Politthriller in Oberhausen: „GB84“ über Streik der britischen Bergleute

+
Tagsüber zieht der Jude Stephen Sweet für die Regierung die Strippen gegen den Bergarbeiterstreik, nachts schaut er ins Glas. Szene aus „GB84“ in Oberhausen mit Henry Meyer (links) und Michael Witte.

OBERHAUSEN - Im März 1984 begann einer der härtesten Arbeitskämpfe der englischen Geschichte, der Streik der Bergarbeiter. Die Kumpel wollten verhindern, dass 20 Zechen geschlossen und 20 000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Erfolg hatte die NUM nicht. Die Regierung unter Premierministerin Margaret Thatcher brach die Macht der Gewerkschaft.

Über diese Ereignisse hat der britische Autor David Peace einen Politthriller, „GB84“, der im Original 2004, auf deutsch 2014 erschien. Wer das mehr als 500 Seiten starke Werk kennt, hält es für unmöglich, daraus ein Theaterstück zu machen. Stefanie Carp hat für das Theater Oberhausen eine Bühnenfassung geschaffen, Intendant Peter Carp hat die Uraufführung inszeniert.

Der Text besteht aus zwei parallel laufenden Handlungsebenen. Zum einen folgt man dem Bergmann Martin an die Streikfront. Zum anderen kommt man in die Schaltzentralen der Macht, ins Büro des Gewerkschaftsführers Arthur Scargill und des NUM-Geschäftsführers Terry Winters, zum anderen ist man bei Stephen Sweet, genannt „der Jude“, dem Strippenzieher der „Eisernen Lady“. In rasantem Tempo wechseln die Schauplätze. Wie in einem Mosaik rekonstruiert Peace die Ereignisse mit der Präzision eines Historikers.

Stefanie Carp gelingt es überraschend gut, die wichtigsten Handlungszüge zu erhalten, obwohl sie geradezu barbarisch kürzen musste. Drei Stunden lang (mit Pause) vollzieht sich in Oberhausen das Drama eines Kampfs, der von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Denn die Regierung setzt alle legalen und illegalen Mittel ein, neben der Polizei und einer die Streikfreiheit einschränkenden Gesetzgebung auch Provokateure, die Schlägereien anzetteln, Spitzel in der Gewerkschaftsführung, verfälschende Berichte in den Medien.

Auf der Bühne von Manuela Freigang und Natascha Nouak gibt es Möbelgruppen, die Zimmer andeuten: Eine Hotelsuite, ein Gewerkschaftsbüro, Martins Wohnung. Gerade acht Schauspieler tragen das Stück, viele übernehmen drei oder vier Rollen. Hochleistungstheater, das den Zuschauer vielleicht mit der Fülle der Informationen überfordert, andererseits aber packend den Kampf gegen den Strukturwandel als Bürgerkrieg mit epischen Ausmaßen vorführt.

Das Ensemble meistert die Herausforderung souverän. Herzergreifend macht Thieß Brammer in seinen kurzen Szenen nachvollziehbar, wie die Energie des Anfangs zerschlissen wird in immer neuen zermürbenden Anläufen, in Demütigungen und Verletzungen durch Polizeiknüppel, wie seine Beziehung zu Cath zerbricht. Torsten Bauer verkörpert grandios den charismatischen, ideologisch verbohrten Gewerkschaftschef „King“ Arthur. Henry Meyer zeichnet den Strippenzieher Sweet brillant als melancholischen Überzeugungstäter, einen Strategen der schmutzigen Polittricks, der sich nach harter Arbeit mit Alkohol betäubt. Michael Witte gibt seinen Chauffeur und Handlanger Neil Fontaine als eine irritierende Mischung aus perfektem Butler und Gangster mit eigenen Plänen. Jürgen Sarkiss ist der korruptionsanfällige Geschäftsführer der Gewerkschaft, der im Bett mit der auf ihn angesetzten Diane (hinreißend Janna Horstmann) alle Geheimnisse ausplaudert. Und Klaus Zwick veredelt Kleinrollen wie einen schmierigen Verbindungsoffizier und einen schluffigen Streikbrecher zu sehenswerten Charakterminiaturen.

Das szenische Puzzle macht die schmutzigen Tricks der Regierung sichtbar – der Streik war von Anfang an chancenlos. Originale Filmdokumente werden eingeblendet, zum Beispiel von einer Thatcher-Rede und von Polizisten, die prügelnd die Streikenden vor sich hertreiben.

Am Ende schlägt die Inszenierung eine Brücke ins Ruhrgebiet: Als der Krieg verloren ist, senken sich Kauenhaken von der Decke, und mit den daran hängenden Kleidungsstücken sieht es aus wie eine leblose Geisterarmee. Der Club der toten Kumpel. Hierzulande wurde der Strukturwandel friedlicher gemanagt. Die Zechen sind aber auch an der Ruhr Geschichte.

9., 11.11., 9., 10.12., 15.1.,

Tel. 0208/8578 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare