Das Museum Prinsenhof in Delft zeigt das Werk von Pieter de Hooch

Blicke in die Tiefe des Raumes: Pieter de Hoochs Gemälde „Hof eines Hauses in Delft“ (1658) kam aus der National Gallery London nach Delft. Fotos: Museum

Delft – Dieser Innenhof ist verzaubert. Magnetisch zieht der Durchgang zur Straße den Blick in die Tiefe. Darin steht eine Dame. Eine Frau und ein Kind treten im Zentrum des Gemäldes auf eine Treppe. Sie haben die Schürzen angehoben, tragen darin vielleicht etwas, was sie aus einem Schuppen geholt haben. Nichts in diesem Ort ist besonders, nicht der zusammengezimmerte Holzverschlag, nicht der Besen und der Eimer, nicht das verwitterte Mauerwerk aus roten Ziegeln. Dieses Bild lobpreist das stille Glück des Alltags. Gemalt hat es Pieter de Hooch 1658 in Delft.

Und in Delft ist es nun auch wieder zu sehen. Die Stadt, in der der Maler seine schönsten Bilder schuf, hat heute keins seiner Werke mehr. Zu Lebzeiten war er ein zwar geschätzter, aber keineswegs als herausragend eingestufter Künstler. Sein Ruf und Marktwert wuchs im 19. Jahrhundert, als man auch Johannes Vermeer entdeckte, seinen Kollegen und Rivalen. Noch immer überschattet Vermeers Ruhm das Werk de Hoochs. Aus diesem Schatten soll er nun treten, mit der ersten Werkschau überhaupt, die ihm das Delfter Museum Prinsenhof widmet.

Dass diese Heimkehr Sinn ergibt, zeigt ein Detail der Ausstellung. In de Hoochs Bild ist über dem Durchgang eine Steintafel mit einer Inschrift zu sehen. Sie erinnert an ein aufgelöstes Kloster. Das Original hat sich erhalten, ist in der Sammlung des Prinsenhofs und wird nun vor dem Bild gezeigt.

Die Schau versammelt immerhin 29 der rund 160 überlieferten Werke des Meisters. Die Kuratoren Anita Jansen und David de Haan warben Leihgaben bei den großen Museen der Welt ein, der National Gallery in London und der in Washington, der Kunstakademie in Wien, aber auch bei der Privatsammlung der englischen Königin Elisabeth II. Hier ist ein Künstler zu studieren, der das Interieur und den Innenhof als Motiv vielleicht nicht erfunden hat. Aber er trieb diese Darstellungen auf eine unvergleichliche Höhe. Insoweit ist der Vergleich mit Vermeer unfair. Den unspektakulären Blick auf die Stadt, die Schönheit kleiner Ziegelhäuser, das, was man für eine archetypisch altholländisches Ansicht hält, das hat sicherlich de Hooch geprägt. Vermeers berühmtes Bild „Die kleine Straße“ greift die Innovationen des Kollegen auf. Die Künstler beeinflussten sich wechselseitig.

In Delft ist auch de Hoochs Gemälde einer Münzwägerin (um 1664) zu sehen, das man lange für ein Werk Vermeers hielt. Dann meinte man, de Hooch hätte sich von einem Werk Vermeers inspirieren lassen, der ebenfalls eine Frau in blauer Jacke mit Pelzbesatz zeigt, die eine Waage hält. Aber bei einer Röntgenuntersuchung fanden Wissenschaftler heraus, dass de Hooch ursprünglich noch einen Mann dargestellt hatte, den er später übermalte. Hätte er Vermeer kopiert, hätte er die Komposition nicht geändert. Es war wohl umgekehrt: Vermeer griff ein Motiv des Kollegen auf.

Inzwischen schätzt die Welt die Delfter Schule mit ihren stillen Szenen aus einer florierenden Stadt, in der gut situierte Bürger das Leben genossen. Pieter de Hooch gehörte zu ihren prägenden Meistern. Man weiß wenig über das Leben des Manns, der als Sohn eines Maurers 1629 in Rotterdam geboren wurde. Nicht einmal das Sterbejahr ist bekannt. Die Katalogautoren legen sich nur darauf fest, dass es nach 1679 sein muss. Vielleicht hat er bei Nicolaes Berchem gelernt. Aber das notierte Arnold Houbraken Jahrzehnte nach de Hoochs Tod. Fest steht, dass er die Schwester des Malers Hendrick van der Burch heiratete. Der Künstler konnte von seinen Bildern leben, aber besonders reich wurde er nicht. Als er um 1660 nach Amsterdam zog, mietete er ein Haus in einem wenig noblen Vorort, wo die Mieten niedrig waren.

Seinen Bilder schildern eine heile Welt, was umso erstaunlicher ist, als 1654 Delft von einer Katastrophe betroffen war, der Explosion des Pulverturms mit mehr als 1000 Toten. Vielleicht sollten de Hoochs Idyllen den Schrecken kompensieren.

Die frühesten Werke de Hoochs sind Wirtshausszenen mit trinkenden Soldaten. Die Tafeln aus den frühen 1650er Jahren sind noch von Brauntönen dominiert, und die Zecher sitzen eher in Ställen und Schuppen. Das Motiv griff er auch später noch auf. In dem Gemälde „Kartenspieler in einem sonnendurchfluteten Raum“ (1658) sorgt ein schwarz-weißer Fliesenboden für Ordnung und führt den Blick über die Fluchtlinien. Der Künstler hat die Perspektive sorgsam konstruiert. Und er bietet Durchsichten durch eine offene Tür und ein hohes Fenster. Wie die Schatten fallen, wie das Licht von der Tür reflektiert wird, aber auch eine Spielkate und eine zerbrochene Tonpfeife auf den Fliese vorn suggerieren räumliche Tiefe, stützen die Illusion, als blicke man in einen realen Raum.

Anders als bei Zeitgenossen de Hoochs hat man bei ihm nicht das Gefühl, dass seine Genreszenen moralisch aufgeladen sind. Wenn er den „holländischen Hinterhof“ malt, von dem in Delft zwei Fassungen (ca. 1658–60) ausgestellt sind, dann trinkt die Frau still aus dem Bierglas, der Mann zieht an der Pfeife, ohne dass man auf die Sündigkeit der Welt hingewiesen wird. Da bleibt de Hooch cool.

Unvergleichlich beschwört der Künstler den normalen Moment im Gemälde „Die Mutter“ (ca. 1661–63). Sie sitzt vorn an der Wiege, dem für den Betrachter nicht sichtbaren Baby zugewandt. Im Hintergrund steht ein Mädchen vor einer offenen Tür und blickt nach draußen. Alles ist hier durchdrungen von dem Licht, das durch das Fenster vorn und die Tür des hinteren Zimmers fällt, und de Hooch zaubert hier mit Reflexen auf der bronzenen Bettwärmpfanne an der Wand, dem irdenen Krug auf dem Wandtisch, den blanken Bodenfliesen. Ein perfektes Alltagsidyll. Im 19. Jahrhundert schlug sich die gewachsene Wertschätzung für de Hooch auch in Preisen nieder: 1876 ersteigerte die Gemäldegalerie in Berlin das Werk. Es kostete 135 000 Francs.

Überhaupt verzichtet de Hooch weitgehend auf anekdotisches Erzählen. Wenn er Mutter und Kind in „Das Schlafzimmer“ (ca. 1660–62) darstellt, dann geht es ihm um den liebevollen Blickkontakt.

Faszinierend auch sein Porträt einer Delfter Familie (ca. 1657), deren wohlsituierte Mitglieder er ebenfalls in einem Innenhof platziert, unter freiem Himmel im strengen Sonntagsstaat der Protestanten. Im Hintergrund erkennt man den Turm der Nieuwe Kerk. Immer wieder findet man in seinen Bildern die Türme der beiden großen Delfter Kirchen oder andere Details des Stadtbilds wie den Prinsenhof. Er war eben der Stadt verbunden.

Bis 16.2.,

tägl. 9 – 17 Uhr, Tel. 0031/ 15/ 260 23 58, www. pieterdehoochindelft.com

Katalog (nl./engl.) 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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