Richard Siegals Dante-Choreografie bei der Ruhrtriennale

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Zwei Tänzer im Gleichschritt: Corey Scott-Gilbert (rechts) und Gus Solomons jr. tanzen Richard Siegals Choreografie „Three Stages: Model – In Medias Res – El Dorado“ auf Pakt Zollverein in Essen bei der Ruhrtriennale.

ESSEN - Ein Markenzeichen der Ruhrtriennale sind Trilogien. Intendant Johan Simons hat Kreative über drei Jahre Werke entwickeln lassen. Jetzt ist Finalzeit. Die Trilogie des Choreografen Richard Siegal nach Dantes „Göttlicher Komödie“ war auf Pact Zollverein unter dem Titel „Three Stages“ (drei Zustände oder auch: drei Bühnen) in fast vierstündiger Gesamtfassung zu sehen.

Haben sich die drei Jahre gelohnt? Nun, Dante kann sich nicht wehren. Siegal macht – in der Gesamtbetrachtung – aus der „Göttlichen Komödie“ eine psychoanalytisch unterfütterte Selbstbeschau. Was er im dritten Teil veranstaltet, ist nicht einmal eine Provokation, sondern platt, narzisstisch, langweilig.

Siegal schickt zwei Hauptfiguren durch Hölle, Fegefeuer und ins Paradies. Eigentlich ist es eine Figur in zwei Lebensaltern, ein junger Mann (Corey Scott-Gilbert mit beeindruckender Physis) und eine ältere Vaterfigur (Gus Solomons jr.). Beeindruckend die Eingangssequenz, in der der knorrige, von seiner jahrzehntelangen Tanzkarriere gezeichnete Solomons jr. und der lange, muskulöse Scott-Gilbert sich wie Echos bewegen.

Der erste Teil ist „Model“, eine dichte Arbeit über Eitelkeit und körperliche Kraft mit neun klassischen Tänzern. Siegal zeigt Spitzentanz als Mittel der Aggression. Touren im Kreis wirken schwindelerregend und gemahnen an die sieben Kreise der Hölle. LED-Screens sorgen für Lichtblitze, Techno hämmert. Siegal treibt böse Scherze mit der klassischen Tradition – er bringt eine Reihe Tänzer in narzisstischen Posen auf die Bühne, die an die Schatten in „La Bayadère“ erinnern. Gegen Ende zeigt ein hinten auf der Bühne montierter LED-Screen eine Geburt rückwärts. Hier geht es zurück an den Ursprung, durch ein dunkles Tor.

Das Fegefeuer stellt die Performance „In Medias Res“ dar. Gus Solomons jr. bekommt an einer gedeckten Tafel ein skurriles Mahl serviert, bis Scott-Gilbert auf den Tisch klettert und sich vor ihm produziert wie ein Bodybuilder auf Promotion-Tour. Ein Tänzer wälzt sich in Erde. Ein anderer bewirft Fotografien mit nassem Papier. Stammestänze werden aufgeführt, Rave war offenbar eine Inspiration. Ein Sprecher (Frédéric Stochl, der auch am Kontrabass unheimliche Töne in den Raum legt) begleitet die ersten beiden Teile. Er spricht oft unverständlich, reißt die Augen auf wie eine Geisterbahnfigur – weniger ein Führer in Anlehnung an Vergil bei Dante als vielmehr eine Albtraumgestalt.

Im Fegefeuer wird abgestreift, was fortan bedeutungslos sein soll. Formell betrachtet ist alles eindrücklich gemacht – der Wechsel der Tanzstile, die Veränderung von Form und Bewegungsqualität. Die Symbolik ist einleuchtend: Natürlich wird ein Kafka-Foto bearbeitet, denn Kafkas Leiden am eigenen Vater ist ja Kulturgut. Zwischen all den Symbolstückchen bewegt sich „In Medias Res“ bis zum Finale, das wiederum sehr stark ist: Die Bühne – ein riesiges Tuch – wird nach hinten weggezogen, als implodiere sie. Sie verschwindet in einem Tor im Hintergrund. Die Darsteller ziehen sich aus, duschen, treten nackt ebenfalls hindurch: ein Reinigungs- und Übergangsritual.

Ins Paradies, „El Dorado“, einen Ort voller Vogellaute und rauschender Schwingen, kommen Gus Solomon jr. und Corey Scott-Gilbert nackt. Ihr Schambereich ist mit Goldfarbe betont. Bereits da ist eine nackte, üppige goldbemalte Frau, die in der Grätsche sitzt, so dass zwischen ihren Beinen dunkler Schatten ruht. Ein Pissoir – das am Ende von „In Medias Res“ auftauchte – ist übergelaufen und flutet den Bühnenhintergrund. Jetzt tobt sich Siegal in freudianischer Symbolsprache aus.

Die Männer „erbrechen“ Goldfarbe auf Papier, um Rohrschachbilder herzustellen, und feiern mit Bodyperkussion ihre Körper. Scott-Gilbert stellt sich über die liegende Frau (Sandra Balkmann) und führt ein tiefes Plié aus, so dass sein Glied über der nackten Gestalt hängt. Am Ende führt die Frau einen Schlauch zwischen ihre Beine und flutet die Bühne mit Wasser. Dazwischen geschieht lange nichts, oder nichts, das nicht erwartbar wäre. Da sind eingängige Bilder, aber keine Spannung.

Siegal fächert freudsche Stereotypen auf von Penisneid bis Ödipus-Komplex. Im Grunde zeigt er nur männliche Selbstbespiegelung. Langweilig, ironiefrei, vorhersehbar, bespielt er zudem Klischees über die Frau/Muttergestalt, als hätte sich in hundert Jahren nach Freud nichts getan. Bei aller – zugegeben vorhandenen – Bildmacht: Das lohnt sich nicht.

Quelle: wa.de

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