„Rausch“ nach August Strindberg in Recklinghausen

+
Extrem: Robert Stadlober (links) mit Maik Solbach und Jacqueline Macaulay in „Rausch“ bei den Ruhrfestspielen.

Recklinghausen - Ein Mädchen sitzt hinter Blumen in einer Kiste, die hochkant gestellt ist. Dieses Bild dominiert als düster-morbides Stillleben die große Bühne des Festspielhauses in Recklinghausen – kurzzeitig. Ein Porträt mit Trauerflor?

Zum Anfang der August-Strindberg-Inszenierung „Rausch“ stimmt der Regisseur und Intendant der Ruhrfestspiele Frank Hoffmann das Thema Schuld und Tod an, das den schwedischen Dramatiker seiner Zeit umtrieb und 1899 zu einer Theaterarbeit veranlasste. Strindberg titelte übersetzt „Verbrechen und Verbrechen“. In Deutschland hieß sein Stück allerdings „Rausch“ und so wird es in Recklinghausen über weite Strecken inszeniert. Strindbergs Diskussion um „böse Gedanken“, und wer an ihrer Wirkung schuldig ist, wird bei den Ruhrfestspielen nicht als frühes Stück der Moderne gegeben, dem die Selbstbefragung wichtig ist, sondern als Rückgriff auf eine neue Zeit der Zweifel, die bereits die Krisen des Individuums im 20. Jahrhundert absurd vorwegnimmt.

Robert Stadlober lässt den Künstler Maurice dramatisch flattern. Statt seinen Theatertriumph mit Freundin und Tochter zu genießen, will er mit der provokanten Henriette Sonne und Freiheit im Süden spüren. Im Überschwang wünscht er sein Kind in alle Ewigkeit, um einer Liebe Zukunft zu geben, die noch Champagnerlaune ist. Als seine Tochter Marion tagsdrauf tot aufgefunden wird, folgen Ermmittlungen gegen ihn. Die Schuld fährt ihm in den Knochen. Später stellt sich heraus, dass eine Krankheit den Tod verursachte. Aber da ist es um Maurice längst geschehen. Die Liebe ist dahin, Freunde sind verloren, selbst Erfolge als Künstler schmecken schal. Dass Strindberg diese Ernüchterung als dünne Gesellschaftskomödie banal ausklingen lässt, ist ein Fehler im Bausatz von „Rausch“, der schon viele Regisseure herausforderte. In Recklinghausen setzt Hoffmann auf das exaltierte Spiel seiner Schauspieler. Jacqueline Macaulay verführt als Lady Henriette in Red, ohne ans Morgen zu denken. Adolphe, Maurices Malerfreund, wird von Maik Solbach zum aktionistischen Bedenkenträger aufgepumpt. Wolfram Koch jagt als die moralische Instanz des Pastor Abbé umher oder klingt als Kommissar nett bedrohlich. Und Sinja Dirks gibt ein verständnisvolles Frauchen, das später vom Tod ihrer Tochter gezeichnet mit allen Figuren des Stücks in einer Kiste zusammentrifft. Hier werden die Individuen vom Leben gerahmt, aber ihr innerer Antrieb blieb merkwürdig aufgesetzt.

15., 16. 5.; Tel. 02361/92180

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare