Museum Folkwang zeigt „Maria Lassnig“ und ihr Körpergefühl

Humorvoll kann Maria Lassnig ihre Körpererfahrung auch sehen: Das Gemälde „Selbstporträt mit Kochtopf“ (1995) ist im Museum Folkwang Essen ausgestellt. - Foto : Maria Lassnig Stiftung

ESSEN „Rund, eckig, spitzig, gezackt“, wie ist das eigene Körpergefühl? Maria Lassnig hat den Anspruch, das zu malen, was sie von sich selbst spürt. Das ist „optisch schwer zu definieren“, weiß die Österreicherin, die als erste Professorin für Malerei im deutschsprachigen Raum an einer Akademie unterrichtete – ab 1980 in Wien. Ihr künstlerisches Lebenswerk besteht darin, genau das zu ergründen: spüren, ausdrücken, malen – sich selbst. Maria Lassnig (1919–2014) hat ihre „Körperbewusstseins-Malerei“, wie sie sagte, zu einem erstaunlichen Bildprogramm gemacht. Noch vor der feministischen Body-Art am Ende der 1960er Jahre ist ihr Körper ihr Medium.

Dass sie dabei eine malerische Position des 21. Jahrhunderts entwickelt hat, weiß Peter Pakesch von der Maria Lassnig Stiftung. In der digitalen Welt, wo mehr Distanz zu Mensch und Material entsteht, sind Lassnigs Körperbilder ein Wertewandel auch fürs künstlerische Porträt. In der „Maria-Lassnig“-Retrospektive im Essener Museum Folkwang ist das sichtbar. Ausstellungen in Wien, Athen und London werden folgen. Und Essen hat das Schau-Konzept von der Tate Liverpool übernommen. 41 Gemälde und fünf Filme sind zu sehen.

Ganz unangestrengt kommt Lassnigs Bild „Selbstporträt mit Kochtopf“ daher. Irgendein helles Mus rutscht da über ihre Augen, während der flache Pott auf ihrem Haupt ruht. Der Zopf aus ihrer Kindheit zeigt, dass sie beim Frauenthema zeitlich ausgreift und mit geöffnetem Mund ihr Gefühlsmomentum stabilisiert. Ob der rote Pinselstrich um den Hals als blutige Schlinge verstanden werden soll? Möglich. 1995 jedenfalls hatte Maria Lassnig genug Humor, den Haushalt als bedrängendes Beiwerk weiblicher Existenz anzugehen. Im Kapitel „Küchenkrieg“ formt sie ihr Porträt auch mal zu einer Kartoffelreibe: „Küchenbraut“, 1988.

Zu dieser Leichtigkeit hat vielleicht beigetragen, dass sie immer beharrlich an ihren Methoden gearbeitet hat, dass eigene Körpergefühl zu visualisieren. Die Kunstgeschichte half ihr dabei nicht. „Selbstporträt, expressiv“ von 1945 blieb zu nah an Vorbildern, die sich nach dem 2. Weltkrieg schon überholt hatten. Was tun? Abstrakt werden? Ein Schlüsselbild ist „Körpergehäuse“ (1951), in dem sich ein emotionales Rot hinter und zwischen Membranen verbirgt. Welche Formen kann es annehmen?

Maria Lassnig stellt sich vor die Leinwand, spürt ihr Lebendgewicht, malt Brust und Rumpf, spart sich Arme und Beine, die ihr nicht so bewusst sind, und macht aus dem Malgrund eine Umschlagfläche. Ihre Übertragungen heißen „Dicke Grüne“ und „Figur mit blauem Hals“ (beide 1961). Die Körperumrisse wirken informel, ein wenig gestisch. Lassnig ist nach Paris gegangen und merkt, dass die Kunstmetropole kein Hot-Spot mehr ist wie in den 1950er Jahren. Sie lernt André Breton kennen, diskutiert mit Paul Celan ihr Verhältnis zur Wahrnehmung. Ab 1968 wird New York ihr Mittelpunkt, wo sie ihren „amerikanischen Realismus“ mit dosierten Farben entwickelt, während Minimalismus und Konzeptkunst die Malerei als führendes Genre bedrängen. Ihr eigener Weg, ihre widersetzliche Art im Kunstbetrieb machen Lassnigs Werk in der Rückschau interessant. Für sie sei es oft schwer gewesen, sagt Peter Pakesch in Essen. Er habe sie auch als Zweifelnde erlebt.

In New York belegt Lassnig einen Kurs Zeichentrickfilm. Die Ausstellung zeigt Beispiele. „Chairs“ (1971) dokumentiert ihr intensives Gefühl für Dinge und bebildert eine fantastische Metamorphose: Ein Sessel verformt sich, quillt rot auf und bringt etwas von Lassnig selbst zum Ausdruck. Erzählerisch wird sie in „Couples“ (1972), wenn zwei pinkrote Gebilde einander entdecken, berühren, kopulieren. Sie behandelt eine Affäre durchaus selbstironisch.

Die Künstlerin bleibt ihrem Ziel treu, zu fragen, wie das Körperliche auf die Leinwand kommt? „Da habe ich eine realistische Nase gemalt und dafür keinen Mund, weil ich den Mund nicht gefühlt habe“, sagt sie einmal. In der Serie „Innerhalb und außerhalb der Leinwand“ steckt sie in der Leinwand. Kraftvoll halten die Hände den Bildrahmen, die Beine sind unter der horizontalen Malfläche zu sehen („IV“, 1984/85). Die Farben sind stark und dichter aufgetragen als noch in New York. Sie lebt wieder in Wien und wird erneut von ihrer sensiblen Wahrnehmung geführt. Der Irak-Krieg erschüttert sie. Das Kapitel „Körper im Konflikt“ zeigt unter anderem „Kriegsfurie“ (1991), ein grell-rotes Alien mit Gewehrschaft, grässlich und wütend. In einer anderen Serie stülpt Lassnig in „Selbstporträt mit Nervenlinien“ (1996) ihr Inneres in fleisch-roten Farben hervor. Ihre Augen liegen wie bei einem Insekt am Körperende, Konturen sind verschoben, alles scheint zu vibrieren. Es sind ihre radikalsten Bilder.

Lassnigs Kunst zeichnet sich durch die Sensibilität aus, die sie mit Pinsel und Stift („Urzustandswerkszeuge“) überträgt. Für sie gibt es das Selbstgefühl und das Selbstbild im Spiegel. Ganz deutlich ist das in „Zwei Arten zu sein/ Doppelselbstporträt“ (2000) realisiert. Überraschend autobiografisch gedenkt sie dagegen 1971 in „Selbstporträt mit Stab“ ihrer Mutter. Auf der Leinwand im Bild – eins ihrer Stilmittel – ist die Gestalt ihrer Mutter gleich hinter ihrem Selbstporträt skizziert. Die Hände ihrer Mutter spürt Maria Lassnig noch sieben Jahre nach dem Todestag, also liegen sie auf ihren Schultern.

Die Schau

Eine faszinierende Position in der Malerei, die mit ihrer konzisen Methode und einem radikalen Statement zur humanen Körperlichkeit derzeit Furore macht.

Maria Lassnig im Museum Folkwang Essen. Bis 21.5.; di – so 10–18, do, fr bis 20 Uhr;

Tel. 0201/8845 444;

www.museum-folkwang.de

Katalog (engl. mit dt. Einleger) 24,95 Euro. Samstag, 11. März, 14 Uhr: Führung mit Peter Pakesch und Kuratorin Anna Fricke.

Quelle: wa.de

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