Pedro Martins Beja inszeniert Goethes „Faust“ in Oberhausen

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Alles im Griff zu haben versucht Mephisto. Szene aus der „Faust“-Inszenierung in Oberhausen mit Lise Wolle (Margarete) und Jürgen Sarkiss.

OBERHAUSEN - Diese Inszenierung von Goethes großem Drama müsste „Mephisto“ heißen, wenn der Titel nicht schon anderweitig belegt wäre. „Falsch, dunkel“, brüllt der Teufel und hat damit gleich das erste Wort. Und weil die Bühnentechnik gehorcht, triumphiert der Dämon über den Schöpfer und raubt – für einen Augenblick – das Licht.

In der Inszenierung von Goethes „Faust“ am Theater Oberhausen gibt Jürgen Sarkiss den Mephisto als den Verneiner, den Schöpfungskritiker, der mit seinen Verbesserungsversuchen immer wieder scheitert. Regisseur Pedro Martins Beja rückt die Figur in den Mittelpunkt, gleichsam als Erzähler, als Strippenzieher. Auch in der Wettszene mit Gott sieht man nur den Teufel, die Stimme des Herrn ertönt aus dem Off. Sarkiss aber schmeichelt, schleimt, wütet, mischt sich unter die Zuschauer im Saal. Fausts Bibelübersetzung spricht er schon im Prolog – und meckert gleich über das, was der Gelehrte für die Lösung hält, brüllt „falsch“, nachdem er zitiert: „Am Anfang war die Tat.“ Der Teufel ist und bleibt die zentrale Figur an diesem Abend. Selbst als Faust Grete verführt, sieht man auf den großen Bildschirmen, die die Bühne an beiden Seiten rahmen, eine Dreierbeziehung: Erst blickt Mephisto über Fausts Schulter, dann stehen sich die Frau und der Teufel gegenüber. Wer hat’s hier mit wem?

Martins Beja inszeniert der Tragödie ersten Teil auf der Höhe der Zeit, mit Live-Video-Szenen, einem monströsen Bühnenaufbau (Janina Audick), der auf den ersten Blick wie ein Haufen Sperrmüll anmutet. Aber der Turm auf der Drehbühne zeigt mal eine Art Ausguck, von dem aus Faust in die Sterne blickt oder in sein Elend, mal eine Art Kitsch-Kunst-Garten mit laternengroßen Blumen, und es gibt jede Menge Durchblicke für die Videocam (Jan Krämer). Die Inszenierung folgt einigermaßen dem Text, auch wenn einzelne Phrasen schon mal in die falsche Szene montiert werden. Recht hübsch ist die Idee, Gretes Bruder Valentin als gerade rekrutierten Soldaten in Auerbachs Keller mitsaufen zu lassen. Hier holt Mephisto das Schlechteste aus der Runde der Wutbürger, denen die nationalistische Hymne der „Wacht am Rhein“ zu garstig klingt, die dann aber mit etwas teuflischer Hilfestellung doch zum entlarvenden Hitlergruß finden.

Eine Linie aber lässt sich in dieser mehr als dreistündigen rauschhaften Szenenfolge nicht so recht ausmachen. So hat man einen darstellerischen Kraftakt, der sich in vielen Details verliert. Da wird der – bei Goethe nur in der „Walpurgisnacht“ angedeutete – Mythos um Adams erste Frau Lilith, eine Art Anti-Grete, ausgebreitet. Die fünf Schauspieler, die so viele Rollen meistern, werden von einem Chor aus Gymnasiasten verstärkt, die den österlichen Engelsgesang eindringlich vortragen, aber auch einige Pop-Songs wie Kim Wildes „Kids in America“, was nicht so sinnreich erscheint.

Wenn Michael Witte als kahler Greis sein „Habe nun, ach...“ anstimmt, dann gibt auch er gleich Gas. Aber so schnell er den Text des Gelehrten in der Sinnkrise auch vorträgt, so blutleer und unkonzentriert wirkt sein Faust doch dabei. Das ist ein Nachteil des Regiekonzepts: Faust und Grete entwickeln keine rechte Kontur. Was gewiss nicht an den Darstellern liegt: Witte zeigt, gerade nach seiner Verjüngung mit Hipsterbart und Langhaarperücke, doch einige Gefühlsausbrüche. Sympathiefigur ist er in Oberhausen nicht, man sieht vielmehr das Macho-Potenzial und die Skrupellosigkeit eines Egoisten. Goethes Muster-Intellektueller ist hier doch arg auf das Körperliche runtergebrochen. Und Lise Wolle ist eigentlich eine schön irrlichternde Grete, darf sich aber erst in den letzten Kerker-Szenen so richtig zeigen.

Langweilig ist der Abend nicht, dafür sorgen schon die engagierten Darsteller, neben den Protagonisten noch Anja Schweitzer und Moritz Peschke, die in dutzende Rollen schlüpfen. Aber einige Striche hätten gut getan, um klarer zu machen, was Martins Beja zeigen will.

Heute (ausv.), 27., 28.1., 1., 2., 3., 10.2., 1., 2., 24.3.,

Tel. 0208/ 8578 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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