Das Picassomuseum in Münster stellt seine neue Matisse-Sammlung vor

Flirrendes Spiel von Figur und Ornament: Die Lithographie „Arabeske“ von Henri Matisse ist im Picasso-Museum Münster zu sehen. - Fotos: Museum

MÜNSTER - Lasziv räkelt sich die Frau in das gemusterte Polster, den Arm hinter den Kopf gelegt. Aber obwohl ihr Blick geradeaus geht, fällt es schwer, sie zu fixieren. Dass ihre Bluse transparent ist, fällt kaum auf, so sehr sind die großen Muster betont. Und auch die Figur scheint unterzugehen im Schwall der floralen Dekoration. Wen wundert es, dass Henri Matisse seine Lithographie von 1924 „Arabeske“ betitelt hat?

Das Blatt ist im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster zu sehen. Ausgerechnet dem Dauerrivalen des Namenspatrons widmet das Haus die große Ausstellung „Henri Matisse – Die Hand zum Singen bringen“. Es ist nicht die erste – schon vor drei Jahren hatte man Arbeiten des Künstlers gezeigt. Doch diesmal gibt es einen besonderen Anlass: 2015 hatte die Sparkasse Münsterland Ost aus dem Besitz der Familie Matisse ein Konvolut von 121 Grafikblättern erworben und dem Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Es hat ein wenig gedauert, aber nun hat die größte Sammlung des französischen Künstlers in Deutschland ihren großen Auftritt.

Picasso mochte Matisse (1869–1954) nicht, sagt Museumsdirektor Markus Müller, aber beide nahmen das Werk des anderen ernst, verfolgten aktuelle Ausstellungen, wie es eifersüchtige Konkurrenten eben machen. Insoweit passt Matisse in das Münsteraner Institut. Für die Präsentation der Neuerwerbung hat man nun nicht einfach chronologisch alles an die Wände gebracht, sondern rund 70 Blätter ausgewählt und mit bedeutenden Leihgaben so gruppiert, dass einige Hauptstränge in Matisses Schaffen deutlich werden. Mit rund 120 Exponaten kann man die Entwicklung des Künstlers von den fauvistischen Anfängen um 1905 bis zu seinem letzten großen Projekt verfolgen, der Gestaltung der Rosenkranzkapelle in Vence,

Den Wert der Neuerwerbung mag man unterschätzen, kommt in den Blättern doch Matisses Hauptqualität, die virtuose Farbgestaltung, nicht zur Geltung. Aber schon der Raum mit den Akten aus den 1920er Jahren, in dem auch die „Arabeske“ zu sehen ist, zeigt die Faszination, die Matisse auch als Zeichner ausstrahlt. Wie er in dieser Schaffensphase ein Blatt als zu gestaltende Fläche auffasst, in der dem einzelnen Ornament die gleiche Wertigkeit zukommt wie dem weiblichen Körper, weil es um einen Gesamteindruck geht, das lässt sich hier packend verfolgen.

Es ist ja nicht so, dass das Haus keine Farbe zu bieten hätte. Schon im Bestand haben sie ja die Sammlung Classen mit Malerbüchern, die auch Matisses hinreißende späte Serie „Jazz“ (1947) einschließt. Diese Blätter füllen eine Wand der Schau.

Matisse hatte ein Hauptthema: die menschliche Figur. Schon die frühesten Arbeiten der Schau, kleine Holzschnitte von 1906, zeigen weibliche Akte. Und auch der abschließende Raum mit dem kleinen Modell der Rosenkranzkapelle und Fotos von einem Glasfenster und dem Raum, hängen zusammen mit Grafikblättern und Zeichnungen, die als Skizzen, als Vorstudien zu Heiligen- und Mariendarstellungen zu betrachten sind.

Museumsdirektor Markus Müller unterstreicht, dass Matisse seine Bilder wie Inszenierungen gestaltete. Auch die Kapelle stehe nicht für eine Umkehr des Freigeists, der sich 1941 einer Darmkrebs-Operation unterziehen musste und den erfolgreichen Eingriff wie eine Wiedergeburt empfand. Seine Pflegerin, die Ordensschwester Jacques-Marie, hatte dabei vermittelt. Aber das hieß nicht, dass Matisse fromm geworden wäre. Der Künstler sagte dazu: „Ich gestalte es wie ein Theaterdekor...“

Darin hatte er sich schon 1919 versucht, als er für die Ballets Russes des Choreografen Sergei Diaghilev das Ballett „Le Chant du Rossignol“ ausstattete. In Münster sind die prachtvollen, in exotischen Anklängen dekorierten Kostüme zu sehen (in einer modernen Rekonstruktion, aber nur so konnte man das ganze Ensemble zeigen). Müller unterstreicht, wie sehr Bilder für Matisse Inszenierungen waren. Der Künstler legte Wert darauf, von der Umgebung bis zur Kleidung alles präzise zu fixieren, und er besaß eine Fülle von orientalischen Objekten und Kostümen, um auf alles vorbereitet zu sein.

Gerade die Frauenbilder und Akte der „Nizza-Periode“, zu denen auch die „Arabeske“ zählt, sind eben nicht einfach erotische Haremsbilder. Es sind visuelle Kompositionen, die darauf abzielten, einen Gesamteindruck zu schaffen, ein All-Over, in dem sich das Auge bewegen sollte.

Zudem hatte Matisse keine Angst vor dem Begriff des Dekorativen, er bekannte sich dazu und forderte gar, das Dekorative müsse die „Haupteigenschaft jedes Werkes“ sein. Von hier aus lassen sich die faszinierenden späten Arbeiten verstehen, die Scherenschnitte und Grafikblätter, die fast wie Tapetenentwürfe daherkommen, aber zugleich den Seheindruck radikal konzentrieren. In Münster sieht man neben der „Jazz“-Serie auch den herrlichen Wandteppich „Polynesien, der Himmel“ (1948/49). Ein Entwurf für priesterliche Gewänder aus dem Umfeld des Kapellen-Projekts (1950/52) wurde auf Leinwand montiert und wirkt nun wie ein Tafelbild, ein Muster aus abstrakt-organischen Formen, tänzerisch-leicht und lebensfroh.

Bis 29.1.2017, tägl. 10 – 18, fr bis 20 Uhr, Tel. 0251/ 414 47 10, www.picassomuseum.de,

Katalog in Vorb., Kerber Verlag. Bielefeld

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare