Museum Folkwang zeigt „Der montierte Mensch“

Muskulös vor abstrakter Werkswelt: „Der Mechaniker“ (1920) von Fernand Léger ist im Essener Museum Folkwang zu sehen und steht sinnbildlich für die Ausstellung „Der montierte Mensch“. Foto: vg bildkunst bonn, ngc

Essen – Mit Schnurrbart, Anker-Tattoo und Zigarette hat der muskulöse Kerl noch menschliche Züge. Aber Fernand Léger (1881–1955) dachte an die Einzelteile von Maschinen, als er 1920 „Der Mechaniker“ malte. Das Haar schließt den Kopf wie ein Haube ab, die Arme sind aus flächigen Formen gebaut, die Hand wirkt aufgesteckt und montiert. Im Hintergrund fügen sich Flächen, Linien und Farben zu einer Abstraktion von Werkswelt. Technische Vorbilder sind für den französischen Künstler zur Kompositionsgrundlage seiner Malerei geworden. Dieser qualitative Schritt in der Bildgestaltung macht das Museum Folkwang in Essen augenfällig. Die Ausstellung „Der montierte Mensch“ spürt aber vor allem dem Zeitenwandel nach. Verändert die Industrialisierung den Arbeits- und Lebensrhythmus gibt die Kunst signifikante Beispiele. Seismographen der Gesellschaft sind Rodtschenko, Baumeister, Cage, Dix, Ernst, Farocki, Hesse, Horn, Klapheck, Lassnig, Lichtenstein, Magritte, Paik, Schlemmer...

Peter Gorschlüter, Direktor des Museum Folkwang, schaut mit „Der montierte Mensch“ zurück, weil es für den Weg in die digitale Gesellschaft „noch keine Bilder gibt“, sagte er in Essen, also es habe noch keine Reflexion stattgefunden. Dabei kennen wir den Wandel von der Industrie zum technologischen Fortschritt über die Computisierung bis zu den digitalen Neuerungen der Gegenwart, weiß Gorschlüter. Über 200 Werke – Malerei, Skulptur, Film, Fotografie, Video und Installation – von 124 Künstlern aus rund 120 Jahre sind präsentiert. „Wie haben sich die Menschen gefühlt“, ist Gorschlüters Leitfrage.

Im Vergleich zu den Ängsten, die heute in der Auto-Branche herrschen, feierte Fortunato Depero 1927 die Verbindung von Mensch und Maschine enthusiatisch. Auf seinem Gemälde „Motorradfahrer“ (1927) ist der kantenharte Typ auf einem Feuerstuhl platziert. Dieses Gespann ist eine metallisch-graue Symbiose – ein Männertraum. Der italienische Futurismus huldigte dem Rennfahrer, er sei „schöner als die Nike von Samothrake“, steht 1911 im Manifest geschrieben. Und auch Giacomo Balla verschmelzt Gefährt und Fahrer in der Zeichnung „Rasendes Automobil“ (1913) zu einem überirdischen Tempo-Wesen. Nur geschwungene Kreise überdrehen im dramatisierten Bildraum aus Fluchtlinien.

Diesem Macho-Maschinen-Image begegnen Künstlerinnen in den 60/70er Jahren. Spöttische Parallelen zieht Helen Chadwick zu Frau und Küchengeräten. Die Fotoserie „In the Kitchen“ (1977) zeigt die Künstlerin in Kunststoff-Repliken einer Waschmaschine, eines Herds. Die französische Künstlerin Orlan thematisiert die Frau als Sexmaschine. Das Foto „Der Kuss der Künstlerin: Automatischer Verteiler, nun ja, beinahe!“ (1977) geht auf die Performance zurück, bei der für einen Zungenkuss bezahlt werden musste.

Während Rudolf Belling die Büste als tradierte Bildhauerkunst zu einer Montagetechnik aus Messing („Skulptur 23“) abstrahierte, lassen sich Künstler wie Walter Ruttmann Jahre später instrumentalisieren. Sein Film „Metall des Himmels“ (12 Min.) ist eine Hymne auf den „deutschen Stahl“ (1935) und passte zur NS-Ideologie. Für Hitler sollte Deutschland zur „Megamaschine“ werden. Der Künstler John Heartfield hielt mit seinen Fotomontagen dagegen.

Insgesamt sind 20 Filme in der Ausstellung zu sehen. „Stahlwerk der Poldihütte während des Weltkriegs“ (1916, 28 Min.) dokumentiert die Kanonenproduktion eindrücklich. Als vierteiliges Panoramabild von 1910 findet sich auch die Geschossdreherei von Krupp. Im Bereich „Industrielle Arbeitswelten“ belegen die Kuratorinnen Anna Fricke und Nadine Engel, dass das Thema Mensch und Maschine in Essen und dem Ruhrgebiet bestens aufgehoben ist.

Es gibt 24 Themenräume im Museum: „Der konstruierte Mensch“, „Fabrikmensch“, „Kybernetische Systeme“, „Einsen und Nullen“. Die Schauhalle ist trotz einiger Kabinette offen strukturiert. Jeder muss sich seinen Weg durch die inspirierende Ausstellung suchen. Dabei sind wunderbare Entdeckungen zu machen. Wie der „Globetrotter“ (1923) von El Lissitzky, der durch die Zeit reist und mit geometrischen Teilchen und wenigen Farben im Nirgendwo schwebt. Der russische Avantgardist hatte sich von der Oper „Sieg über die Sonne“ berauschen lassen, als die Grundlagen zur Erforschung des Weltraums errechnet worden waren. Solche Utopien sind herrliche Spielereien. Oder Kasimir Malewitschs Bleistiftzeichnung „Porträt einer Gutsbesitzerin“ (1913) – ganz ohne Gutsbesitzerin.

Zeitgenössische Künstler begegnen dem Fortschritt skeptisch. Katja Novitskovas Installation „Mamaroo“ (2018) bringt mit einer elektronischen Babywippe ein krudes Plastikequipment aus Monstern und Laseraugen in Bewegung. Sehr bizarr.

Es scheint, als ob mit Robotik und künstlicher Intelligenz die Gefahr für den Menschen, ganz nutzlos zu werden, gestiegen ist. Trevor Pagiens hat mit Hilfe von Trainingsprogrammen für neuronale Netzwerke eine Bildproduktion entworfen. „Seht diese glorreichen Zeiten!“ wirft Fotos und Filmstills einzeln oder in Splitscreens aus. Das Ordnungsprinzip – mal nachvollziehbar, mal nicht – ist als automatisierter Projektionsrhythmus rätselhaft und befremdlich. Auch das künstlerische Ich verschwindet bei solchen Arbeiten zusehens.

Und wer will schon neben dem Malroboter von Goshka Macuga und Patrick Tresset (2017) arbeiten? Die Großinstallation macht keine Pause.

Bis 15. 3. 2020; di-so 10 – 18 Uhr, do/fr bis 20 Uhr; Katalog im Kerber Verlag erschienen, 38,90 Euro in der Ausstellung; Tel. 0201/8845 444; www.museum-folkwang.de; mit umfangreichem Begleitprogramm!

Quelle: wa.de

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