Neue CD: Hamilton de Holanda: Casa de Bituca

+
Hamilton de Holanda: Casa de Bituca

Hamilton de Holanda: Casa de Bituca (MPS/Edel). Schwer vorzustellen in Europa, dass ein Virtuose an der Mandoline ein nationaler Star ist. Hamilton de Holanda (41) hat in Brasilien diesen Status.

Und wenn man seine aktuelle Platte hört, die ganz den Kompositionen einer lebenden Legende gewidmet ist, dem Sänger Milton Nascimento, der im Oktober 75 Jahre alt wird, versteht das vielleicht auch der deutsche Hörer. Auf zwei Titeln von „Casa de Bituca“ singt Milton Nascimento mit. Und wer kann sich dem rhythmischen Zauber entziehen, wenn Hamilton de Holanda „Bicho Homem“ mit flirrenden Saitenklängen über einen treibenden Funk legt und Nascimento seine Stimme wie ein Instrument einsetzt, die das Thema unisono verdoppelt, manchmal auch bloß sphärische Klänge erzeugt?

Das Quintett de Holandas, in dem neben dem Chef noch Gabriel Grossi an der Mundharmonika den Klang bestimmt, bleibt stets transparent, selbst wenn die Rhythmen sich verdichten. Das ist keine konsumierbare Samba-Folklore, sondern schaut immer zum Jazz. Die meisten Titel stammen aus dem Frühwerk Nascimentos wie die melancholisch-melodiösen Geniestreiche „Ponta de Areia“ und „Vera Cruz“. Dem Klassiker „Travessia“ verleiht Alcione, eine Diva der Musica Popular Brasileiro, unvergleichliche Eindringlichkeit. Und wie beglückend ist es, wenn Holanda unbegleitet die hellen Töne des „Cancao da America“ aus seinem Instrument perlen lässt, pure Poesie. Ein Lied ist neu, „Mar da Indiferencia“. Über das Meer der Gleichgültigkeit schrieb de Holanda, als er das Foto des ertrunkenen dreijährigen syrischen Flüchtlingskinds Aylan sah. Und de Holanda setzt der Trauer einen unbändigen Lebenswillen entgegen. Wie er dabei einen kleinen Kinderchor einsetzt, mit aparten rhythmischen Akzenten, ohne jeden Anhauch von Kitsch, das ist schon brillant. - Ralf Stiftel

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare