Mu.Zee Ostende stellt den belgischen Futuristen Jules Schmalzigaug vor

Im Rausch der Geschwindigkeit: Jules Schmalzigaugs Bild „Dynamischer Ausdruck der Bewegung einer Tänzerin“ (1914) ist in Ostende zu sehen. - Fotos: Museum

OSTENDE - Ein Feuerwerk aus roten, blauen, gelben Bögen zündet Jules Schmalzigaug in seinem 1914 entstandenen Gemälde „Dynamischer Ausdruck der Bewegung einer Tänzerin“. Dieses Bild besteht ganz aus Rhythmus und Geschwindigkeit. Irgendwo in diesem Wirbeln ahnt man die menschliche Figur noch, aber man erkennt sie nicht. Die getupften Partien wirken wie Funkengestöber.

Perfekt hat der Künstler das Programm des Futurismus realisiert. Das Werk bricht mit der Tradition. Das Thema ist dem Alltag entnommen. Malerei will hier ihre Begrenzungen überschreiten. Man meint, Bewegung zu sehen, also steckt ein Moment von Zeit in dem Bild. Die Rhythmisierung übersetzt sich als Musik. Die Wahrnehmung soll gesteigert werden bis zur Synästhesie. Der italienische Künstler Carlos Carrà forderte, dass die futuristische Malerei Klänge und Gerüche in Farbe übersetzen solle. Schmalzigaug schuf sein Bild nach diesem Rezept.

Zu sehen ist es im Mu.Zee in Ostende, dem Museum für moderne Kunst der flämischen Hafenstadt. Die Ausstellung mit dem etwas angestrengten Titel „Jules Schmalzigaug und die Futuristische Küche“ bietet eine erste Übersicht eines faszinierenden Werks im Kontext der Zeitgenossen. Es gab ein „futuristisches Kochbuch“, das aber erschien erst Jahre nach Schmalzigaugs Tod. Aber Museumsdirektor Phillip van den Bossche und Kurator Adriaan Gonnissen gefiel offenbar die Idee, das avantgardistische Treiben der Futuristen mit der kulinarischen Metapher zu umschreiben.

Der Futurismus wird gemeinhin als genuin italienische Kunstrichtung angesehen, mit wenigen Ablegern und Parallelen zum Beispiel in England (beim Vortizismus) und in der Sowjetunion (beim Suprematismus). Nördlich der Alpen ging die Avantgarde eigentlich andere Wege, mit expressionistischen und später surrealistischen Tendenzen. Aber Schmalzigaug (1882–1917), Spross einer gutsituierten Händlerfamilie in Antwerpen, dessen Großvater aus Deutschland eingewandert war, bildet eine Ausnahme. Für eine kurze, aber wichtige Zeit zählten die Protagonisten der Bewegung wie Balla, Boccioni, Depero und Marinetti ihn zu den Ihren. Und Schmalzigaug beeinflusste wiederum einige wichtige belgische Künstler wie Georges Vantongerloo, Victor Servranckx und sogar René Magritte, bevor der den Surrealismus entdeckte.

Diesen Bogen spannt die Schau mit rund 130 Werken, die aus großen europäischen Museen, aber auch aus den USA entliehen wurden.

Das Talent des in der Jugend kränkelnden Künstlers wurde früh entdeckt. Er studierte an den Akademien in Antwerpen und Karlsruhe. Prägend wurde Italien für ihn, 1905 brach er zu einer neunmonatigen Reise auf, die in Venedig endete. Die Stadt sollte ihn nicht mehr loslassen. Aber die Futuristen entdeckte er 1912 in Paris, nachdem er die Kunst schon frustriert hatte aufgeben wollen. Nun aber gab er sich dem neuen Stil hin.

Höhepunkt von Schmalzigaugs Karriere war die große Futuristen-Ausstellung 1914 in Rom, zu der er sechs ausgewählte Bilder schickte. Dieses Ensemble ist in Ostende erstmals wieder vereint, die Essenz von Schmalzigaugs lichtdurchfluteter, farbintensiver Malerei an der Schwelle zur Abstraktion. Zwei dieser Werke hatte die Kunstszene aus dem Blick verloren. Auf „Gold + Fahnen + Sonnenschirme: San Markusplatz“ (1913/14) sind hinter den vibrierenden Farbfeldern noch die realistischen Details der Stadtlandschaft zu entdecken. Das radikalste Bild der Serie, „Entwicklung eines Themas in Rot: Karneval“ (1914), hat die figurativen Momente aufgegeben, besteht fast nur aus Wirbeln, die pastos aufgetragen sind. Die Handschrift des Malers ist sichtbar, man sieht, wie in die Farbe noch einmal Linien gezogen sind. Das Werk weist voraus auf die gestische Kunst des abstrakten Expressionismus.

Die Schau setzt mit frühen, noch impressionistisch gehaltenen Skizzen aus Venedig ein. Seine Malerei wird farbstärker, expressiver, bis er sich um 1913 mit Farbstudien und prismatischen Formbrechungen ganz dem Futurismus zuwendet. Vom politischen Radikalismus – Marinetti und Co. sympathisierten mit den Faschisten – distanzierte Schmalzigaug sich allerdings. Als der Weltkrieg ausbrach, floh er zurück nach Antwerpen und weiter nach Den Haag. Im neutralen Holland suchten viele Belgier Zuflucht. Obwohl er auch hier aktiv war, sogar eine Schule für Kunsthandwerk gründete, litt er an Depressionen. 1917 beging er Selbstmord.

In der Schau sieht man auch späte Skizzen, die Schmalzigaugs große Gabe für Karikaturen und Momentaufnahmen zeigen. Und wenn auch die Strandszenen aus Scheveningen die Verve der Gemälde verloren haben – er malte und zeichnete bis zuletzt. Und das famose Porträt des Barons Francis Delbeke (1916–17) zeigt, dass sich futuristische Energie und psychologische Durchdringung nicht ausschließen.

Nicht verpassen sollte der Besucher auch den neuen Museumsflügel, den das Mu.Zee den beiden großen Ostender Künstlern James Ensor und Léon Spilliaert widmet. Auf rund 1000 Quadratmetern werden rund 100 Werke der beiden aus der Sammlung des Hauses präsentiert.

Bis 5.3.2017, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 59/ 50 81 18, www.muzee.be,

Katalog (nl/engl.) 49 Euro

Quelle: wa.de

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