Das Museum Unter Tage in Bochum zeigt Ruhrgebietsfotos von Rudolf Holtappel

Die Frau mit den Einkäufen fotografierte Holtappel 1973 an der Zeche Osterfeld. - Fotos: Situation Kunst

BOCHUM - Fördertürme und Schlote verschwinden beinahe in der dichten Wolke, die die Sinteranlage der Hochöfen in Oberhausen im Viertelstundentakt ausstießen. Das hat Rudolf Holtappel notiert zu seinem 1960 entstandenen Foto, das ein Ruhrgebiet zeigt, wie es sich heute niemand mehr vorstellen mag. Unbeeindruckt wandelt ein Paar durch die erdrückende Industriekulisse. War das die gute alte Zeit, als die Schlote noch qualmten?

Diese Fragen mag man sich stellen in der Ausstellung „Umbrüche“ im Bochumer Museum Unter Tage der Situation Kunst. 110 Schwarz-Weiß-Abzüge dokumentieren die 1960er und 1970er Jahre. Es war eine Übergangsepoche. Anfangs trieb das Revier noch das Wirtschaftswunder an. Aber dann gab es die ersten Zechenschließungen, Entlassungen, Demonstrationen, Streiks. Holtappel (1923-2013) war ein Chronist des Ruhrgebiets. Er lebte hier gern, er fotografierte seine Umgebung. Das schloss Aufträge, mal für eine Kaufhauskette, jahrzehntelang Bühnenfotos für das Theater Oberhausen, nicht aus.

Zur Situation Kunst bestand schon lange ein guter Kontakt. Nach seinem Tod hat seine Witwe der Stiftung ein umfangreiches Konvolut geschenkt. Die aktuelle Ausstellung soll mit rund 110 Aufnahmen diese Gabe würdigen. Zugleich zielt das Haus auf mehr: Holtappels Bilder bilanzieren eine bald abgeschlossene Epoche, im nächsten Jahr schließt die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Bilder anderer Fotografen sollen die Erzählung fortsetzen, sollen Kontraste zeigen, den Blick lenken auf das Phänomen Strukturwandel. Wie verhalten sich Verlust und Gewinn zueinander?

Der Qualm gehört bei Holtappel dazu. Seine betörend ästhetischen Aufnahmen der Ruhr-Skyline mit all den Fördertürmen, Schloten, Stahlgerüsten, wuchtigen Rohrlabyrinthen, Kränen haben alle dieses Gewölk, so wie die niederländischen Landschaftsmaler die Nuancen des hohen Himmels über der tiefen Ebene einfingen. Bei Holtappel allerdings bezeugen die Abgase, dass die Betriebe arbeiten. Diese Aufnahmen entstammen dem wirklichen Leben, wo die wuchtigen Industrie-Kathedralen noch ihren ursprünglichen Zweck erfüllen. Holtappels Foto der Zentralkokerei Nordstern in Gelsenkirchen von 1962 ist ein Wunder der Lichtbildkunst, so nuancenreich hat er den Blick auf das Kanalufer abgezogen. Man sieht das Wasser, in dem sich die Sonne bricht, die feuchten Steine, das Ufergestrüpp und den wuchtigen Gebäudekomplex. Das Bild hat nicht nur Spannung durch das Wechselspiel von Horizont und diagonaler Uferlinie. Es besticht auch durch seinen Reichtum an Grautönen mit einer geradezu malerischen Opulenz.

Holtappel sieht das Ruhrgebiet als Lebensraum. Er bezieht die Menschen mit ein. Vor der HOAG in Oberhausen flanieren 1960 zwei Frauen und ein Mädchen in weißen Kleidern. Ihr Selbstbewusstsein macht aus der Stahl- und Betonanlage eine Kulisse. Die Passanten sind die Hauptfiguren, und Holtappel scheint oft in die Knie gegangen zu sein, um zum Beispiel die Dame mit den Einkaufstaschen vor der Zeche Osterfeld (1973) noch etwas dominanter zu inszenieren.

Man vergleiche das mit den Aufnahmen, die Bernd und Hilla Becher an der Gutehoffnungshütte in Oberhausen machten, zeitgleich mit Holtappel, ebenfalls in Schwarz-Weiß. Aber sie fassen vor allem Baukörper, in neutralem, möglichst schattenfreiem Licht. Ihre musealen Bestandsaufnahmen würden durch Qualm gestört. Die Fotos atmen den analytischen Geist von Archäologen. Auch bei ihnen taucht – auf einem Bild von 1969 – ein Kleingärtner im Vordergrund auf. Es erscheint wie ein Zufall.

Holtappel wahrte oft Distanz. Für den Schwatz der Nachbarinnen am niedrigen Gartenzaun vor der Zeche Consolidation in Gelsenkirchen (1962) wählt er die Totale. So sieht man drei Frauen in den typischen Kitteln, das Gemüse, durch das eine Katze streift, am Horizont die umdunsteten Schornsteine und Türme. Da ist er Flaneur, vorübergehender, scheinbar zufälliger Zeuge, wie auch bei den Jungs, die 1970 in der Siedlung Eisenheim die Deputatskohle in den Keller schüppen. Manchmal sucht er doch Nähe, zum Bergmann unter Tage auf Zeche Alstaden (1959), am Tresen der Gaststätte Volkenborn (1973), wo auch viele qualmen.

Ein Jahrzehnt später, bei Joachim Brohm, ist die Ruhrindustrie schon nicht mehr bildwürdig. Sie taucht in den Aufnahmen mit typisch gedämpften Farben allenfalls als fernes Echo auf, einige Türme hinter einer Autobrücke in Hattingen (1982) zum Beispiel. Der 1955 geborene Fotograf widmet sich dem, was nach Kohle und Stahl blieb. Die Ruhrregion wird zur Freizeitlandschaft, manchmal als unwirtlicher Treffpunkt unter einer Autobahnbrücke (Essen, 1980), mal als Zelt- und Badeplatz auf einer Rasensteppe, mit den Fahrspuren der Autos als Struktur (Bochum, 1983).

Bei der aus der Tschechoslowakei ins Ruhrgebiet gezogenen Fotografien Jitka Hanzlová ist oft erst mit dem zweiten Blick das Ruhrgebiet zu identifizieren, zum Beispiel an den Witterungsspuren am Hausputz hinter zwei Birkenstämmen (2009), oder an der einsamen Tanne zwischen zwei Mietshäusern (2009). Hier richtet sich ein sehr subjektiver Blick auf die unmittelbare Umgebung.

Zwei Videos von Marco Kugel und Richard Serra werden ebenfalls gezeigt.

Bis 25.3.2018, mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0234 / 298 89 01,

www.situation-kunst.de,

Katalog, 4 Bde. im Schuber, 32 Euro, anschließend im Willy-Brandt-Haus, Berlin

Quelle: wa.de

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