Museum Ludwig holt für Ausstellung Sammlung Hahn zurück nach Köln

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Instrument für Sinneseindrücke: Nam June Paiks „Klavier integral“ (1958-63) darf leider nicht mehr gespielt werden.

KÖLN - Daniel Spoerri kochte ein Gulasch an jenem 23. Mai 1964. Gut 20 Gäste waren gekommen ins Haus von Wolfgang Hahn und hatten Teller, Gläser, Besteck mitgebracht. Man dinierte gut gelaunt, man redete, man rauchte, man trank. Und am Ende des Tages fixierte Spoerri das benutzte Geschirr und die übrigen Hinterlassenschaften auf der quadratischen Tischplatte.

Der Sammler Wolfgang Hahn (1924–1987) hatte die Entstehung dieses „Fallenbilds“ mit schmutzigen Tellern, Korken, gefüllten Aschenbechern, zerknüllten Servietten, Olivensteinen und getrocknetem Brot nicht nur miterlebt, er hatte daran mitgewirkt. Und wenn da auch etwas viel Pathos mitschwingt, der Titel passt: „Hahns Abendmahl“.

Der Mann wusste, womit er umging. Er hatte schließlich Kunstgeschichte studiert und arbeitete als Chefrestaurator im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Und er hat eine erstaunliche Sammlung aufgebaut. Jetzt ist sie wieder am Rhein zu sehen, zumindest eine repräsentative Auswahl der rund 400 Werke. Die Ausstellung „Kunst ins Leben!“ im Museum Ludwig bringt einige Höhepunkte der Avantgarde der 1960er Jahre zurück in die Region, in der sie entstanden sind.

Eigentlich, findet der Buchhändler Walther König, dessen bester Kunde Hahn war, gehörte die Sammlung ohnehin nach Köln. Aber als der Sammler 1978 verkaufen wollte, da hatte sich die Stadt gerade verpflichtet, das Museum Ludwig zu bauen. Eine weitere beträchtliche Investition in Kunst war da nicht möglich. So griff die Republik Österreich zu, unter Vermittlung des Sammlers Peter Ludwig, den Hahn wiederum beriet beim Aufbau seiner Kollektion. So blieb wenigstens dieser einzigartige Korpus der damaligen Gegenwartskunst zusammen, er bildete den Grundstock des Museum Moderner Kunst in Wien. Dort wird die Ausstellung auch im Anschluss gezeigt.

Im Unterschied zu Ludwig und anderen Sammlern hatte Hahn sehr begrenzte Mittel, sein Gehalt eben. Manche Werke konnte er sich nicht leisten, und wenn Arbeiten im Marktwert sehr stiegen, wie bei der Pop-Art, die er anfangs auch sammelte, dann verkaufte er auch wieder – zum Beispiel an Ludwig. Hahn aber war gut vernetzt, hatte ein Gespür und riskierte frühe Erwerbungen. Mit vielen Künstlern, besonders im Rheinland, war er befreundet. Er lebte wirklich mit der Kunst: Ein auf Plakatgröße hochgezogenes Schwarz-Weiß-Foto zeigt ihn in seiner Wohnung, zwischen Arbeiten von Andy Warhol, George Segal, Claes Oldenburg, Jim Dine, John Chamberlain, im Hintergrund, nicht als Poseur, der mit Besitz renommiert.

Der Schwerpunkt der Schau liegt zudem nicht in der Pop-Art, auch wenn Segals „Woman in a Restaurant Booth“ (1961), eine der ersten Gips-Skulpturen, mit denen der US-Künstler berühmt wurde, prominent platziert wurde. Hahn konzentrierte sich auf die vor allem in Europa entstehende Avantgarde, schaute auf Fluxus und den Nouveau Réalisme. Seine Schätze bestechen nicht immer mit einer glänzenden Oberfläche, und manches kommt auch sperrig daher. Aber wer vor der „Tür“ (1954/58) von Joseph Beuys steht, erkennt gleich, mit welchem Spürsinn Hahn zugriff. Es ist ein Fundstück, eine Ateliertür, die durch eine Explosion verkohlt wurde. Beuys hängte Hasenohren und einen Reiherschädel an das schwarze Objekt, das durch die Attribute geradezu kultisch aufgeladen wird. Und Christos Skulptur „Wrapped Mannequins on a Bed“ (1963) wird dadurch spannend, dass er die Schaufensterpuppen auf der Matratze in halbtransparente Plastikfolie hüllte. Während der Künstler später allein auf die Form verwies, wirkt diese Arbeit direkter, ist auch mit Aggression aufgeladen, und der Betrachter fühlt sich wie ein Voyeur.

Im Museum Ludwig sieht man einige sehr besondere Arbeiten von hochgelobten Künstlern. Hahn kaufte sehr früh Werke von Nam June Paik, zum Beispiel das „Klavier integral“ (1958-63). Das Instrument sollte durchaus vom Betrachter benutzt werden. Das klassische Musizieren aber wurde durch aufgeklebtes Spielzeug, einen Büstenhalter, einen Wecker, Stacheldraht, leere Eierschalen unmöglich – stattdessen gab es unerwartete Sinneseindrücke. Aber auch die „Sonatine for Goldfish“ (1975) hat geradezu archaischen Charme: In ein Fernsehgerät aus der Frühzeit des Mediums hat Paik ein Aquarium montiert, in dem Goldfische schwimmen – natürlich aus Plastik.

Sam Gilliam erkundet in „Change“ (1970) die Grenzen der Malerei, indem er die Leinwand in Farbe tränkt und dann ungerahmt aufhängt, als Stoffobjekt, das wie ein Lappen hängt. Nancy Graves stellte archaische Stäbe zu einer Art Tipi auf. Man denkt, Knochen zu sehen oder anderes organisches Material, aber „Fifty Hair Bones and Sun Disk“ (1971) besteht nicht aus archäologischen Funden, sondern besteht aus Gips, Draht, Wachs, Farbe. Ob man sich nun in George Brechts „Universal Machine“ (1962-63) verliert, einer Collage aus Fundsachen und Sammelobjekten, Zeitungsausschnitte, Notizzettel, Spielkarten, Fotos, Briefumschläge, die spielerisch Sinn vortäuschen, oder ob man Yayoi Kusamas Silbernes Kleid (1966) bestaunt, ob man Dieter Roths Schimmelkunstwerke ansieht oder Raymond Hains‘ Plakatabriss „Ainsi bafouée“ (1959), oder ob man die Skizzen und Entwürfe für Happenings und Aktionen zu entziffern versucht. Diese Sammlung dokumentiert, was in einem der brodelndsten Kunst-Jahrzehnte erfunden wurde.

Bis 24.9., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0221/ 221 261 65,

www.museum-ludwig.de,

Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, 38 Euro

Quelle: wa.de

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