Paul Koek inszeniert in Bochum Hesses „Der Steppenwolf“

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Gemeinsame Gefühlserfahrungen: Hermine (Therese Dörr), Pablo (Marco Massafra) und Harry Haller (Roland Riebeling, rechts) in der Bochumer Inszenierung von Hermann Hesses „Der Steppenwolf“.

BOCHUM Was ist es ein Kreuz mit den Kopfmenschen! Sich mal locker zu machen, fällt ihnen nicht leicht, auch nicht bei Alkohol, Musik oder, na ja, anderen Stimulanzien. An den Kammerspielen Bochum tanzen in einer retrofuturistischen Disco Pärchen, während Harry Haller, der „Steppenwolf“, hilflos durch sein Leben gondelt. Der niederländische Regisseur Paul Koek liest Hermann Hesses Vorlage von 1927 als Selbsterfahrungs-Trip eines Kopfmenschen. Haller, der Zyniker, wird zum Typ verklemmter Langzeitstudent im knappen graukarierten (!) Anzug; Roland Riebeling spielt ihn mit ratloser, begieriger Miene und empört vorgeschobenem Kinn.

Koek will mehr, als lesebeflissene Theatergänger anzuködern, zunächst aber kommt er lange nicht über das übliche Problem des Literatur-Theaters hinaus: Auch der Bochumer „Steppenwolf“ leidet an pflichtbewusst vorgetragenen Monologen.

Zwar bemüht sich Koek sofort um Brechung: Er lässt einen Dreier-Chor aufmarschieren, der Hesse-Sätze singsangt. Das Publikum wird durch eine dissonante Ouvertüre dirigiert. Ein Künstlerdrama soll hier eröffnet werden: die hohe (sprich: verrückte, unverständliche) Kunst gegen den Massen-Mainstream. Koek versucht, den Künstlerroman zu aktualisieren: Haller, behauptet er, versteckt sich hinter Goethe und Mozart, um sich bloß nicht auf das Leben einlassen zu müssen. Was natürlich ein Klischee ist.

Nach einer halben Stunde schwimmt sich das Stück ein wenig frei. Die Retro-Futur-Disco öffnet sich wie ein Limbo für verlorene Seelen. Hallers alter ego Hermine taucht auf. Therese Dörr dominiert die Szene und den verklemmten Haller mit einer sachlich-spröden Charmeoffensive. Sie schickt ihn wie einen Schuljungen in die Arme Marias (Raphaela Möst), auf dass er einen Slow-Mo-Tanz wage. Die lange Szene erotischer Verspinnung zwischen Maria, dem Musiker Pablo (Marco Massafra), Hermine und Haller könnte kitschig wirken, wenn es nicht Riebeling und Dörr gelänge, von drangvoller Bedürftigkeit zu erzählen. Erlösung durch Sex funktioniert aber natürlich nicht.

Haller leidet an der Krankheit intelligenter, übersensibler Menschen, die zu lang im eigenen Kopf gelebt haben: Einmal ertragen sie sich nicht mehr. Das Konstrukt „Steppenwolf“ ist Ausfluss von Hallers Menschenhass und vor allem des Abscheus vor sich selbst. Beide Aspekte seiner selbst bekommt er nicht mehr getrennt.

Darum bewegt Haller sich durch ein Umfeld, das Sachlichkeit und Verrücktheit vermischt (Bühne und Kostüme: Dorothee Curio). Nüchtern und blank steht ein klappbares Holzhaus da: ein Ort ohne Eigenschaften. Aber die auftauchenden Figuren – real oder eingebildet – tragen wild zusammengestoppelte Muster, weil hier Normales und Seltsames ineinanderfließen.

Videoinstallationen öffnen einen weiteren Raum, tiefer hinein in Hallers durcheinandergekommenes Kopf- und Seelenleben. Hier ist mehr los: Jeroen Hofs’ Videos spalten Haller-Projektionen auf und versetzen einen Mini-Haller auf einen poppig-bunten Märchen-Berg. Haller selbst wischt sich weg. Er schlägt sich im Schach, frisst sich auf und knallt im Egoshooter um sich. Das ist gut gemacht und macht Hallers Probleme als anschlussfähige Verwirrungserfahrung spürbar. Die leicht psychedelische 60er-Jahre-Optik spielt clever auf die Hesse-Renaissance bei den Hippies an. Im Hintergrund des Haller-Limbos mixt Jeroen Hofs, aufgemacht wie ein Hare-Krishna-Jünger, live die Begleitmusik. Das ständige Klingeln und Pochen erzeugt ein angenehmes Gefühl von Irrealität.

Bloß sitzt Koeks „Steppenwolf“ in seiner eigenen Verrücktheitsszenerie fest. Hallers Kulturpredigten machen ihn zum Spießer. Der ganze Selbsthass ist ein Popanz, der Egotrip ein Glasperlenspiel. Die drei am Ende auftauchenden Geister-Mozarts mit Radio wirken (obwohl von Hesse übernommen) aufgepfropft. Die wahre Geistergeschichte spielt sich in Hallers Kopf ab. Koek hätte es bei dem Trip bewenden lassen sollen, denn am Ende erzählt uns das genug: Der Kopfmensch von heute ist immer noch gestraft mit ultimativer Selbstauflösung.

Edda Breski

12., 25.2., 11., 12., 16.3., 2.4., Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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