Das Picassomuseum zeigt die Sammlung Yvon Lambert: „Von Christo bis Kiefer“

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Barbara Krugers große Tafel „Who do you think you are?“ (1997) fragt nach Identität.

MÜNSTER Eine zarte Linie zieht sich über das Hochformat. Unten hat Cy Twombly den Namen hingekritzelt. Ein extrem reduziertes Porträt seines Galeristen hat der berühmte US-Maler (1928-2011) 1975 geschaffen, ein Bild der Sympathie. Julian Schnabel variiert 1989 auf eigenwillige Weise die französische Trikolore und schreibt auf das gestische Bild: „Yvon à Paris“.

Beide Kunstwerke sind im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster zu sehen, in der Ausstellung „Von Christo bis Kiefer“. Sie zeugen von der engen Beziehung, die Yvon Lambert zu seinen Künstlern pflegte. Der 81-Jährige kaufte im Alter von 14 Jahren sein erstes Kunstwerk. 1966 eröffnete er seine erste Galerie in Paris. Im Lauf der Jahre stellte er vor allem wichtige amerikanische Künstler wie Twombly, Schnabel, Jean-Michel Basquiat, Bruce Nauman, Nan Goldin, Jenny Holzer aus, aber auch den Japaner On Kawara, den Spanier Miquel Barceló, den Deutschen Anselm Kiefer. Oft genug ging es ihm nicht allein um den Durchlauf der Werke. Viele Bilder erwarb er, vieles wollte er lieber behalten. So entstand eine der wichtigsten Sammlungen mit Werken der Avantgarde des 20. Jahrhunderts.

2012 schenkte Yvon Lambert 556 Kunstwerke dem französischen Staat, mit der Auflage, dass dafür ein Museum für Gegenwartskunst gegründet wird. Es war die größte Kunstschenkung in Frankreich seit der Schenkung Picasso 1974, der Marktwert der Arbeiten wird auf 100 Millionen Euro geschätzt. Die Münsteraner Ausstellung bringt nun erstmals einen Querschnitt durch die Sammlung nach Deutschland, rund 100 Werke von etwa 40 Künstlern. Das Haus verlässt damit sein Kerngeschäft, die klassische Moderne. Direktor Markus Müller versteht die Schau als begleitenden Beitrag zu den Skulptur Projekten, die am Wochenende eröffnet werden.

Von vielen Künstlern wie Cy Twombly finden sich ganze Werkgruppen in der Schau, allerdings nicht chronologisch oder nach Künstlern sortiert, sondern in thematische Räume wie „Kunst und Literatur“ und „Leben und Tod“ geordnet. Die Schau, so Müller, belege, dass die Avantgarde des späten 20. Jahrhunderts eben nicht mit der Tradition gebrochen habe, wie es lange geglaubt wurde. Selbst der radikale Minimalist Twombly verarbeitet zum Beispiel im siebenteiligen Bildzyklus „Pan“ (1980) die antike Mythologie. Julian Schnabel, der Filmregisseur und Maler, schuf in „Flaubert’s Letter to his Mother“ (1988) eine wandfüllende Mischtechnik, montierte zerschlagenes Geschirr auf die Leinwand und malte darüber. Aus einiger Entfernung erkennt man eine Art Löwe, wie man sie auf Monumenten in Babylon und Ägypten findet. Eine Anspielung auf Flauberts Orientreisen, die auch mit dem Einsatz von Scherben auf Archäologie anspielt. Und eine Wand mit Fotos von Nan Goldin zeigt eben, dass die Künstlerin eine stillende Mutter zeigt und sich dabei an mittelalterlichen Gemälden der Maria lactans orientiert, dass sie dem Reiz niedlicher Putten in einem Park erliegt.

Und was anderes als eine gewaltige Vanitas-Mahnung ist die Serie „Self-portrait of You + Me“ (2008) des britischen Künstlers Douglas Gordon? Er nahm Fotos von Filmstars, brannte die Augen aus und montierte den Rest auf Spiegel. So sieht der Betrachter sich überblendet in den Augen von Simone Signoret, Marlene Dietrich und Greta Garbo und mag sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst werden. Dazu passt das „Monument Odessa“ (1989) des französischen Künstlers Christian Boltanski, das verfremdete Fotos von jüdischen Studenten, die 1939 das Purim-Fest feierten, zu einer Art Altar arrangiert, ein Nachhall der Shoah.

Lamberts Sammlung bildet die ganze Breite der modernen Avantgarde ab. Da finden sich textgestützte Arbeiten wie Barbara Krugers große Tafel „Who do you think you are?“ (1997), die den Betrachter mit der Frage nach seiner Identität konfrontiert. Und gegenüber hängen zehn monumentale Fotoporträts von Prominenten wie dem Rapper Snoop Dogg und der Künstlerin Yoko Ono, aber auch von dem Feuerwehrmann Darrell Dunbar, der den Terroranschlag vom 11. September 2001 nur überlebte, weil er vorher versetzt worden war, und der Holocaust-Überlebenden Gisela Glaser, ein Abbild von „America“ in Personen (2001-2004). Man findet Skizzen von Christo zum Beispiel zur Verhüllung der Pont-Neuf (1981). Man findet eine wunderbare, große Papierarbeit von Anselm Kiefer, „Cette obscure clarté qui tombe des étoiles“ (1996, Diese obskure Klarheit die von den Sternen fällt), die große Zeichnung einer Sonnenblume, von der echte (aufgeklebte) Sonnenblumenkerne fallen. Und man sieht zwei der wilden, großen Gemälde von Jean-Michel Basquiat. Und eine Arbeit ist für die Ohren: Louise Lawlers Installation „Birdcalls“ (1972-1981), für die sie die Namen von berühmten Kollegen wie Joseph Beuys und Andy Warhol aufnahm, aber im Ton von Vogelrufen.

Mit einem Projekt, „Pure Consciousness“ von On Kawara, beteiligt sich das Museum an den Skulptur Projekten. Dafür hingen sieben Gemälde des japanischen Künstlers (1933-2014) in einem münsteraner Kindergarten, wo die Kinder sie ohne Erläuterungen betrachten sollten. Kawara hatte das Unternehmen 1997 in Sydney gestartet und verfügt, dass es nach seinem Tod fortgesetzt werden soll. In Münster sind nun Fotos und Dokumente der ersten postumen Realisierung zu sehen.

Bis 1.10., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0251/ 41 447 10,

www.picassomuseum.de

Katalog, Druckverlag Kettler, Dortmund, in Vorbereitung.

Quelle: wa.de

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