„Recortes“ ist ein Tanztheater in Münster

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Zwei, die etwas suchen: Elizabeth Towles und Jason Franklin im Tanztheater „Recortes“ in Münster.

MÜNSTER - Für Kinder gibt es immer noch, etwa auf Weihnachtsmärkten, nostalgische Puppenstuben aus Pappe zum Aufklappen. Kleine Traumhäuser mit Küche, Salon und Katze am Kamin. Wie ein solches Puppenheim lässt sich die Kulisse im neuesten Tanztheater-Stück in Münster aufklappen. „Recortes“ ist, nach der großen Premiere von Hans-Henning Paars „Romeo und Julia“ im Oktober, wieder einmal das Werk eines Gastchoreografen, zu sehen im Kleinen Haus.

Gustavo Ramirez Sansano bewegt sich zwischen traditionellem Improvisationstanztheater und einem scharfkantigen, wie von der Straße inspirierten Stil. Er zeigt die Tänzer in langen Sequenzen als in sich gekehrte Gestalten, die einen Weg aus sich heraus zu suchen scheinen. Intimität ist sein Thema.

Leise fängt es an, mit Bach. Klaviertöne tropfen in den Raum, dessen dunkles Licht abweist. Die Wände sind schwarz. Grünstichiges Licht fällt von der Seite ein, die Tänzer heben sich in ihrer schwarzen Kleidung kaum ab. Sie sind in den ersten Minuten eher Bewegung als konkrete Körper. Jeder tanzt für sich allein.

Ein Kanon greift Raum; nun bewegen sich zwei synchron. Figurierungen, Wiederholungen in der Musik werden direkt in Bewegung umgesetzt, Impuls für Impuls. Trotzdem wirkt die Szene lange abstrakt und rutscht eben so ins Eintönige ab, als die Choreografie beginnt, mehr Interaktion zuzulassen.

Nun erzählt Sansano eine Weile Geschichten im Mikroformat: Miniaturen über Nähe und die Suche nach ihr. Die kleine, auf der Bühne fast manisch konzentriert agierende Maria Bayarri Perez hüpft, als wolle sie aus ihrem Körper heraus; als ein Partner auftaucht, nutzt sie ihn einfach zum Abstützen. Er geht, kommt wieder, und was folgt, ist einfach und anrührend: Sie umtanzen sich, als wollten sie sich Küsse geben. Er neigt sich zu ihr, rückt wieder weg, nähert sich von der anderen Seite ihrem Hals. Sie schaut ihm gebannt zu, dann neigen sie sich zueinander, aber bevor sich die Lippen berühren, winden sich beide in den Stand: eine Umarmung, die keine ist.

Ein Quartett schlingt sich umeinander, strebt auseinander, springt sich wieder an. Die Musik wabert. Durch den digitalen Häcksler setzt sich eine Stimme durch. Hier ist die komplette Schmalzdröhnung: Elvis singt „Love me tender“. Aber die vier erfreuen sich an dem Liebeskitsch, neigen sich zu schnellen Küssen zueinander. Als zwei miteinander tanzen wollen, liegen die zwei anderen ihnen wie Lasten auf dem Rücken.

Während das Puppenhaus aufklappt, bricht die Stimmung auf. Innen ist das Traumhaus anstaltsweiß. Wie manisch wippt eine Gestalt in Weiß davor. Arzt oder Patient? So genau will Sansano das nicht wissen. Also guckt man einfach mal weiter. Slogans werden mit Kohle an die Wände gemalt. Es sind Versprechen in vielen Sprachen: Ich werde nie – lügen, dich zum Weinen bringen, dergleichen. Am Ende bemalen die Tänzer ihre weiße Kleidung mit Punkten und Smileys.

Problematisch ist die Perspektive. Sansano entscheidet sich, die Kulisse teils mitten in den Raum zu öffnen. Das versperrt den Blick auf die elf Männer und Frauen, die ohnehin weniger für ein Publikum zu tanzen scheinen als füreinander. Sansano spielt an, schlägt vor: Erzählen will er nichts.

Das Stück fließt eine gute Stunde lang so angenehm, dass das Ende ganz überraschend kommt. Wie, das war’s schon? Man hätte noch weiterschauen können. Solch einen Sog schaffen Youtube-Videos. Wenn der Guck-Flow vorbei ist, hat man elf sehr fitte und vollends hingegebene Tänzer gesehen. Das ist sehr viel. Aber als im Finale alle elf zum ersten Mal synchron zu Johnny Mathis tanzen, wenn der alte Crooner uns verspricht: „It’s wonderful“, dann ist das so lieb und tröstlich wie ein Lieblingswollpullover mit einer losen Masche hier und da. Über den Kuschelfaktor geht „Recortes“ kaum hinaus. In Münster war schon Spannenderes zu sehen.

Edda Breski

20., 28. 1.; 18., 22., 25. 2.;

17. 3.; 15. 4.; 25. 5.; 17. 6.;

Tel. 0251/59 09 100;

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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