Die Performance „Dying Together“ der Regisseurin Lotte van den Berg in Bochum

Im Raum verteilen sich Performer und Zuschauer: Szene aus der Produktion „Dying Together“, die das Schauspielhaus Bochum in der Zeche 1 zeigt. Foto: salih kilic

Bochum – Im Song von Burt Bacharach heißt es: „What the world needs now is love, sweet love.“ Wir alle brauchen mehr Liebe. Die Regisseurin Lotte van Berg hat aus diesem Wunsch ein Theaterprojekt gemacht.

Mehr Liebe, mehr Mitgefühl will sie mit „Dying Together: Erde“ erreichen. Seltsamer Gedanke, denn erstmal geht es um Tod in drei Akten: Rinderwahn, Landraub und Waldsterben am Amazonas und den Selbstmord eines japanischen Bankers im Jahr 2009. Aber grausame Geschichten bleiben für den Menschen so lange abstrakt, bis es gelingt, sie in sein Gefühlsleben zu integrieren. Van Berg macht das auf die sanfte Tour.

Eine „immersive Performance“ entwickelt sich in „Zeche 1“, dem kleinen Spielort des Schauspiels Bochum. 81 Menschen sind im Raum. Einige davon gehören zu van Bergs Performerteam, aber das kann man erstmal nur erraten. Die Besucher sollen sich einen ruhigen Fleck suchen und werden in das Thema eingeführt. Jeder soll für sich bleiben, bittet van Berg, und das klappt auch, sogar Paare trennen sich für zwei Stunden Spieldauer. Hinterher gibt’s noch ein Gesprächsangebot für alle, die ihre Erlebnisse austauschen wollen. „Dying Together“ ist einer von zwei Teilen. „Dying Together“ Teil 1 ist mit „Menschen“ betitelt und denkt unter anderem den Germanwings-Absturz und den Terrorangriff auf die Pariser Konzerthalle Bataclan zusammen.

Was passiert, schreckt erstmal jeden ab, der sich nicht gerne aktiv an einem Theaterabend beteiligt. Mit ruhigen Stimmen geben die Performer Anweisungen und verteilen Rollen. Es kann passieren, dass ein junger Mann auf einen zukommt, sich hinhockt und leise fragt: Willst du eine Kuh darstellen?

Wer einwilligt, wird an einen Platz im Raum geführt und gebeten, seinen Fokus in eine bestimmte Richtung zu richten. Von dort aus kann er gehen, wohin er will. In seiner zugewiesenen Rolle – eine Kuh, die mit Rinderwahn infiziert ist, eine Sojapflanze, die auf gerodetem Urwaldboden wächst und immun ist gegen Glyphosat. Oder die Darmzelle eines verwesenden Männerkörpers. Man kann auch ablehnen und weiter zugucken oder zwischendurch aus der Situation herausgehen. Die Sojabohnen stehen eng beieinander. Der junge Mann, der den waldrodenden Bulldozer verkörpert, wird von einem anderen Mann blockiert. Als die Situation sich wandelt – alle sollen sich vorstellen, dass der Wald nun gerodet ist – legt sich der Blockierer ruhig hin.

Konstellationen nennt van Berg diese Art von soziopolitischer Familienaufstellung. Jeder ist aufgerufen, die Gegenwart der anderen zu spüren und sich vorzustellen, wie die Beziehung zur Gruppe sich anfühlt. Wie fühlt sich eine sterbende Darmzelle?

Das klingt etwas witzig, nach Esoterik und tanzenden Drüsen. Van Berg wendet tatsächlich Techniken aus Theaterworkshops an, indem sie die Teilnehmer mit sanften Anweisungen in eine bestimmte Richtung leitet und ihre Phantasie anregt. Wie gesagt, das wird nicht jedermanns Sache sein, aber die Stimmung ist insgesamt ruhig, respektvoll und aufgeschlossen. Nur einmal zückt einer ein Handy in zwei Stunden, bemerkenswert.

Die Performer aus van Bergs Team geben sich in die Rollen hinein. Alle sollen sich vorstellen, dass 100 Jahre nach der Brandrodung die Natur ihr Recht zurückfordert, und eine junge Frau im grauen Pullover rollt sich befreit über den Boden, torkelt gegen andre Menschen. Aber als alle in der letzten halben Stunde zusammenstehen und den Körper eines toten Mannes nachformen, da stampft auch eine ganz normale Besucherin ganz hingegeben im Takt eines Herzschlags auf den Boden. Wenn ein Projekt das kann – fremde Menschen einander öffnen –, dann ist das schon viel.

11., 12., 13. Oktober

Tel. 0234/33335555; www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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