr den Verwertungskriterien des Zeitschriften- und Zeitungsmarktes gehorchen sollten. Es ging um freie Fotokunst.

Michael Schmidt übernahm 1979/80 einen Lehrauftrag an der Uni/GHS Essen. Und im Studiengang Foto-Design verschrieben sich Studenten diesem neuen Fotoverständnis. Wilhelm Schürmann zeigte in seiner Serie „Dortmunder Steinhammer Str.“ eine triste Ruhrgebietsansicht in Schwarzweiß. Das Foto „Meine Straße“ wurde in der Ausstellung „Aspekte der Großstadt“ in der Fotogalerie des Museum Folkwang präsentiert. Heute ist das Begleitheft zur Schau ausgestellt, weil auch die Mittel gezeigt werden sollen, mit denen sich seinerzeit Fotokunst manifestierte. In einer Vitrine sind die Polaroids von Knut Wolfgang Maron ausgelegt. „Die Polyphrenie des Ego“ variiert das klassische Sujet des Künstlerporträts.

Farbe erhielt einen anderen Stellenwert. Die Farbmaschine Colenta 66 RA 40T ist zu sehen, mit der erstmals Studenten Farbfotos entwickeln konnten. Bisher galt Schwarzweiß als ein Indiz für Kunstfotografie. Nun ließ Joachim Brohm, der seit 1977 in Essen studierte, das Türkis einer Laube in der Serie „Kleingärten“ aufscheinen. Er zählte zu den „13 jungen Fotografen“, die in der Essener VHS ausstellten. Seine großartige Serie „Ruhr“ (1980-83) definierte die Landschaft neu. Bilder von Petra Wittmar, Uschi Blume, Gosbert Adler und Andreas Horlitz zählen dazu.

Die Ausstellungssituation für Fotografen änderte sich, seit Ute Eskildsen 1979 die Fotografische Sammlung im Museum Folkwang übernahm. Durch den Tod des Fotografen und Folkwang-Professors Otto Steinert 1978 wurde die Auseinandersetzung um Fotografie forciert. Neben „Absage an das Einzelbild“ (1980) zeigte die Ausstellung „Wie lebt man im Ruhrgebiet“ Fotos von Profis, Studenten und Amateuren aus der Region. Vergrößerte Katalog-Auszüge dokumentieren die Schau.

Der Spirit jener Zeit wird auch in Videostatements („Farbe in der Fotografie“, „Situation 1980“) vermittelt. Wenn Kurator Thomas Weski darüber spricht, wie günstigere Drucktechniken das Fotobuch Mitte der 70er Jahre ermöglichten. Dann wird man Zeuge vom künstlerischen Selbstverständnis der Fotografen. Volker Heinze porträtierte beispielsweise Bill Egglestone 1985 als Mittelpunkt einer rotgefärbten Bar-Szenerie. Die Unschärfe im Bild war Programm. Fotografen wie der Brite Paul Graham ließen sich inspirieren und favorisierten schon bald assoziative Bildästhetiken. In Essen ist „Nächtliche Hausfassade“ (1988) von ihm zu sehen: ein Spiel aus Licht, Schatten und Unschärfe.

Auch Fotobeispiele von den US-Vorbildern wie von Larry Fink sind ausgestellt. „Peter Beard and friends“ (1976) ist so eine schwarzweiße selbstverliebte Momentaufnahme – Partystimmung. Fink gab Workshops in Berlin und traf Essener Studenten. Zu sehen sind außerdem Fotos von Egglestone, Adams und Evans.

Selbst Fotografen-Star Andreas Gursky studierte von 1977 bis 1980 in Essen, bevor er an die Akademie nach Düsseldorf wechselte. Sein Bild „Düsseldorf, Terrasse“ (1980) hält die Gartenparzelle als Miniatur der Stadtlandschaft fest. Gursky folgte aber fortan der Frontalfotografie, die Bernd und Hilla Becher in Düsseldorf lehrten. Die Subjektive Fotografie entwickelte sich parallel zur Düsseldorfer Schule, die in den 90er Jahren dominieren sollte. Die Werkstatt für Photografie war 1986 in Berlin geschlossen worden.

Die Schau

Eine inspirierende Ausstellung, die die Anfänge der Fotokunst hierzulande vielfältig und sehr authentisch präsentiert.

Das rebellische Bild. Werkstatt für Photografie 1976-1986.

Bis 19. Februar 2017; di, mi, sa, so 10 bis 18 Uhr, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201/8845 444

26. 12. und 1.1. geöffnet.

www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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