Raphaela Vogel im Westfälischen Kunstverein

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Eine von Raphaela Vogels Videoskulpturen, die der Westfälische Münster zeigt. Kunstverein

MÜNSTER - Am Anfang fühlt es sich an wie eine Metal-Disco. Stromgitarren krachen durch den abgedunkelten Raum des Westfälischen Kunstvereins in Münster. Ein monströser Umspannblock wuchtet sich ins Bewusstsein. Aber das Video an der Wand erzählt von Freiheit und Abenteuer. Ein Boot fährt, Haare flattern im Wind, später läuft eine junge Frau über eine griechische Insel.

Das ist vielleicht das Wichtigste an der Arbeit von Raphaela Vogel: Sie selbst steht im Mittelpunkt. Sie agiert in ihren Videoskulpturen als Regisseurin, Kamerafrau und Darstellerin. Sie könne nur allein arbeiten, betont die 1988 in Nürnberg geborene Künstlerin. „She Shah“ heißt die Arbeit, die sie für Münster schuf. Vogel posiert darin wie eine Jane Bond. Die Bootsfahrt zeigt nur die Schatten ihrer im Wind flatternden Haare – das könnte auch ein finsterer Meeresgeist sein. Dann zeigt sie sich als Schiffbrüchige ans Ufer schwimmend, vielleicht die offensichtlichste 007-Reverenz. Und dann läuft, klettert, hüpft sie über eine steinige Landschaft, aufgenommen von der ferngesteuerten Drohne. Am Ende singt eine Frau (Vogel selbst) etwas ungelenk den Country-Song „The Most Beautiful Girl“.

Soviel Selbstbespiegelung ist der Künstlerin offenbar nicht ganz geheuer. Darum baut sie Distanz-Signale ein. Sie trägt im Video ein Kostüm aus dem Fanshop von „Körperwelten“, das die freigelegte Muskulatur zeigt. Sie dachte dabei an den antiken Mythos des geschundenen Marsyas, des flötespielenden Fauns, der den Gott Apollo zu einem Musikwettstreit herausforderte, unterlag und zur Strafe für seine Anmaßung bei lebendigem Leib gehäutet wurde. Auch Raphaela Vogel singt nicht perfekt, eignet sich die Heldenrolle an in ihrem Video, für das sie sich diese pompöse Rockfestival-Bühne gebaut hat. Ist das nicht Hybris, mit Zeug aus dem Baumarkt großes Kino zu spielen, fragt sie selbst.

Sie unterläuft mit ihrer Arbeit immer noch geläufige Rollenvorstellungen: Die große Geste ist danach Männern vorbehalten, die Damen sollen sich bitteschön sanft und poetisch äußern. So wie in der Shisha-Bar eigentlich nur echte Kerle zur Pfeife greifen. Es wird gegendert in dieser Ausstellung, die schon im Titel das phallische Rauchgerät zur weiblichen Herrscherin verfremdet: „She Shah“. Aber zum Glück geschieht das in einem erfreulich vieldeutigen, anspielungsreichen Arrangement, das noch ganz andere Töne von Erotik und Exotik kennt.

Die Videos sind Montagen vor allem aus eigenem, überreichen Bestand von Videos mit Vogel selbst als Protagonistin, aber neuerdings auch gefundenes Material zum Beispiel aus der Werbung. Sie werden stets in bestimmten Situationen inszeniert, als Skulpturen eben. Eine frühe Arbeit, die „Spinne“, besteht aus einem langen, überkreuz gebogenen Metallgestell, auf das sie zunächst eine Minikamera montiert hat. Dann bewegte sie das Gestell durch ihr Atelier, was zu wirbeligen Bildern führte, bei denen die Gesetze von Geometrie und Schwerkraft aufgehoben scheinen. Nun liegt das Stück im Kunstverein auf dem Boden, die Kamera wurde durch einen Miniprojektor ersetzt, und man sieht Vogels Mitspieler den Film vorführen. In einer weiteren Arbeit sind wirklich Shishas verbaut und man sieht auf einem flatternden Gespinst Aufnahmen einer rätselhaften Heiligenfigur aus Georgien.

Die Künstlerin hat schon einige Preise und Stipendien ethalten, hatte Ausstellungsbeteiligungen in Prag, Basel, Gyenggi-Do (Korea). Ihre Arbeit spielt raffiniert mit den Schwankungen zwischen Hochglanz und Bastelkeller und lohnt allemal auch einen zweiten Blick.

Bis 12.2.2017, di – so 11 – 19 Uhr, Tel. 0251/ 46 157, www. westfaelischer-kunstverein.de

Quelle: wa.de

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