Paul Weller legt das neue Album „A Kind Revolution“ vor

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Die britische Pop- und Mod-Ikone Paul Weller

LONDON - Die Rückkehr der Kraniche ist es, die Hoffnung mit sich bringt. Paul Weller, britische Pop- und Mod-Ikone, hat sein 25. Studioalbum in 40 Jahren veröffentlicht. Der einst überzeugte Labour-Anhänger und Verfechter gewerkschaftlicher Ziele hat Politik und Religion für sich abgehakt. Auf „A Kind Revolution“ spricht er von Hoffnung, Liebe und Mitmenschlichkeit ohne Grenzen.

Vor einigen Jahren titelte Weller ein Album „Wake Up The Nation“. Der Weckruf ist verhallt, die Welt nicht besser geworden. Weller dafür umso enttäuschter. „Politik und Religion habe ich abgehakt“, sagt der Altstar des britischen Pop, der am kommenden Donnerstag 59 wird. „Beide haben keine Antworten für mich. Die wahre Revolution muss von innen kommen. Ich glaube nicht, dass wir wirklich an Entscheidungen beteiligt sind. Mir kommt es vor, als drehe sich die Welt rückwärts.“ Eine moderne Version von düsterem Mittelalter? „Ja, genau so fühlt es sich für mich an.“

„A Kind Revolution“ ist ein Album mit vielen Klangfacetten, zusammengehalten durch die große Klammer des Prinzips Hoffnung. Die energiegeladene Eröffnung mit „Woo Sé Mama“, bei dem die 60er Jahre Soul-Ikonen P.P. Arnold und Madeline Bell einen Gastauftritt haben, erinnert ein wenig an wildere „Heavy-Soul“-Tage. Der Song ist aber nicht richtungsweisend für das Album.

Weller tanzt und tüftelt zwischen Rock, R&B, Soul, Jazz, Funk, House und Dancefloor. Es ist ein vordergründig sperriger Mix, der am Ende dann doch aufgeht. Einige handverlesene Gastmusiker stehen ihm dabei zur Seite. Boy George singt in „One Tear“ ganze vier Zeilen, verleiht dem ebenso ungewöhnlichen wie herausragenden Dancefloor-Track durch seine charismatische Stimme aber eine besondere Note. Den 72-jährigen Ex-Prog-Rocker Robert Wyatt (Soft Machine) holte Weller aus dem Ruhestand, damit er in „She Moves With The Fayre“ Trompete und Gesang beisteuert. Mit „Long, Long Road“ hat Paul Weller zudem eines seiner schönsten Liebeslieder geschrieben.

Eines der Kernstücke – und Lieblingsstücke Wellers – ist „The Cranes Are Back“. Sanft und fast freudetrunken verkündet er die Rückkehr der prächtigen Vögel. Doch dahinter steckt mehr als die Bewunderung eines Naturschauspiels. „Die Rückkehr steht für eine Wiedergeburt oder den Wandel der Vorsehung“, sagt Weller. „Die Hoffnung kehrt in die Welt zurück. Hoffnung, Liebe, Güte – Moral in gewisser Weise. Im Moment gibt es wenig davon. Es gibt keine Person wie es beispielsweise Nelson Mandela war. Die Menschen sind immer isolierter.“ „Start a kind revolution so, we can feel some hope in the world“ heißt es in dem Song. Paul Wellers Appell 2017.

Für Weller als Brexit-Gegner (so viel Politik dann doch) geht der Gemeinschaftsgedanke weit über Europa hinaus. „Meiner Meinung nach hätten wir in der EU bleiben sollen“, sagt er. „Auf einer höheren Ebene frage ich mich aber, ob wir irgendwann bei der Erkenntnis ankommen, dass wir alle Teile dieses Planeten sind. Keine Trennung durch Hautfarbe oder Nationalität. Wir sind Teil eines größeren Bildes, ob das jetzt ,Gott’ heißt oder wie auch immer. Teil des Universums. Ich bin gegen alles, was uns trennt und kategorisiert.“

Und welche Rolle kann Musik dabei spielen? „Ob Musik im politischen Sinne etwas verändern kann, weiß ich nicht“, so Weller. „Ich glaube aber, dass Musik uns als Menschen verändern kann. Immer wenn ich in der Welt unterwegs bin, stelle ich fest, dass Musik eine Universalie ist. In der Musik hallt etwas wider. Etwas Archaisches. Man kann das nicht unbedingt erklären. Aber es gibt eine Verbindung. Die Verbindung ist jenseits von Sprache oder kulturellen Barrieren.“

Fast auf den Tag genau zur Veröffentlichung von „A Kind Revolution“ erschien vor 40 Jahren „In The City“, das erste Album von Wellers einstiger Erfolgsband The Jam. Was bedeutet das heute für den nimmermüden Songschreiber? „40 Jahre sind eine lange Zeit, die sehr schnell vergangen ist. Es war großartig damals. Das erste Mal auf Tour, die erste Platte, das erste Mal im Fernsehen. Wie immer beim ersten Mal, erinnert man sich an diese Zeiten. Aber ich vermisse sie nicht. Ich bin nicht besonders nostalgisch. Ich bin sehr beschäftigt mit dem, was ich aktuell mache.“

Gastgitarrist Josh McClorey von The Strypes ist fast genauso jung wie Weller vor 40 Jahren. Haben es junge Musiker heute leichter, eine Karriere zu starten? „Nein, heute ist es härter“, sagt Weller. „Es ist schwierig, einen Plattenvertrag zu bekommen. Es gibt noch Clubs, aber in Großbritannien müssen junge Bands häufig dafür bezahlen, dass sie überhaupt auftreten können. Für mich ist das eine bizarre Vorstellung.“

Im Internet könnten Bands zwar ihre eigenen Platten veröffentlichen. „Aber weil das so viele machen, ist es schwierig, bemerkt zu werden. Falls doch, können die Leute deine Songs downloaden – entweder gratis oder für 50 Pence. Wie soll man davon leben?“

„Ich hatte damals Glück“, sagt er rückblickend. „Ich war in der Lage, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Freitags und samstags zu spielen, hat etwas Geld eingebracht. Für mich war klar, dass Musik meine Perspektive ist. In einer Band zu sein. Aber heute ist das schwierig.“

Quelle: wa.de

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