Oberhausens Ludwiggalerie zeigt „Let’s buy it!“ – Kunst und Einkauf

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Mit nackter Haut lässt sich auch Kunst verkaufen: „Lola Cola“ (1972) von Mel Ramos ist ein Objekt der Sammlung Beck und in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen.

OBERHAUSEN Die Preise bei großer Kunst sind Verhandlungssache. Nicht immer werden die Summen öffentlich, zu der Gemälde und Skulpturen den Besitzer wechseln. Eine Ausstellung im Ruhrgebiet hat dagegen nichts zu verbergen. „Let’s buy it!“ heißt es in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Ab Sonntag wird das Thema „Kunst und Einkauf“ in zwölf Kapiteln ausgebreitet: Menschen im Warenhaus, Kunst und Geld, Kunst und Alltag oder Sex sells, wenn Mel Ramos Pin-up-Girl in erotischer Pose für ein Produkt wirbt: „Lola Cola“ (1972).

Museumsleiterin Christine Vogt präsentiert rund 300 Exponate „von Albrecht Dürer über Andy Warhol bis Gerhard Richter“. Und die Kuratorin spricht selbst von einem „bunten Reigen“, so ausladend wie überbordend wird hier Kunst angeboten. Und es handelt sich nicht nur um Museumswerte, da viele zeitgenössische Künstler ihre Werke zeigen. Rund 100 Namen sind gelistet.

Nur, wo anfangen? Die Fotografie von Gudrun Kemsa „57th Street (Louis Vuitton)“ von 2016 zelebriert das Motivspiel einer Verkaufsfassade, die das klassische Schaufenster nur als Box integriert und lieber mit Pop-Motiven vom Haartrockner, Kopfhörer und Lippenstift wirbt – für Louis Vuitton. Die Passanten, die vor der Geschäftsoberfläche des Modekonzerns zu sehen sind, wirken wie Ergänzungen zur Werbewelt. Dem Sog dieser Fotokunst muss man sich widersetzten, um die Details aufzuspüren, die das Thema Kunst und Einkauf kulturgeschichtlich grundieren. „Dürer und immer wieder Dürer“ stellt den Künstler (1471–1528) als ersten Vermarkter vor. Er entwickelte ein Sortiment an Motiven, er hatte eine Signatur, seine Werkstatt produzierte große Stückzahlen und wie seine Radierung „Die Anbetung der Könige“ (1511) auch belegt, keine Scheu vor Geld. Hier greift der kleine Jesus feist nach den Münzen in der Königsschatulle.

Mit Original und Fälschung haben viele Künstler zu tun. Neben Albrecht Dürers „Die vier Apokalyptischen Reiter“ (um 1497/98) hängt eine Kopie aus dem 17. Jahrhundert – etwas zu dunkel („ars multiplicata“). Andy Warhol verfuhr mit solchen Begehrlichkeiten ganz souverän. Als seine „Marilyn Monroe (grün)“ 1967 nach 250 Siebdrucken vergriffen war, und das Bild 1970 als Raubkopie wieder auftauchte, authorisierte er die Blätter mit der Bitte, die Herkunft anzugeben. Sie hießen fortan „Sunday-B.-Morning“-Drucke. In Oberhausen ist Marilyn noch in Pink, Silber und Grün zu sehen.

Andy Warhol – in der Ludwig Sammlung reichlich vorhanden – steht mit seinen Suppendosen auch für eine neue Präsentationsform im Kunstbetrieb. 1962 stellte er in der Ferus Gallery, New York, 32 Dosen-Gemälde aus wie im Supermarkt. Aber Warhols Erfolg kam erst später.

Für Oberhausen und die Sammlung des Museums steht Gerhard Richters „Mutter und Tochter“ (1965) als bestes Beispiel der Schau. Zusehen ist Brigitte Bardot mit ihrer Mutter, wie sie in der Stadt unterwegs sind und wahrscheinlich einkaufen. Richter malte nach Zeitungsausschnitten. 1974 kaufte Museumsdirektor Thomas Grochowiak dieses Gemälde mit Stadt- und Landeszuschüssen für 28 000 D-Mark. Heute sicher ein Millionenwert, weil Richters Bilder Rekordpreise erzielen.

Namen spielen eine wichtige Rolle, wenn es ums Geld geht. Und einige Künstler sind tatsächlich eine Marke, wie Günther Uecker. Seine Nagelbilder brauchen keinen Autorennachweis. In Oberhausen ist Ueckers Prägedruck „Hillary“ (2014) zu finden. Der haptische Negativdruck seines Nagelbildes wirkt erhaben und ist ein stiller Moment in der dichten Exponatenreihung. Johannes Grützke macht mit „Meine Turnschuhe“ Eigenwerbung. Statt Herstelleraufdruck ist sein Name zu lesen.

Kuratorin Christine Vogt hat sich ein Motto von Sammler Peter Ludwig (1925–1996) zu eigen gemacht: Wenn sich Kunst begegnet, tritt sie in einen Dialog. So stößt Quiringh G. van Brekelenkams „Am Stand der Fischhändlerin“ (1663) auf Franziska Bechers multiple Arbeit „Kaliber 50 Cent“ (2009). Während es im Gemälde darum geht, wie einem Kind der Umgang mit Geld beigebracht wird, zielen Bechers Patronen aus 50-Cent-Metall auf die Verbindung von Geld und Gewalt. Die Kontraste sind groß.

Fotografien von Brigitte Kraemer zeigen, wie Verkaufshallen zu identitätsstiftenden Orten im Ruhrgebiet werden. Zum Thema „Warenhaus“ finden sich noch Aufnahmen von Rudolf Holtappel, der auf der „Marktstraße Oberhausen“ 1971 Kopftuch und Hotpants entdeckte.

Interessant ist „Let’s buy it!“, weil die Kunstaufwertung Eckdaten erhält. So akzeptieren Banken seit 1980 Bilder als Gegenwert zu Darlehen. Und seit 2005 sind zeitgenössische Künstler mehr wert als Altmeister des Impressionismus. Stichwort Gerhard Richter.

Kurios war die „Tulpomania“ in den Niederlanden, als mit den Blumenzwiebeln aus Persien spekulierte wurde. 1637 brach der Markt zusammen, und die Wirtschaft litt unter dem Wertverlust der Blumen. Das war dann keine Kunst mehr.

Die Schau

Ein Museum wird zum Warenhaus für Kunst und stellt die Wertfrage: spöttisch, nachdenklich, ernsthaft, zeitgenössisch und ein wenig fahrig.

Let’s buy it! Kunst und Einkauf in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Eröffnung, Samstag, 19 Uhr; bis 14. Mai; di-so 11 bis 18 Uhr; Katalog im Kerber-Verlag erschienen 29,80 Euro;

Tel. 0208/41249 28

www.ludwiggalerie.de

Quelle: wa.de

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