Nach 200 Jahren kehrt Liesborner Evangeliar an Entstehungsort zurück

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Eine aufwendig gestaltete Handschrift von unschätzbarem historischem Wert: Blick in das Liesborner Evangeliar.

Von Andreas Balzer WADERSLOH - Über den Ursprung der etwa 1000 Jahre alten Handschrift ist kaum etwas bekannt. Es sei um 980 entstanden, ist oft über das Liesborner Evangeliar zu lesen, eines der wenigen vollständig erhaltenen ottonisch-salischen Evangelienbücher aus einem westfälischen Kloster. Aber diese Datierung ist keineswegs gesichert. Auch über die drei Schreiber weiß man nur, dass es sich bei einem um einen Diakon namens Gerwardus gehandelt hat.

Klar ist jedoch, dass die mittelalterliche Schrift eine besondere kulturhistorische Kostbarkeit ist. Und das auch im Wortsinne: Für drei Millionen Euro hat der Kreis Warendorf das Evangelienbuch von einer amerikanischen Kunsthändlerin gekauft, um es nach einer über 200-jährigen Odyssee wieder dauerhaft an seinem Ursprungsort, dem heutigen Museum Abtei Liesborn, präsentieren zu können. Gestern wurde es in Wadersloh-Liesborn in einem großen Festakt der Öffentlichkeit vorgestellt. Doch das eigentliche Abenteuer, die wissenschaftliche Erforschung, beginnt erst.

Das Widmungsgedicht legt nahe, dass die Liesborner Äbtissin Berthildis die Auftraggeberin des Evangeliars war. Die Schwester des Münsteraner Bischofs Hermann I. findet in Quellen aus dem Jahr 1041 Erwähnung. In der Forschung gebe es jedoch die These, „dass der Kodex bereits im 10. Jahrhundert entstanden ist und damit schon länger vorlag, bevor Berthildis zur Äbtissin des Liesborner Damenkonvents ernannt wurde“, konstatiert Museumsleiterin Elisabeth Schwarm. „Eine zweite These vertritt die Ansicht, dass das Buch erst im 11. Jahrhundert, unmittelbar vor oder mit dem Amtsantritt der Berthildis entstanden ist.“

Beide Thesen hätten etwas für sich, meint die Kunsthistorikerin. „Dies gilt ebenso für die Annahmen des Entstehungsorts der Handschrift, für den sowohl der Kölner Raum als auch der Essener Raum diskutiert wird.“ Sie gehe davon aus, „dass wir allein durch die bessere Zugänglichkeit des Kodex für die Forschung in Zukunft eine ganze Reihe neuer Feststellungen machen werden“. Denn: „Durch reine Überlegung wird man das Problem der Datierung nicht lösen können.“

Eine erste wissenschaftliche Untersuchung der verschiedenen Handschriften gab es bereits vor gut zehn Jahren. Gefragt ist jetzt Schwarm zufolge ein interdisziplinärer Ansatz: „Bislang fehlen Untersuchungen von Kodikologen, Hagiographen, Historikern, Liturgikern und Kunsthistorikern. Erst wenn die Ergebnisse aller Disziplinen vorliegen, wenn wir den vollständigen Kontext des Evangeliars kennen, werden wir die Handschrift richtig bewerten können.“

Von Anfang an war die Evangeliensammlung alles andere als ein normales Buch. Evangelienbücher waren laut Schwarm „als Stellvertreter Christi geheiligt“ und hätten dadurch einen besonderen Status gehabt. „Diese Sonderstellung zog es nach sich, dass das Evangeliar nicht für die tägliche Lesung, sondern nur an hohen Festtagen und zu besonderen Anlässen, in gleicher Weise wie es für das Prachtevangeliar des Papstes galt, verwendet wurde.“

Als Teil des Kirchenschatzes wurde die Handschrift an einem besonders sicheren Ort wie etwa der Sakristei aufbewahrt. Vielleicht überstand sie deshalb den Brand der Abtei im Jahr 1121 unbeschadet. Im Laufe der Zeit wurde das Buch mehrfach erweitert und verändert. So wurde den Evangelientexten im 12. Jahrhundert eine Seite mit einem Vaterunser-Diagramm vorangestellt, das den Heilsweg zu Gott aufzeigt. Ende des 15. Jahrhunderts kam ein aufwendig gestalteter Einband hinzu. Offenbar wurde das Buch in diesem Zusammenhang auch etwas verkleinert.

„Ich gehe davon aus, dass wir mit der genauen Beobachtung weitere Veränderungen oder Anpassungen feststellen werden“, betont Museumsleiterin Elisabeth Schwarm. „Selbstverständlich wird sich die Untersuchung auch auf den Text erstrecken, denn Randbemerkungen, Glossen oder notabene-Zeichen lassen erkennen, welche Passagen für den Vortrag in der Kirche besonders wichtig waren.“

Dass das Evangeliar die Jahrhunderte so unbeschadet überstanden hat, dürfte nach Einschätzung der Kunsthistorikerin mit dem besonderen Status als Stellvertreter Christi, „aber vermutlich noch viel mehr mit seinem Status als quasi institutionelles Gedächtnis“ zusammenhängen.

Als solches ermögliche das Evangeliar der Forschung einen Zugang zu der verschütteten Klostergeschichte. „Die Handschrift wird es uns ermöglichen, einen Blick in die Lebenswelt der Liesborner Kanonissinnen und Mönche des frühen Mittelalters bis in die Neuzeit zu gewähren.“

Quelle: wa.de

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