Niall Fergusons Biografie zu Henry Kissinger: „Der Idealist“

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Henry Kissinger auf dem Weg zur Royal Albert Hall in London am 24 . April 2002.

Dass er in den 1950er Jahren einen begrenzten Atomkrieg für möglich hielt und die US-Regierung aufforderte, geeignete Waffen und Strategien zu beschaffen – das gilt Kritikern als frühe Sünde Henry Kissingers. Ein Buch mit diesen Thesen machte den jungen Harvard-Professor in den USA zum Bestsellerautor. Ein paar Jahre später rückte er von der Idee der „begrenzten Bedrohung“ wieder ab, sie erschien ihm nun genau so unglaubwürdig wie die der „massiven Vergeltung“.

Diese Karriere-Etappe zeigt für Niall Ferguson Kissingers kühlen Blick auf politische Gemengelagen. Der britische Historiker hat eine wuchtige Biografie über den späteren US-Außenminister begonnen.

Kissinger gilt als Meister der Realpolitik, der Gegebenheiten erfasst, Handlungsspielräume erkennt, das Gleichgewicht der Kräfte auspendelt, Entscheidungen trifft. Die einen halten seine Diplomatie für hohe Kunst, für die anderen war sie der real existierende Zynismus.

Ferguson kommt auf gut 1000 Seiten noch gar nicht bis zur Amtszeit Kissingers als Außenminister (1973-1977), sondern behandelt die ersten 45 Lebensjahre: Die Geburt Heinz Alfred Kissingers 1923 im bayerischen Fürth in ein bürgerlich-konservatives jüdisches Milieu, die Kindheit als Lehrersohn, Entrechtung und Verfolgung im NS-Staat, die Emigration der Familie in die USA, seine Rückkehr ins Nachkriegsdeutschland als US-Soldat in der Spionage-Abwehr, Universitätslaufbahn und zunehmende Aufmerksamkeit für seine Analysen, schließlich die Ernennung zum Nationalen Sicherheitsberater der Regierung Nixon 1968. Im Vorwahlkampf hatte Kissinger noch Nixons republikanischen Parteirivalen Nelson Rockefeller unterstützt, seinen Mentor.

Das alles erzählt Ferguson quellengesättigt und anschaulich. Er zieht große Panoramen auf über außenpolitische Denkmuster, die Universitätslandschaft und das konservative Lager der USA in den 1950er und 1960er Jahren, was eher Spezialisten ansprechen dürfte. Daneben funkeln biografische Skizzen und Anekdoten, zum Beispiel ein Gespräch mit dem späteren SPD-Fraktionschef Herbert Wehner, der im Sommer 1965 über das Bonner Spitzenpersonal lästerte, von CDU-Kanzler Ludwig Erhard über FDP-Chef Erich Mende bis zum eigenen Parteichef Willy Brandt. In einer anderen Episode schildert Ferguson, wie Kissinger ihn vor rund zehn Jahren als Biografen köderte. Er öffnete sein privates Archiv, ließ sich rückhaltlos befragen, und Ferguson vervollständigte sein Bild mit Befunden aus 111 Archiven. Seine Biografie setzt auch Maßstäbe beim Forschungsvolumen.

Dabei stehen die richtig heißen Eisen noch aus: Im zweiten Band wird es um die Rolle der USA beim Sturz des chilenischen Regierungschefs Salvador Allende 1973 gehen. Um die Duldung von Folter und Morden der argentinischen Militärjunta. Um die Bombardierung Kambodschas 1970, die den Nachschub der Vietcong treffen sollte. Und um den Friedensvertrag mit den Nordvietnamesen 1973, für den Kissinger im gleichen Jahr den Friedensnobelpreis erhielt.

Ferguson macht kein Hehl aus seiner Sympathie für Kissinger, dementsprechend meinungsfreudig sortiert er die Literatur über den Mann. Doch will Ferguson Kissinger nicht nur gegen den Vorwurf von Kriegsverbrechen verwahren. Er reklamiert moralische statt nur pragmatische Qualitäten: „Kissinger: Der Idealist“. Kissinger habe sich von den Maximen der Freiheit und Selbstbestimmung leiten lassen – mehr Kant, weniger Macchiavelli. Wo allerdings die Grenze verlief zwischen idealistischer Substanz und ideologischer Frontstellung im Kalten Krieg, das kann Ferguson nicht genau vermessen.

Doch räumt er ein, dass der Idealismus, den er Kissinger unterstellt, politisch oft wenig ratsam war. Bereits unter John F. Kennedy zählte er zu einem Pool von Beratern, die Memoranden fürs Weiße Haus schrieben. Nach dem Mauerbau 1961 bestand Kissinger auf dem Selbstbestimmungsrecht der Ostdeutschen, Kennedy hingegen beließ es beim verbalen Protest, und Ferguson resümiert: „Im Nachhinein können wir dem Schicksal danken, dass damals (...) der Pragmatismus und nicht der Idealismus den Sieg davontrug.“

Niall Ferguson: Kissinger: Der Idealist. 1923-1968. Aus dem Englischen von Michael Bayer und Werner Rolle. Propyläen Verlag, Berlin, 1120 S., 49 Euro

Quelle: wa.de

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