Das Osthausmuseum in Hagen zeigt „Fotorealismus“

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Jede Spiegelung stimmt: Ralph Goings malte „Collins Diner“ 1985/86, zu sehen im Osthaus Museum.

HAGEN - Die Uhr über der Bar zeigt auf ewig halb Eins an, der Sekundenzeiger spießt die Neun auf. Die an der Theke über ihrem Kaffee brüten, sprechen nicht miteinander. Nichts macht diesen Moment in „Collins Diner“ besonders. Dass Ralph Goings diese Szene 1985/86 gemalt hat, verblüfft den Betrachter. Zum einen, weil hier die Reflexe auf dem Stahl der Vitrinen, die Spiegelungen im Glas, die Schatten und die Falten der Pullis mit höchster Präzision fixiert sind. Zum anderen, weil es so banal ist. Warum gibt sich ein Künstler so viel Mühe, einen Schnappschuss zu veredeln?

Das Bild ist im Hagener Osthausmuseum zu sehen. Die Ausstellung „Fotorealismus“ bietet mit rund 70 Werken von 34 Künstlern eine gute Übersicht über eine Kunstrichtung, die erstmals 1972 auf der documenta 5 in Kassel Furore machte. Kurator Harald Szeemann hatte die Bilder von Robert Bechtle, Chuck Close, Don Eddy, Richard Estes, Franz Gertsch, Ralph Goings und anderen gezeigt. Und die so schnell lesbaren, überwiegend ironiefreien Darstellungen chromblitzender Autos und uninteressanter Straßenecken wirkten auf das Publikum attraktiv, auf Kritiker durchaus provokant. Hatte das einen Kunstwert oder war es nicht doch einfach dekorative Reproduktion?

Die Stärke des Fotorealismus ist die Möglichkeit, mehr zu zeigen, als das Auge sieht und selbst die Kamera einfängt. Die großen Gemälde sind oft kunstvolle Konstruktionen, für die der Künstler mehrere Fotos zu einer Tafel montiert. Wo das Foto unscharfe Partien hat, kann der Maler nachhelfen. Und wo Monet ein und dasselbe Motiv, zum Beispiel die Fassade der Kathedrale von Rouen, wieder und wieder bei unterschiedlichem Tageslicht vor der Natur malte und doch immer nur Annäherungen erreichen konnte, da hat der Fotorealist seine Impression mit einem Klick gesichert. Früher arbeiteten die Künstler mit Projektionen oder mit einem Raster. Heute hilft der Computer. Der Fotorealist befragt die Wahrnehmung.

Vor vier Jahren zog das Tübinger Institut für Kulturaustausch, ein von Otto Letze gegründetes Unternehmen, das Ausstellungen kuratiert, eine Bilanz des Fotorealismus. Die Ausstellung wurde zunächst in der Kunsthalle Tübingen, dann im Museo Thyssen Bornemisza in Madrid gezeigt. Nun ist sie, in etwas veränderter Zusammenstellung, in Hagen zu sehen. Die wichtigsten Künstler der Bewegung sind vertreten, weil Leihgaben aus Museen in den USA zur Verfügung standen, aber auch weil die New Yorker Galerie Louis Meisel eingebunden ist, die wichtigste Schaltstelle für die Promotion des Fotorealismus. Meisel prägte 1969 den Begriff und band die bedeutendsten Maler an sein Unternehmen.

Auch die nun in Hagen präsentierte Ausstellung löst das Problem des Fotorealismus nicht. Die zum Teil großformatigen Gemälde fordern die Urteilskraft des Betrachters hinaus. Leider fehlen Schlüsselwerke wie das monumentale Gemälde „Medici“, das der Schweizer Maler Franz Gertsch 1972 schuf. Sein 1970 entstandenes Porträt des documenta-Kurators Szeemann allerdings vermittelt einen guten Eindruck von der Spontaneität, die das Schnappschuss-Verfahren ermöglichte. Der Ausstellungsmacher lächelt, offenbar zu fortgeschrittener Stunde, an einem übervollen Tisch, auf dem Akten, eine Obstschale, Zeitschriften und eine angebrochene Whisky-Flasche ein Flair von kreativer Arbeit vermitteln. Das Unsortierte gewinnt hier psychologische Tiefe. Schade auch, dass keins der grandiosen Kopf-Bilder von Chuck Close gezeigt wird. Der US-Künstler ist mit zwei großen Grafikblättern vertreten.

Man kann in der Hagener Schau frappierende Seherlebnisse haben. Wenn John Salt Schrottplätze malt, spürt man den Charme der Schäbigkeit. Ralph Goings adelt in „America’s Favourite“ (1989) Senfglas, Ketchup-Flasche und Zuckerschütter als Imbiss-Ikone. Ben Schonzeit schuf 1972 mit „Sugar“ ein raffiniertes Verwirrspiel, indem er mit touristischen Motiven bedruckte Zuckertüten auf einer drei Meter hohen Tafel monumentalisierte. Die Malerin Audrey Fleck zitiert in dem Stillleben „Wheel of Fortune (Vanitas)“ (1977/78) Elemente der Barockmalerei wie die fast abgebrannte Kerze, die Sanduhr und den Totenschädel, und das ist so arrangiert, dass man sich fragt, inwieweit es noch wirklich Fotorealismus ist. Bei Charles Bells 2,44 Meter breitem Blick in einen Flipper-Automaten (Paragon, 1988), wo die Lichter blitzen und die Kugel noch rollt, hat man hingegen wieder einen dieser ganz speziellen Momente.

Allerdings zeigt die Schau gerade in ihrer Breite, wie schnell Fotorealismus zu Kunsthandwerk verkommen kann. Schon John Kaceres Fixierung auf den weiblichen, in Dessous gehüllten Unterleib atmet den Geist der Bildschöpfungen, die in den prüden 1960ern für die Spinde von Automechanikern entstanden. Die Grisaille-Akte von Bernardo Torrens sind vollends bloße Pin-Ups. Die neueren Bilder reagieren nur noch, stellen keine eigenen Fragen mehr. Da hat man Stadtlandschaften wie im Impressionismus, immer noch ein blitzendes Auto oder noch ein Diner in nächtlichem Neonlicht, als könne man damit Hopper übertrumpfen. Und Raphaelle Spence setzt gar Drohnen ein, um eine jeder Stimmung beraubte Nachempfindung von Canalettos Venedig-Veduten zu erzeugen. Die Malerei ist hier längst überflüssig geworden, das könnte man auch als Fototapete zeigen.

Bis 8.1.2017, di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02331/ 207 3138, www. osthausmuseum.de; Katalog zur Tübinger Ausstellung, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 35 Euro

Quelle: wa.de

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