„Revolution Jungsteinzeit“: Landesausstellung im Archäologiemuseum Herne

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Designerschmuck aus der Jungsteinzeit: Die durchbohrten Reißzähne von Wolf, Luchs, Fuchs und anderen Raubtieren wurden in einer Grabanlage in Erwitte-Schmerlecke gefunden.

HERNE - Das war Mode in der Jungsteinzeit: Eine Kette aus Reißzähnen von Wolf, Luchs, Dachs und anderen Raubtieren. Wenn man sie liegen sieht in der Vitrine im Museum für Archäologie in Herne, kann man sich das sogar vorstellen. Symmetrisch angeordnet fügen sie sich zu einem schönen Muster.

Die durchbohrten Zähne wurden in einer Grabanlage in Erwitte-Schmerlecke gefunden. Drei Anlagen liegen dort direkt beieinander, errichtet zwischen 3500 und 2800 vor Christus aus wuchtigen Kalksteinplatten, denen zu verdanken ist, dass sich Knochen und andere organische Materialien erhalten haben. Allein in Grab II wurden die Gebeine von mindestens 200 Personen gefunden. Über Jahrhunderte hinweg hat hier wahrscheinlich eine Familie ihre Toten bestattet. Arm waren sie nicht, nach Steinzeitmaßstäben. Sie gaben ihren Lieben nicht nur die Ketten mit, die vielleicht auch Schutzamulette waren. Sie hatten sogar Bernsteinperlen aus dem Baltikum, rare Importware.

Seit 1995 ziehen die Archäologen Nordrhein-Westfalens alle fünf Jahre Bilanz in einer großen Landesausstellung. Für die aktuelle Schau haben sie etwas geändert: Erstmals steht die Schau unter einem Leitthema. Mit rund 900 Exponaten kann der Besucher nun die „Revolution Jungsteinzeit“ nachvollziehen. Die Epoche hat den Weg der Menschheit mehr verändert als jede weitere Entwicklung danach, mehr als Industrialisierung und Digitalisierung. Es ist der Zeitpunkt, an dem der Mensch sesshaft wurde und sich nicht mehr als Jäger und Sammler ernährte. Die Entwicklung begann im Vorderen Orient vor 12 000 Jahren und breitete sich aus. In Westfalen kam der Umschwung vor gut 7000 Jahren an, wie die in der Ausstellung präsentierten Funde belegen.

Viele Fundstücke sind äußerlich nicht sehr attraktiv, kein Wunder, nach vielen Jahrtausenden im Erdreich. Aber für die Wissenschaftler sind sie unbezahlbar. Die Ausstellung versucht, Scherben und zerbrochene Gefäße, Steinklingen und andere Objekte so zu präsentieren, dass sie sich erschließen. Welcher Laie weiß schon den Wert eines Beilschafts aus Eichenholz zu schätzen? Das Stück ist mehr wert als Gold, organisches Material verfault normalerweise innerhalb von Jahren. Der Schaft lag in einem Brunnen im rheinischen Kückhoven, abgeschlossen von der Luft, so dass die Bakterien ihn nicht zerstörten. Wie kostbar erst ist das Rindengefäß aus dem selben Brunnen, mit dem unsere Vorfahren einst das Wasser aus vielen Metern Tiefe schöpften? Der Schöpfbeutel wurde mit Bast umsponnen, um das empfindliche Material zu stabilisieren. Der Brunnen in Kückhoven zeugt von dem Können der Steinzeitmenschen: Sie hatten einen rund 13 Meter tiefen Schacht ausgehoben und mit Holzbalken stabilisiert, um dauerhaft Grundwasser schöpfen zu können. Lange hatte die Wissenschaft das nicht für möglich gehalten.

Der technische Fortschritt der Jungsteinzeit war dramatisch. Der Mensch nutzte nun nicht einfach mehr die Angebote der Natur. Er erzeugte seine Nahrung selbst. Haustiere wurden gezüchtet, Nutzpflanzen angebaut. In Herne sieht man Modelle von Holzhäusern, die bis zu 70 Meter lang waren. Erst wenn man sesshaft ist, hat es Sinn, Eigentum zu haben. Nun entwickelten die Menschen Hierarchien und Arbeitsteilung. Und sie veränderten die Umwelt, rodeten den damals vorherrschenden Wald für ihre Siedlungen und Äcker.

Um geeignete Steine für Werkzeuge zu bekommen, wurden sie zu Bergleuten, und sie entwickelten einen Tauschhandel, der Europa umspannte. Das Jadeit für besondere Prunkäxte stammt aus dem Alpenraum, wurde an der französischen Küste bearbeitet und fand von dort den Weg nach Westfalen, zum Beispiel nach Soest, wo die glatt geschliffenen und für den Gebrauch zu empfindlichen Geräte gefunden wurden. Wahrscheinlich dienten sie einem Häuptling oder Schamanen als Würdezeichen. Hunderte Kilometer wurden überbrückt. Ein französisches Forscherpaar hat herausgefunden, dass der Stein der Klingen vom Monte Viso in Italien stammt.

Die Ernährung änderte sich grundlegend. So nutzten die Steinzeitmenschen die Milch ihrer Haustiere. Allerdings waren sie laktoseintolerant, weshalb sie die Milch zu Käse verarbeiteten, der weniger Verdauungsprobleme bereitet. Wissenschaftler haben an gelochten Tonscherben Rückstände von Milchbestandteilen gefunden, ein Beleg dafür, dass die Siebe zur Käseproduktion benutzt wurden.

Bei einem zerbrochenen Frauenschädel, der in Hagen in der Blätterhöhle gefunden wurde, haben die Forscher mit gerichtsmedizinischen Methoden das Gesicht rekonstruiert. Die junge Frau würde auf der Straße niemandem auffallen.

Die Ausstellung setzt auf Familien als Besucher, hat immer wieder Mitmachbereiche, in denen Besucher sich an eine Pflugsimulation stellen können, wo der Zugochse böse muht, wenn man nicht genug drückt. Oder man kann Steinzeitschmuckentwürfe nachzeichnen.

Die thematische Ausrichtung tut der Ausstellung gut, man bekommt Zusammenhänge statt eines Sammelsuriums wie in früheren Jahren. Ganz verzichten muss man nicht. In einem Extraraum gibt es ein Best Of der Archäologie im Land, zum Beispiel versteinerte Urzeitpflanzen, mittelalterliche Schwerter, Funde aus dem im Weltkrieg zerbombten Köln. Zu sehen sind auch geschnitzte Verzierungen einer römischen Kline, eines Totenbettes aus der Römerzeit. Die Forscher haben aus den Funden eine Kline rekonstruiert, die Schmuckelemente wurden am 3D-Drucker hergestellt.

Bis 22.10., di – fr 9 - 17, do bis 19, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02323/ 946 280,

www.revolution-jungsteinzeit.de,

Katalog Jungsteinzeit, 24,95 Euro, Katalog Archäologie 19,95 Euro, zus. 39 Euro, Theiss Verlag, Stuttgart

Quelle: wa.de

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