Xin Peng Wangs anspielungsreiche Tanz-Erzählung „Faust II“ in Dortmund

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Wie nicht von dieser Welt: Lucia Lacarra und Marlon Dino als Helena und Faust in Xin Peng Wangs „Faust II“ in Dortmund.

DORTMUND - Es ist Faust-Jahr in Dortmund. Die Oper bringt Gounods Variante, das Ballett legte im Winter „Faust I“ vor, ein anspielungsreiches Handlungsballett, in dem die eigentliche Hauptfigur, ein Glam-Rock-Mephisto, die zeitkritische Haltung zur amüsanten Brechung brachte.

Mit „Faust II – Die Erlösung“ folgt nun die Auflösung: „Faust II“ ist abstrakter, dichter als Teil eins, eine lose auf Goethe bezogene Abrechnung mit dem faustischen Deal unserer Zeit, wie ihn Wang und sein Dramaturg Christian Baier ausgemacht haben: Was ist unser Anspruch an uns selbst wert, wenn wir zusehen, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken? Der Teufel zückt ein Europafähnchen mitten in einer goldgehörnten Partygesellschaft.

„Faust II“ ist kein Aktivistenballett, sondern etwas viel Besseres: ein dichter, anspielungsreicher Tanzabend, der eine atemberaubend genaue Balance findet zwischen politischer Haltung und künstlerischem Ausdruck und die Tanz-Erzählung mit einem souverän gehandhabten Stilmix gliedert. „Faust II“ ist Wangs Erkundung der Wirkmacht des Balletts.

Dortmunds Ballettchef beginnt am Ende. Bei Goethe bekehrt sich im fünften Akt der Vergnügungssucher Faust zum Idealismus. Er will mit einem Deich dem Meer Land abringen, auf dem Besitzlose leben sollen. Bei Wang ist das Meer Metapher für das Fließen von Menschenströmen. In Laserprojektionen, die Flächen öffnen oder Raum mit Lichtstäben eingrenzen, zeichnen die Tänzer Menschenfiguren wie hautfarbene Kalligraphie.

Der chinesische Lichtkünstler Li Hui lässt über die Dortmunder Bühne ein blaues Laserfeld wie Meereswellen wogen; darin tanzen Gestalten wie fließend und untergehend. Ein starker Moment, weil er mythisch abstrahiert und somit universell anschlussfähig wird, weil er keine Botschaft hinausbrüllt, sondern Licht, Bewegung und Musik hochwirksam bündelt.

Einen Trumpf hat Wang sich besorgt für seinen „Faust“: Die Ballettstars Lucia Lacarra und Marlon Dino sind nach ihrem Weggang aus München ständige Gäste in Dortmund geworden und tanzen in einigen Aufführungen die Hauptrollen. Für sie hat Wang entrückte Duette gemacht. Faust und seine „ideale Weiblichkeit“ Helena, im Rollenbuch auch Margarethe genannt, sind keine Helden, sondern Schwimmer im Strom der Geschichten. Dino, mit seiner hochgewachsenen Statur und den gemeißelten Muskeln wie eine Statue ins Licht gestellt, trägt die zarte Lacarra, als habe sie nie etwas anderes getan, als Luft zu küssen. Bis sie im Miteinander mit dem gequälten Mann einmal kalte Verfügung aufblitzen lässt. Das Paar bringt kühlen Glamour in die Produktion und einen technischen Standard, der ihre Kollegen zu beflügeln scheint. Beide tragen Gold, wie nicht von dieser Welt. Wang lässt Lacarra in Pose wie von einer griechischen Vase kopiert über die Bühne schreiten, als Verweis auf unsere so viel zitierte abendländische Kultur.

Die erste Begegnung ist klassisch choreografiert, mitten in eine klassizistische Gruppenszene hinein. Modern Dance löst die Formen auf, öffnet den Raum. Die akademische Form ist Chiffre für das Alte, Geliebte, aber machtlos Gewordene. Wang hat zu Stücken des 20. Jahrhunderts komponiert, deren Schöpfer sich kritisch bis sarkastisch an großen Vorbildern der Klassik gerieben haben, etwa Luciano Berios „Rendering“ nach Schuberts Unvollendeter. „The Nine Symphonies of Ludwig van Beethoven“ des Niederländers Louis Andriessen ist eine Abrechnung mit dem großen Alten vom Rhein. Da leiert „Freude schöner Götterfunken“ sich wie ranziger Discosound aus der Europahymnenfeierlichkeit heraus. Dazu fordert das feiernde Corps de Ballet, dem die Schritte malerisch verrutschen, mehr Beat. Noch ein Moment, der natürlich politisch ist, zugleich aber starke Show. Das eigentlich kühl-abstrakte Ballett mit introvertierten Szenen entwickelt so über zwei Stunden einen mitreißenden Sog.

Das liegt auch an einem außerordentlich gelungenen Mix von Eindeutigkeit und Abstraktion. Wang bedient sich wieder an Märchenmotiven. Eine Glühbirne wird von der Decke gelassen als Fausts Lebenslicht, das Mephisto ihm ausblasen will. Als das nicht klappt, holt der Teufel einen Baseballschläger. Aber die Erlösung klappt. Der gute Gedanke zählt, und so geht Faust erlöst ins Licht. Das überhöhte Ende ist natürlich wieder eine Mythisierung. Wang hat vorher ein Kind (Madita Herzog) auf die Bühne gelegt, das an den 2015 ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan erinnern soll.

Das Dortmunder Ballett – neben den Stars Lacarra und Dino 17 Ensemblemitglieder – trumpft geradezu auf. Dann Wilkinson übernimmt wieder seine Mephistorolle. Arroganz strömt ihm aus jeder Pore, seine Sprünge und Drehnungen wirken, als wolle Halbstarkenkraft aus jedem Körperteil herausexplodieren.

Die Dortmunder Philharmoniker schaffen unter Philipp Armbruster eine präzise, bewegliche und flexible Interpretation der musikalischen Werke. Hingehen!

5., 13., 19., 25.11., weitere Aufführungen ab 2.4.2017,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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