Reichstagsbrand: US-Historiker Benjamin Carter Hett hält Nationalsozialisten für die Täter

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Der brennende Reichstag. US-Historiker Benjamin Carter Hett hält die Nazis für die Brandstifter.

Waren es doch die Nationalsozialisten? Vor 83 Jahren brannte der Berliner Reichstag. Die meisten Historiker sehen den niederländischen Anarchisten Marinus van der Lubbe als Alleintäter. Kritische Stimmen, die die neuen Machthaber als Brandstifter ausmachen, sind aber nie verstummt. Der amerikanische Historiker Benjamin Carter Hett präsentiert Indizien für eine NS-Täterschaft, ohne die Alleintäterthese wirklich erschüttern zu können.

Der Brand am Abend des 27. Februar 1933 lieferte den gerade an die Macht gekommenen Nationalsozialisten den Vorwand für das Aussetzen grundlegender Bürgerrechte. Adolf Hitlers Kabinett erließ einen Tag danach die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“, die rechtliche Grundlage für die nationalsozialistische Diktatur. Juristisch nachweisbar ist die Tat nur Lubbe (1909-1934). Der verwirrt wirkende Mann wurde noch im brennenden Reichstag festgenommen, 1934 zum Tode verurteilt und eilig hingerichtet.

In der deutschen Historikerschaft hat sich die Alleintäterthese des niedersächsischen Ministerialrates Fritz Tobias (1912–2011) durchgesetzt, die er zuerst 1959/60 im „Spiegel“ publizierte. Er fand in seinen Untersuchungen keinen Hinweis auf eine Mittäterschaft der Nazis. Die Diskussion verstummte allerdings nie.

Der New Yorker Geschichts-Professor Hett kratzt an der Alleintäterthese – eben weil die Nationalsozialisten ein so gutes Motiv hatte. Er hält es für möglich, dass eine SA-Einheit durch einen Verbindungstunnel vom Reichspräsidentenpalais in den Reichstag eindrang, Feuer legte und den verwirrten Lubbe zurückließ. Joseph Goebbels sei eingeweiht gewesen, Hitler nicht. Die Mitglieder des Sondertrupps seien 1934 im Zug des so genannten „Röhm-Putsches“, bei dem Hitler die SA entmachtete, ermordet worden. Übrig blieb Hans-Georg Gewehr (1908–1976), der den Trupp angeführt haben soll, 1962 von solchen Anschuldigungen aber gerichtlich freigesprochen wurde.

Den Beweis für dieses Kommando bleibt Hett ebenso schuldig wie die Antwort auf die Frage, wie der Kontakt zwischen den Nationalsozialisten und Lubbe denn zustande gekommen sein soll. Lubbes Weg durch die Hauptstadt 1933 ist inzwischen gut dokumentiert. Hett spekuliert über ein Treffen mit zwei Kommunisten in Neukölln, die als Polizeispitzel galten. Mehr als ein Versuch ist das nicht.

Hett widmet sich nicht nur dem Brand, sondern auch der nicht minder interessanten Nachgeschichte. Er arbeitet Hintergründe der Beteiligten heraus, unterstellt den Zeugen der Alleintäterthese dabei jedoch durchweg unlautere Motive: Frühere Ermittler von Polizei und Gestapo hätten das Todesurteil für Lubbe im Nachhinein rechtfertigen wollen, auch um sich vor einer Strafverfolgung in der Bundesrepublik zu schützen. Die westdeutsche Nachkriegsjustiz ging allerdings sehr gnädig mit NS-Tätern um.

Hetts Verdienst besteht immerhin darin, Strukturen der verfahrenen Reichstagsbrand-Diskussion zu hinterfragen. Ehemalige Gestapo-Leute hatten offenbar weitreichenden Einfluss auf Tobias‘ Enthüllungen und die „Spiegel“-Berichterstattung. Und wie Lubbe es geschafft haben soll, in relativ kurzer Zeit ein so umfassendes Feuer zu legen, stellt auch moderne Brandsachverständige vor ein Rätsel. Hier greift Hett Fragen auf, die weiter zu diskutieren sind. Nach 633 Seiten bleibt allerdings nur eine sichere Erkenntnis: Der einzige, dem eine Tatbeteiligung nachgewiesen werden kann, ist Marinus van der Lubbe.

Benjamin Carter Hett: Der Reichtstagsbrand. Rowohlt Verlag, Reinbek. 633 S.. 29,95 Euro.

Quelle: wa.de

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