Elf Neuerscheinungen aus den Buchmesse-Gastländern Niederlande und Flandern

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Besucher besichtigten gestern Abend nach der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse den Pavillon der Niederlande und von Flandern.

„Dit is wat we delen“ („Dies ist, was wir teilen“) lautet das Motto der beiden Gastländer bei der 68. Frankfurter Buchmesse. Die Niederlande und der flämischsprachige Teil Belgiens stellen sich mit 450 neuen Titeln vor. So viel gab es noch nie bei einem Gastland. Autoren wie Cees Noteboom, Harry Mulisch, Maarten t’Hart und Margriet de Moor haben hierzulande eine große Leserschaft. Unsere Nachbarländer sind uns auch literarisch nah. Hier eine Auswahl an lesenswerten Neuerscheinungen.

1. Dieser moderne Klassiker der flämischen Literatur erhitzte die Gemüter, als er 1983 erschien. In der autobiografisch unterfütterten Geschichte des Druckersohns Louis Seynaeve, der in Walle zwischen 1939 und Nachkrieg Pubertät und die Anfänge einer Autorenkarriere durchlebt, brach Hugo Claus (1929–2008) Tabus. Die Belgier, und speziell die Flamen, schilderte er nicht als Opfer der deutschen Besatzung, sondern als Opportunisten, als Mittäter. Schnell wurde auch in Deutschland der Rang dieses Romans erkannt, aber die erste deutsche Übersetzung erschien unter dem verfälschenden Titel „Der Kummer von Flandern“ und war gekürzt. Zur Buchmesse wird nun die großartige Neuübersetzung von Waltraud Hüsmert, die zuerst 2008 erschienen ist, neu aufgelegt, unter dem richtigen, den Nationalismus der Sprachgruppe negierenden Titel: „Der Kummer von Belgien“. Dieses wuchtige Buch erzählt von Politik und Intrigen, von Lüge und Gewalt, von Liebe und Sex mit grimmigem Humor und in glanzvoller Sprache. Für schwächere Bücher haben andere Autoren den Nobelpreis erhalten.

Hugo Claus: Der Kummer von Belgien. Deutsch von Waltraud Hüsmert. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart. 823 S., 34,95 Euro

2. Ein bisschen „Madame Bovary“, ein bisschen „Rashomon“, dazu die flämische Provinz vor dem Ersten Weltkrieg: Daraus komponierte Kris van Steenberge „Verlangen“, einen dichten Familienroman mit kriminalistischen Momenten. Elisabeth, die Tochter des Schmieds in einem Dorf bei Ypern, liebt die Bücher und würde gern lernen. Aber die Familie geht vor. Durch die Ehe mit dem jungen Arzt Guillaume hofft sie, den engen Verhältnissen zu entgehen. Doch die anfangs glückliche Ehe zerbricht, als sie Zwillinge bekommt: den schönen Valentijn und seinen entstellten Bruder, dessen Hässlichkeit den Vater so erschreckt, dass er ihm keinen Namen geben mag. Und dann, am Vorabend des großen Krieges, wird Elisabeth erschlagen aufgefunden. „Verlangen“ ist in vier Abschnitten erzählt, jeder aus der Perspektive eines anderen Mitgliedes der Duponselles. Van Steenberge gibt allen eine Stimme, tastet sich zur Wahrheit vor, und besonders die Passagen um den ausgegrenzten, aber hochintelligenten „Namenlos“ faszinieren.

Kris van Steenberge: Verlangen. Deutsch von Waltraud Hüsmert. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart. 439 S., 24,95 Euro

3. Auch Saskia de Coster erzählt in „Wir & ich“ von einer Familie, den Vandersandens, die im Villenviertel auf dem Berg leben. Stefaan, ein Arzt, sitzt im Vorstand eines Pharmaunternehmens, ärgert sich mit einem Mitarbeiter rum, der aufs eigene Konto gewirtschaftet hat und liebt eigentlich vor allem Bob Dylan. Seine Frau Mieke hat sich in den Haushalt zurückgezogen und baut ihren Stress dadurch ab, dass sie die Teppichfransen kämmt, Tochter Sarah fühlt sich wie in einem goldenen Käfig. Aber dann entdeckt sie, mit einigen Mädchen aus der Nachbarschaft, die Rockmusik, Drogen und die Jungs. Ein schön schräger Roman über bürgerlichen Materialismus und wie man ihm entkommt.

Saskia de Coster: Wir & ich. Deutsch von Isebell Hessel. Tropen Verlag, Stuttgart. 409 S., 22,95 Euro

4. Ayoub hat es schlecht getroffen in Waasdorp in der flämischen Provinz. In einem Kaff, das nur den Kebab-Laden von Yilmaz und den Waschsalon hat, wenn der Vater einen vor die Tür gesetzt hat, ist einer wie er verloren. Fikry El Azzouzi, Belgier mit marokkanischen Wurzeln, beschreibt in seinem Roman „Wir da draußen“ das Milieu der Migrantenkinder, die keine Perspektive haben und mehr aus Langeweile in der Kriminalität landen. Ayoub, der Schriftsteller werden will, erzählt recht witzig von sich und seinen Drarrie-Kumpeln, dem schönen Fouad, dem gerissenen Maurice und Karim, der eigentlich Kevin heißt, sich aber sehr migrantisch fühlt. Am Ende sitzen sie bei einer schwarzen Witwe, Karims neuer Frau Umm Houda, deren bisherige Männer die Berufung überkam, den unterdrückten Brüdern in Afghanistan und Syrien beizustehen.

Fikry El Azzouzi: Wir da draußen. Deutsch von Ilja Braun. DuMont Verlag, Köln. 224 S., 20 Euro

5. Detlev van Heest hat für Tageszeitungen in Japan gearbeitet, bis er keine Artikel mehr schrieb, sondern sich dem Alltag zuwandte. Sein Roman „Junglaub“ handelt vom Leben eines Berufslosen in der Fremde, vom Zusammenstoß der Kulturen: Darf man eine Hose verschenken oder demütigt man damit sein Gegenüber? Liebevoll porträtiert er die Menschen der Nachbarschaft. Frau Suzuki zum Beispiel, die „Heesto-san“ immer wieder Reis oder Obst anbietet oder einen Tee und die am Ende in der Demenz versinkt. Oder der Friseur, mit dem van Heest sich so anfreundet, dass er sich von keinem anderen die Haare schneiden lassen will, als Herr Bohrinsel seiner Krebserkrankung erliegt. Viele dieser Porträts sind von Melancholie grundiert. Das Japan, das van Heest in dem kleinen Ort bei Tokio ergründet, ist ein Land in Verfall und Alterung, wo selbst die Söhne schon Rentner sind. Aber es gibt auch Heiterkeit, wie in dem Kapitel um den Flötenlehrer Siebenseen. Und im Kapitel um Herrn Van Tricht, der im Weltkrieg auf Borneo diente, wird van Heest zum zugleich unerbittlichen wie höflichen Ermittler, der wissen will, ob der Veteran holländische Kriegsgefangene gefoltert hat.

Detlev van Heest: Junglaub. Jahre in Japan. Deutsch von Gerd Busse und Ulrich Faure. Verbrecher Verlag, Berlin. 594 S., 24 Euro

6. Pieter Steinz, geboren 1963, erfuhr 2013, dass er an ALS litt, einer Nervenkrankheit, die zu einer tödlichen Lähmung führt. Der Historiker und Journalist war einer der wichtigsten Literaturkritiker der Niederlande. Der Band „Der Sinn des Lesens“ zeigt die elementare Bedeutung von Texten für jemanden, der den Tod vor Augen hat. Für eine Artikelfolge im NRC Handelsblad las er seine Lieblingsbücher noch einmal, stets mit Blick auf sein Leben als Kranker. Angesichts von Kafkas Erzählung „Der Hungerkünstler“ sinniert er über die eigene Appetitlosigkeit, Hans Christian Andersens Märchen der Meerjungfrau gibt Anlass, über den Verlust der Sprache durch die Lähmung nachzudenken, und Patrick Süskinds Roman „Das Parfüm“ löst Äußerungen über den Geruchssinn aus. Schonungslos berichtet er über Operationen, Medikamente und Körperversagen. Aber gleichzeitig hat der Leser das Gefühl, dass Steinz so viel Leben auskostet, wie ihm noch vergönnt ist. Im August erlag er seiner Krankheit.

Pieter Steinz: Der Sinn des Lesens. Deutsch von Gerd Busse. Reclam Verlag, Stuttgart. 220 S., 22,95 Euro

7. Die US-Lyrikerin Sylvia Plath und der britische Poet Ted Hughes waren ein Traumpaar der modernen Literatur. Bis sie sich 1963 umbrachte. Und nun begann die Mythenbildung, unter anderem, weil Hughes Tagebücher seiner Frau vernichtete. Biografien gibt es einige, vor allem über Plath. Die vielfach ausgezeichnete niederländische Autorin Connie Palmen hat einen Roman geschrieben, der verdichtet und hoch poetisch Hughes eine Stimme verleiht. „Wir erbeuteten einander“, heißt es. Palmen liefert die Autobiografie, die der Witwer stets verweigerte, und setzt die Freiheit der Poesie gegen die Ausbeutung durch eine „babylonische Industrie“ des Literaturbetriebes.

Connie Palmen: Du sagst es. Deutsch von Hanni Ehlers. Diogenes Verlag, Zürich. 279 S., 22 Euro

8. Jasper ist eine große, schwarze Promenadenmischung mit etwas Windhund darin. Sein Knecht ist Gerbrand Bakker. In „Jasper und sein Knecht“ schreibt der niederländische Romancier über sein altes Haus in der Eifel, das er gekauft hat, über sein Leben in der Einsamkeit, Begegnungen mit Texten, die ihm wichtig sind, Erinnerungen an die Kindheit. Ein eigenwilliges Werk, mal Selbstbeschau, mal Essay, mal Tagebuch, über Rhabarbermarmelade, attraktive Männer, trostlose Lesungen, die eigene Depression und natürlich über einen Hund, der nicht Liebe bringt, wie Bakker es sich erhoffte, sondern etwas autistisch zu sein scheint.

Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht. Deutsch von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlag, Berlin. 448 S., 24 Euro

9. Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden, der zeitweise nur unter seinen Initialen AFTh publizierte, gehört zu den wichtigsten Romanciers der Niederlande. Er schreibt oft ausladend, sein Zyklus „Die zahnlose Zeit“ umfasst sieben Bände. Der Roman „Das Biest“, im Original 2013 erschienen, begnügt sich mit 300 Seiten und eignet sich gut, um das Werk dieses großen Pathetikers kennenzulernen. Das Biest meint zunächst die Tante Tiny des Erzählers Albert Egberts, eines Alter Ego des Autors. Sie wird gern als „Tientje Putz“ verspottet, weil sie stets das gelbe Staubtuch zur Hand hat. Aber sie ist auch gefürchtet wegen ihrer boshaften Bemerkungen. Van der Heijden entfaltet ein erschütterndes Ehe- und Familiendrama, denn der vergiftete Charakter der Titelheldin geht auf ein lange verdrängtes Unrecht zurück. Auf wen sich der Titel wirklich bezieht, das wird zum Ende hin immer zweifelhafter.

A.F.Th van der Heijden: Das Biest. Deutsch von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag, Berlin. 303 S., 24 Euro

10. Da gibt es also eine weltweite Gemeinde von mehreren Historikern, die sich mit Hitler befassen, die Magazine herausgeben wie „Blondie. Zeitschrift für Hitlerstudien“, die im Internet Bilder von Hitler-ähnlichen Katzen und Häusern hochladen, die den Spuren des Führers bis in X-Men-Comics und zu einem Wandmaler Hitler Lima jr. in Chile folgen. Klingt irre? Joost de Vries hat in seinem Roman „Die Republik“ noch ein Königsdrama draufgelegt: Vordenker der Hitleristen ist der Philosoph Josip Brik, gerade verstorben und von seinem Meisterschüler Friso de Vos sehr betrauert. Doch dann taucht im Fernsehen ein gewisser Philip de Vries auf, der dem Meister ebenfalls sehr nahe stand. De Vries mischt eine Wissenschaftssatire mit Elementen eines Agententhrillers, überaus unterhaltsam.

Joost de Vries: Die Republik. Deutsch von Martina den Hertog-Vogt. Heyne Verlag, München. 299 S., 19,99 Euro

11. Im Büro für Volkskunde brechen 1979 neue Zeiten an. Lange expandierte das wissenschaftliche Institut. In Zeiten der Wirtschaftskrise ist Sparen angesagt. Nun muss Maarten Koning, der Held in J. J. Voskuils (1926–2008) monumentalem Romanprojekt „Das Büro“, darum kämpfen, verdiente Kollegen zu einer Anstellung als wissenschaftliche Beamte zu verhelfen und vorhandene Stellen dadurch zu sichern, dass sie nicht unbesetzt bleiben. Und da kommt Eef zuerst zum Zuge, obwohl er von Musik weniger versteht als seine Kollegin Rie. Außerdem zofft man sich um Karteischränke und ärgert sich über Studenten, die das Datenarchiv des Instituts nutzen wollen. Voskuils Zyklus aus sieben Romanen, in den Niederlanden ein Klassiker, hat auch im 5. Band „Und auch Wehmütigkeit“ nichts von seiner Faszination eingebüßt. Selten wurde die bürgerliche Arbeitswelt mit solch scharfem Blick für zwischenmenschliche Nuancen beschrieben.

J.J. Voskuil: Das Büro. Und auch Wehmütigkeit. Deutsch von Gerd Busse. Verbrecher Verlag, Berlin. 991 S., 32 Euro

Quelle: wa.de

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