Das Museum Ostwall in Dortmund zeigt Niki de Saint Phalle

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Die Nana als Athletin: Niki de Saint Phalles große Plastik „Lili ou Tony“ (1965).

Von Marion Gay DORTMUND - Sie trägt einen weißen Kragen und eine Krone aus Kaffeebohnen. Blut rinnt ihr übers Gesicht, das Kleid ist voller Scherben. Das Materialbild (ca. 1958) ist das einzige existierende Selbstporträt von Niki de Saint Phalle (1930–2002).

Zu sehen ist es im Museum Ostwall im Dortmunder U. Unter dem Titel „Ich bin eine Kämpferin“ sind rund 110 Werke der bedeutenden franko-amerikanischen Künstlerin zu sehen, darunter Skulpturen, Lithografien, Assemblagen und Zeichnungen sowie umfangreiches Foto- und Filmmaterial. Die großartige Schau ist ein Kooperationsprojekt mit dem Sprengel Museum Hannover und der Niki Charitable Art Foundation.

Bekannt wurde Saint Phalle durch den 1998 eröffneten Tarotgarten in der Toskana und ihre bunten, üppig-weiblichen „Nana“-Figuren, die vor Lebensfreude strotzen. Doch die Auseinandersetzung mit weiblicher Identität durchzieht das Werk der Künstlerin in sämtlichen Facetten. Die Frau als Gebärende, als Mutter, Menschenfresserin, Mörderin, Heilige oder Hure.

Die Schau zeigt das Ringen der Künstlerin um Selbstbestimmung, angefangen in den späten 50er Jahren, als die Emanzipation der Frau noch utopisch schien. Aufgewachsen in einer streng katholischen Familie an der US-Ostküste, wurde sie mit Wissen der Mutter vom Vater missbraucht und flog zweimal von der Klosterschule, bis sie mit 18 ausriss, heiratete und Mutter wurde.

Chronologisch-thematisch fängt die Ausstellung mit Bildern aus den 50ern an. „La fete“ (1953) zeigt eine Szene auf einem Rheindampfer. Die Leute sind vergnügt, in der Mitte tanzt ein Kind. Unten links drückt sich ein Paar in die Ecke: Saint Phalle und ihr damaliger Ehemann Harry Mathews. Wegen des repressiven Klimas der McCarthy-Ära hatten sie 1952 die USA verlassen, waren nach Paris gezogen und bereisten Europa. Dann erlitt Saint Phalle 1953 einen Nervenzusammenbruch und beschloss, Künstlerin zu werden.

Ende der 50er Jahre beginnt sie mit Assemblagen, in die sie zunächst Porzellanscherben und Plastikmüll einarbeitet. „Paysage de la mort ou collage de la mort“ (1960) ist ein Bild voll Wut und Verzweiflung: die obere Hälfte leuchtet rot, im weißen Grund liegen Revolver, Säge und Rasierklinge, eine verstümmelte Hand und ein Auge. Zu dieser Zeit verlässt Saint Phalle ihre Familie (1955 hatte sie einen Sohn geboren), um sich vollkommen der Kunst zu widmen. Sie teilt sich ein Atelier mit Jean Tinguely, den sie 1971 heiraten wird.

Es beginnt eine befreite und unglaublich kreative Zeit für die Künstlerin, die mit ihren „Tirs“, den Schießbildern, Anfang der 60er Jahre eine neue, innovative Kunstform entwickelt. Zu sehen ist „Tirs – Edition MAT“ (1965), wo aus sieben weißen Formen kunstvoll Farbe über den Untergrund rinnt. Besucher ihrer Ausstellungen waren damals aufgefordert, auf die Werke zu schießen (ein Foto zeigt eine elegante Frau zaghaft die Waffe ausrichten). Es gibt auch Schieß-Objekte, zum Beispiel den zerschossenen Altar oder die Frau mit zerfetztem Bauch (1963).

Frühe „Nana“-Figuren sind zu sehen. Die große „Lili ou Tony“ (1965) springt an der Wand hoch, die schwarze „Dolores“ (1966 – 1995) hält stolz die Handtasche, in einer Vitrine versammeln sich Mini-Nanas.

Berührend auch das Objekt „Marilyn“ (1964), das die berühmte Filmdiva in der Verwesung zeigt. Reduziert auf blonde Haare, blaue Augen, Mund und Brüste ist sie zum traurigen Monster geworden, ein Messer steckt ihr im Herzen.

In der Installation „Bon appétit“ (1980) rechnet Saint Phalle mit der Mutter ab. Als fette Alte sitzt diese mit Hündchen am Tisch, zwischen den Törtchen liegen Babys. Oder sie steht übermächtig neben dem Sarg des Vaters, ein roter Vogel flattert am Kreuz („Les funérailles de père“, 1971).

Dennoch endet die Schau tröstlich mit dem Bild „La mort n’existe pas Life is eternal/ Der Tod existiert nicht Leben ist ewig“, das Saint Phalle 2001 schwerkrank ein Jahr vor ihrem Tod malte. Die eine Hälfte ist noch Mensch, in der anderen Hälfte schwirren die Sterne.

Eröffnung Freitag, 19 Uhr,

bis 23.4.2017

di – so 11 –18, do, fr 11 – 20 Uhr, Tel. 0231/ 50 24 723, www. museumostwall.dortmund.de

Katalog 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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