Peter Verhelsts Text über einen Unfall: „Eine Handvoll Sekunden“

+
Peter Verhelst

Am Anfang dieses Buchs steht eine Beinahe-Katastrophe. Der flämische Schriftsteller Peter Verhelst fährt auf der Autobahn nach Brüssel. Als er einen Lkw überholt, löst sich bei dem ein Rad. Verhelsts Volvo wird getroffen, überschlägt sich. Doch der Autor bleibt beinahe unverletzt.

Aus dem traumatischen Erlebnis hat er ein Buch gemacht: „Eine Handvoll Sekunden“. Aber es berichtet nicht von dem Unfall. Die Fakten rekapituliert Verhelst am Anfang kurz. Tatsächlich schreibt er „eine Ode an die Orte und Zeiten, auf die ich während meines Unfalls einen Blick erhaschen konnte“. Und so führt er den Leser in einem rauschhaften Text durch verschiedene Schauplätze und Epochen, aber immer kreist das Geschehen um die Nähe des Todes und die Freude am (Über-)Leben.

Das beginnt als eine Art Politthriller über Menschen, die unter einem neuen Regime leben. Der Titel des Abschnitts lautet „Die erste Katze von Istanbul“, aber der Held Raoul bewegt sich offensichtlich in Verhelsts Heimatstadt Brügge, denn er betrachtet im örtlichen Museum van Eycks berühmte „Madonna des Kanonikus van der Paele“. Weiter geht es aber im Zoo, wo sich Verschwörer verabreden, wo auf einmal Schüsse fallen und ein Tiger frei herumläuft.

Einige Motive tauchen in späteren Kapiteln wieder auf. Dann gibt es einen Menschen, der in der Wildnis von Südafrika von einer Horde Paviane belagert wird und hinter einer Schanze aus Mammutknochen neue Überlebensstrategien ersinnen muss. Und dann wieder führt uns Verhelst auf „Sandy Island“, eine mysteriöse, verschwundene Insel im Pazifik, die zum Zufluchtsort für Vermisste und Verlorene, für Menschen an der Schwelle zum Nichts wird. Man begegnet einem Dodo, einem flugunfähigen Vogel auf der Insel Mauritius, den europäische Seefahrer im 17. Jahrhundert ausrotteten. Und einem Säbelzahntiger, der von einer paradiesischen Schar anderer Tiere zu Tode gekuschelt wird.

Ein weiterer Kristallisationspunkt in dieser Prosa ist die Kunst, speziell die Malerei Francis Bacons, die wiederum von den Bewegungsstudien des britischen Fotografen Eadweard Muybridge inspiriert war. Dieser Pionier der Fototechnik hatte Bewegungen zum Beispiel eines rennenden Mannes oder eines galoppierenden Pferdes in Serien aus vielen Einzelbildern aufgelöst. Gewissermaßen dehnte er auch Sekunden. Welch passendes Vorbild für ein Buch wie dieses.

In diese Mischung aus Abenteuerbuch und philosophischer Reflexion blendet Verhelst Momente ein, in denen ihn, den Verunglückten, Helfer ansprechen, in denen er seinen Körper fühlt, in denen er an seine Freundin denkt. „Mensch, dass du noch lebst“, sagt einer. Und Verhelst beschreibt die Entfremdung des Davongekommenen: „Als wäre mein Körper ein Kostüm, kein richtiges Kostüm, vielmehr ein ausgehöhlter Riese, in dem ich mich niedergelassen hätte und dessen große Arne, Beine und Kopf ich ungelenk auf und ab bewegen würde.“

Es gibt wunderbare Landschaftsbilder in diesem Buch, poetische Momente und phantastische. Auf einer Seite schreibt Verhelst ein Liebesgedicht, und das Schriftbild formt einen stehenden Wal.

Nach der Begegnung mit dem Tod befragt hier Verhelst das Leben. Das Ergebnis ist ein manchmal rätselhafter, assoziationsreicher und schöner Text, der das Glück der Existenz feiert.

Peter Verhelst: Eine Handvoll Sekunden. Deutsch von Stefan Wieczorek. Secession Verlag, Zürich. 347 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare