Paolo Magelli inszeniert Pommerats „Wiedervereinigung der beiden Koreas“

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Mal umkuscheln sie einander, mal schlagen sie sich: Szene aus „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ am Theater Dortmund mit Merle Wasmuth, Sebastian Kuschmann, Marlena Keil und Friederike Tiefenbacher (von links).

DORTMUND - Der Titel klingt zunächst absurd. Aber „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ entpuppt sich als doch einprägsames Schlagwort, um die Unmöglichkeit von Liebe zu beschreiben. Das Schauspiel Dortmund zeigt im Megastore das Stück des französischen Erfolgsautors Joel Pommerat.

Wobei Stück nicht ganz richtig ist: Es gibt weder durchgehend auftauchende Personen noch eine durchgehende Handlung, stattdessen 20 Szenen, die fließend ineinander übergehen. Zehn Darsteller schlüpfen in 57 Rollen – so ist „Korea“ ein Stück, das ein starkes Ensemble erfordert. Die Dortmunder zeigen hier starkes Schauspielertheater. Es ist schon deshalb ein lohnenswerter Abend, und weil Paolo Magellis Regie vor Ideen und Anspielungen nur so strotzt.

Magelli fordert den Zehn körperlichen Einsatz ab. Alle Frauen tragen an ihren Beinen blaue Flecken, und man sieht auch, warum, wenn Streite in wüste Haarzerrereien, Tritte und Stürze ausarten. Die Prügeleien und Versöhnungen, Fantasien und wilden Hoffnungen, die die Szenen ausmalen, fasst Magelli in eine optische Klammer. Bildmächtig macht er ein Feld zwischen blindem Glauben und zynischer Desillusionierung auf, wenn er da Vincis Letztes Abendmahl nachstellt (Bühne: Christoph Ernst). An einer Tafel mit Plastikplane sitzt Jesus. Sebastian Kuschmanns hochkomische Duldermiene – mit einer breiten Spur von Weltekel darin – begleitet einen offensichtlich schlecht gestellten Wandeltrick: Jesus nimmt sein Wasserglas, führt es unter die Tafel und holt ein Rotweinglas wieder hervor. Wasser zu Wein, und ab in den Magen.

Die Tafel – komplett mit Renaissance-Umfeld, aber offensichtlich aus Styropor und Bauschaum – ist so schlecht ausgestellt, die Anspielung so übertrieben, dass gleich klar wird: Hier gibt’s viel Lug und Trug. Das Liebesmahl wird in den folgenden zwei Stunden zum Bankett für Liebessüchtige, Enttäuschte, Voyeure.

Pommerat arbeitet mit Anspielungen tief in die Theatergeschichte hinein. Als sich fünf Schwestern um einen Bräutigam kloppen, könnte Magelli gleich einen kaukasischen Kreidekreis um den armen Kerl herum malen. Im Hintergrund zückt einer die Fotokamera – Magelli baut in jede Szene mindestens eine Beobachterperspektive ein.

Den Zitatekreis erweitert Magelli auf Film und Popkultur: 90er-Jahre-Teenie-Horrorfilm oder Kriegsdrama (Mona Ulrich hat dazu anspielungsreiche Kostüme entworfen). Eine Szene, in der es um Unterwerfung und Begierde zwischen Chef und Mitarbeiterin geht, leitet er ein, indem er Merle Wasmuth das Filmplakat zu der SM-Romanze „Secretary“ nachformen lässt.

Magelli fällt so viel ein, er hat immer noch eine Idee, wie man einer Begegnung noch einen doppelbödigen Twist verleihen kann, und besonders verschränkt er mühelos die Szenen miteinander. Die Schauspieler sind fast ständig auf der Bühne, werden von Zuschauern zu Akteuren, nehmen dann wieder an der Tafel Platz als gebannte Beobachter oder Gäste auf einer Party, die aus Verlegenheit massenhaft Rotwein und Obst in sich hineinbefördern.

Ganz stark ist eine Szene, die Marlena Keil nackt als üppige Versuchung auf einer Steppdecke platziert. Das zitiert so direkt Rubens, dass Keil danach mühelos die Szene dominiert, in der sie eine Prostituierte gibt, von der sich ein verklemmter Priester (Sebastian Kuschmann) trennen will. Und nach all den knienden Frauen vorher tut es ganz gut, wenn sie sein Geschwafel mit einem gezielten Schraubstockgriff in den Schritt abwürgt.

Es liegt nicht nur an Magelli: In der Liebe, oder besser: in der Darstellung von Liebe, sind eben oft Frauen die Schwächeren: Er wollte mich nicht. Er hatte eine andere. Liebesgeschichten sind – im Mainstream – Frauenfantasien. So rauft sich Friederike Tiefenbacher sehnsüchtig die Haare, als ihre unerreichbare Fantasiefigur auftaucht. Aber sie hat auch den Schlussmonolog: Liebst du mich, fragt sie einen stummen Jesus mit Prollkette. Für 120 Euro? Sie senkt den Preis, verspricht schließlich Hingabe umsonst und befiehlt: Komm! Da hat doch noch eine Frau das – ambivalente – letzte Wort. Liebe ist halt doch eine Machtfrage.

15., 28.4., 4., 28.5.,

0231/50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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