Das Museum Ludwig Köln erinnert an den Künstler Otto Freundlich

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Kleine Farbfelder formen wie Mosaiksteine ein schlüssiges Motiv: Otto Freundlichs „Komposition“ (1930) ist in der Kölner Ausstellung zu sehen.

KÖLN - Bekannt ist Otto Freundlich heute, weil die Nationalsozialisten ihn diffamierten. Eine Skulptur von ihm war auf dem Umschlag des Führers durch die Schandausstellung „Entartete Kunst“ abgebildet. Das Motiv findet man in Geschichtsbüchern, den großen, klobigen Kopf und den roten Schriftzug, der „Kunst“ mit Anführungszeichen versieht. Es war der Versuch einer Vernichtung.

Die Nazis sahen in der Kunst von Otto Freundlich (1878–1943) offensichtlich alles verkörpert, was die verhasste Moderne ausmacht. Sie ermordeten ihn am Ende, weil er jüdischer Abstammung war. Zugleich vernichteten sie beinahe seine Nachwirkung. Bis heute ist dieser in Pommern geborene Künstler, den Kollegen wie Picasso, Max Ernst, Kandinsky, Mondrian und viele andere schätzten, kaum bekannt. Das Kölner Museum Ludwig will Freundlich nun wieder als Pionier der Abstraktion ins Bewusstsein bringen, als einen Vertreter der klassischen Moderne, der in vieler Hinsicht Wege wies. Die Ausstellung „Otto Freundlich – Kosmischer Kommunismus“ bietet mit rund 80 Werken eine Übersicht über das Schaffen des Künstlers, der spätestens 1911 sein erstes abstraktes Bild malte.

Julia Friedrich, Kuratorin der Schau, unterstreicht, dass das Museum Freundlich vor allem wegen der außerordentlichen Qualität seiner Werke vorstellt. In der Tat: Die Säle überraschen das Auge mit Gemälden von strahlender Farbigkeit, die den Betrachter unmittelbar ansprechen, obwohl sie abstrakt sind.

Schaut man zum Beispiel auf die „Komposition“ (1930), so findet man eine komplexe Struktur aus kleinen, jeweils mit einer Farbe pastos aufgetragenen Bildfeldern, die sich zu einem harmonischen Ganzen fügen. In bestimmten Bereichen herrscht eine Grundfarbe vor, aber die von Feld zu Feld in Helligkeit und Intensität variiert. Es ergibt sich ein Wechselspiel aus geometrischer Festigkeit und dynamischem Schwung: Ein Bogen bestimmt das Zentrum, der sich über einem roten Feld aufschwingt. Kleine Rechtecke und Trapeze bilden ein gemaltes Mosaik, ein Kreis scheint in der oberen Hälfte zu schweben. Das fängt den Blick sogleich mit dem Strahlen der Farbe, mit seiner reinen Schönheit.

Der Kommunismus im Ausstellungstitel ist kein bloßes Schlagwort. Freundlich sagte zwar von sich, er sei Autodidakt. Aber er hatte in Berlin und München verschiedene Studien angefangen, sich in Florenz mit der Renaissance-Kunst befasst und ab 1908 in Paris ein Atelier. Dort kam er mit der Avantgarde in Kontakt, mit Picasso, Braque, Delaunay und Autoren wie Max Jacob und Apollinaire. Er stand links, gestaltete 1918 zum Beispiel Plakate für die Novemberrevolution, engagierte sich in politischen Künstlergruppen, stand den Kölner Progressiven nahe, schrieb für die von Franz Pfemfert herausgegebene Zeitschrift „Die Aktion“. Und er interessierte sich für die damals aktuelle Physik, sein Cousin war ein Mitarbeiter von Albert Einstein. Der Aufbau der Welt aus kleinen Quanten, Energieladungen, Atomen, die Konzepte von Raumkrümmung und Relativität der Zeit fasste er als Inspiration auf.

Seine frühen Werke, von denen kaum etwas erhalten ist, waren von Jugendstil und Symbolismus beeinflusst. In der Ausstellung ist eine „Komposition“ von 1911 zu sehen, ein abstraktes Gemälde aus organischen Strukturen in Erdtönen. 1914 hatte er an der Restaurierung der Kathedrale in Chartres mitgearbeitet und sich dabei besonders mit den Glasfenstern befasst. Das Handwerkliche in der Kunst faszinierte ihn, und einige seiner wichtigsten Arbeiten sind Teppichentwürfe, Glasfenster, Mosaike. Ein Höhepunkt der Kölner Ausstellung ist das große Mosaik „Die Geburt des Menschen“, das Freundlich 1919 für den Kölner Mäzen Josef Feinhals schuf. Es ist noch figürlich, zeigt in Wirbeln, die für kosmische Energien stehen, einen Menschen in einer Aufwärtsbewegung. Feinhals hatte das Interesse an dem Werk verloren, so dass es nicht in seine Villa eingebaut wurde. Ein Glück, denn das Haus samt der Sammlung Feinhals wurde im Krieg durch Bomben zerstört. Das Mosaik wurde nach 1945 von der Witwe der Stadt geschenkt und hatte im Opernhaus einen freilich wenig beachteten Platz gefunden. Nun glänzt es in der Ausstellung – und soll im Neubau der Oper prominenter präsentiert werden.

1918 prägt Freundlich den Begriff des „kosmischen Kommunismus“, zu dem seine Kunst beitragen sollte. Allerdings war er kein Agitprop-Künstler. Seine Bilder und Skulpturen folgten stets seiner eigenen Kunstvorstellung, illustrierten nie Parolen. Seine Theorie setzte er im Bildaufbau um: Jedes Farbfeld steht dabei gleichwertig in Verbindung zur Gesamtkomposition. Es gibt keine Konturlinien. So kann man ein Gemälde als Kollektiv von Elementen verstehen, die im Zusammenspiel ein bedeutendes, größeres Ganzes formen. Übrigens nannte er in Frankreich als seinen Beruf „Glasmaler“. Seine Gemälde sind aufgebaut wie Mosaike und Glasfenster.

Seine frühen Skulpturen sind von außereuropäischer Kunst inspiriert. Der große Kopf, den man wie viele weitere verschollene Werke nur noch auf einem großen Foto betrachten kann, ist eine Reaktion auf die Monumente auf den Osterinseln. Den Nazis war er, so fanden die Ausstellungsmacher heraus, offenbar wichtig, den „großen Kopf“ als „entartete Kunst“ zeigen zu können. Der empfindliche Gips wurde auf der Ausstellungstournee wohl beschädigt – also schufen sie eine Kopie, in der sie die Deformationen übertrieben, damit das Werk noch „entarteter“ aussah.

Freundlich war schon 1928 nach Frankreich ausgewandert. Als die Nazis das Land besetzten, floh er, versuchte sich mit seiner Lebensgefährtin Hannah Kossnick-Kloss zu verstecken. Aber er wurde verraten. Im Vernichtungslager Sobibor verliert sich 1943 seine Spur. Sein mitreißendes Werk hat letztlich doch überlebt. In Köln kann man ihm begegnen.

Bis 14.5., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0221/ 221 26 165,

www.museum-ludwig.de

Katalog, Prestel Verlag, München, 39 Euro

Quelle: wa.de

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