Renée Fleming und die Stockholmer Philharmoniker im Konzerthaus

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Musikalischer Dialog: Renée Fleming und Dirigent Sakari Oramo im Konzerthaus Dortmund.

DORTMUND - In manchen Konzerten kommt das Beste unerwartet. Das muss kein Urteil über das Vorhergegangene sein, nur trifft manchmal ein letztes Stück oder eine Zugabe genau den Ton, der das Gehörte abrundet und alle glücklich nach Hause schickt. So bei der Saisoneröffnung am Konzerthaus Dortmund, ein Konzert mit großen Namen – es spielte das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra unter Sakari Oramo, mit der US-Sopranistin Renee Fleming war ein Weltstar da. Ausgesprochen glücklich war die Zusammenstellung ungewöhnlicher Werke und die Wahl der Zugaben als Krönung.

Das erste Werk, eine Komposition der 36-jährigen schwedisch-italienischen Komponistin Andrea Tarrodi, war stark von Filmmusik inspiriert. „Liguria“ ist eine musikalische Beschreibung der Cinque Terre im Nordwesten Italiens. Die Musik brandet immer wieder auf, dazwischen liegen Haltetöne, durchsetzt von Bläserakzenten und einer schnarrenden Gurke: eine Impression von Küste und Meer. Das war Aufwärmprogramm in Vorbereitung für Fleming, die vor der Pause zwei Orchesterlieder von Samuel Barber sang, nach der Pause das Finale von Richard Strauss’ Oper „Daphne“ (1938).

„Knoxville: Sommer 1915“ (1947) ist eine komponierte Kindheitserinnerung für Orchester und Sopran. Der Text ist eine liebevolle Erinnerung des US-Schriftstellers James Agee an einen Sommerabend in einer Kleinstadt. Das Orchester legt mit Geigenfiguren und gezupften Celli einen Rhythmus wie von Schaukelstühlen. Fleming singt es so, als höre man zugleich das Kind und die Frau, die aus ihm geworden ist. Denn eine Erinnerung an die Kindheit ist eine Frage an sich selbst: Wer bin ich geworden? Wie formte mich der Ort, der als Kind mein Zuhause war? Flemings Erzählton bewegt sich vorsichtig zwischen Kindheitserzählung und der leicht wehmütigen Erinnerung der Erwachsenen, lässt sich hinreißen ins vergangene Idyll und malt den Schrecken nach, den das Kind erlebt, als es seine vertrautesten Menschen zum ersten Mal bewusst als fremde Körper wahrnimmt. Ebenso vorsichtig ausbalanciert die Hingabe an einen Traum in Barbers „Sure on this shining night“ (1938), die Fleming in kühl leuchtenden Bögen zeichnet.

Nach der Pause war das „Daphne“-Finale eine passende Ergänzung: nach den Orchesterliedern, die einem Heimat- und Sehnsuchtsgefühl nachfühlten, die Fiktion eines Geschöpfs, das zum Spielball eines Gottes geworden ist und sich – als finaler Akt – einer Überwältigung hingibt. Fleming klingt noch einmal kindlich, als sie dem Ruf Apollos folgt, überwältigt und angstvoll, dann hingerissener, bis zu den letzten Vokalisen nach der Verwandlungsmusik, die wunderschön, aber nicht mehr menschlich klingen. Es sind Laute eines Naturwesens.

Fleming ist Strauss-Spezialistin von Weltrang, so gab es auch Strauss als Zugabe. In „Morgen“ klang Fleming am gefühlvollsten, als spinne sie einen feinen, starken Faden in die Ferne. Deklamation und Gesang fallen zusammen, und für einen Moment bleibt die Zeit stehen.

Danach folgte wieder ein Sprung. Der Däne Carl Nielsen findet sich mit seinem eklektischen Stil aus volkstümlichen Tänzen und Melodien hierzulande in Konzertprogrammen selten. Zu seiner zweiten Sinfonie „Die vier Temperamente“ (1902) inspirierten ihn Gemälde der alten Gemütstypen der Humoralpathologie: der trübe Melancholiker, der gelassene Sanguiniker, der wütende Choleriker und der gemächliche Phlegmatiker. Das ist für Nielsens Zeit ein altmodisches Konzept, das dem Werk überdies ein festes Konzept zuweist. Aber Nielsen arbeitet mit blockartig zusammengestellten, doch wechselhaften musikalischen Einfällen. Volkstanzrhythmen weisen den Weg, aber dann passiert Unerwartetes, und die Sinfonie nimmt heftig Fahrt auf.

Das dunkle Herzstück ist der dritte Satz, der den Melancholiker mit einem schweren, tragischen Motiv vorstellt. Aber wie das schillert: Die Musik kippt ins Tragische, fast Arrogante, dann ins Lyrische, dann in eine volksmärchenhafte Teufelei. Der letzte Satz – dem Choleriker gewidmet – galoppiert durch die Wutanfälle mit einer ansteckenden Freude am Austicken, gebrochen von einem todtraurigen, doch graziösen Einschub. Hier ist nicht alles, was es zu sein scheint, dafür geben Oramo und die Stockholmer auch ihre bisher gewahrte Draufsicht auf und stürzen sich auf die Musik.

Die Zugabe – dankbarerweise Brahms‘ Vierter Ungarischer Tanz statt eines melancholischen Skandinaviers – reißt hin mit einem verführerischen Glamour, den man selbst nach der schillernden Nielsen-Sinfonie nicht erwartet hätte, ein glückliches Ende für einen spannenden Konzertabend.

Quelle: wa.de

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