Der Unterhaltungs-Gladiator

Robbie Williams zeigt 40.000 Fans in Düsseldorf eine ganz große Show

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Britischer Rock-Star Robbie Williams gastiert auf seiner "The Heavy Entertainment Show"-Tour in der ESPRIT-Arena Düsseldorf

Düsseldorf - Kurz vor dem Konzertende ist tatsächlich auch Robbie Williams überwältigt. Bei „Angels“, dem zweiten Lied des Zugabeblocks, stehen ihm Tränen in den Augen, als er ins Meer aus Handy-Taschenlampen und Feuerzeugen in der mit über 40.000 Zuschauern ausverkauften Esprit-Arena Düsseldorf blickt.

Dieses Gefühl erfasste das Publikum quasi mit dem ersten Song. Es sollte sie beim zweiten Deutschland-Auftritt von Robbie Williams im Rahmen seiner „The Heavy Entertainment Show“ für die nächsten 105 Minuten nicht mehr verlassen – der 43-Jährige liefert eine atemberaubende Überwältigungs-Show. Dazu gehört zur Einstimmung das Comeback des 80er Synthie-Pop-Duo Erasure und ein kurzweiliger Bühnenaufbau, bei dem täuschend echt aussehende Arbeiter auf die Bühnenseite projiziert werden, die in aller Ruhe Williams’ Konterfei aufkleben und dabei Kaffee trinken oder telefonierten. 

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Welchen Status der Brite sich im Showbiz erarbeitet hat, zeigt er gleich mit der Ouvertüre. In dem gleichermaßen selbstironischen und selbstverliebten Eröffnung „God Bless Our Robbie“ zur hymnenhaften Melodie von „Land Of Hope And Glory“ singen Chöre davon, dass den „global player“ (außer in den USA, wie er anmerken lassen muss) einst Drogen und Drinks aus der Bahn geworfen haben. Dann lässt sich der zweifache Vater wie ein Boxer ankündigen – als „Die Legende“, „Der Unschlagbare“ und „Der Ikonenhafte“. So etwas dürfen nicht viele machen. Bei ihm lachen alle. 

Im Boxer-Bademantel betritt Williams die Bühne und startet mit dem Song „The Heavy Entertainment Show“ und „Let Me Entertain You“ sein Programm, begleitet von sexy Tänzerinnen im Boxer-Outfit. Williams selber, der weltweit über 77 Millionen Alben verkauft hat und zuletzt vor drei Jahren in Düsseldorf im auftrat, sieht mit einem schwarzen Faltenrock und einem schwarzen armlosen Oberteil aus wie ein schottischer Gladiator. 

Er lüftet gleich mal keck den Rock, erst hinten, dann vorne. Und der Sänger aus Stoke-on-Trent wäre nicht er selbst, wenn er nicht sofort die Kontrolle über Dinge zurückgewinnt, die scheinbar aus dem Ruder laufen. So wurde er am Montag zum Tourauftakt in Dresden von einer Berlinerin überrumpelt, die ein Schild in die Höhe hielt mit der Aufschrift „Bitte signiere meine kleinen Brüste“. Als Williams dies machen wollte, zog sie vor laufender Stadionkamera blank, Williams unterschrieb trotzdem und der Boulevard hatte sein Skandälchen sowie der Fan seinen kalkulierten Aufmerksamkeitsschub. 

Nun dreht in Düsseldorf der Sänger den Spieß um. Er fragt Frau im Publikum, ob er auf ihren Brüste unterzeichnen soll. Auch sie hebt ihr T-Shirt hoch, entblößt – alles ist auf den riesigen Leinwänden zu sehen, und bekommt ein Autogramm. Damit zeigt Williams, wer bei seinen Auftritten die Richtung angibt. 

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Das Konzert wird im weiteren Verlauf zu einem Best Of-Abend. Das aktuelle Album „The Heavy Entertainment Show“ bekam von den Kritikern maximal mittelprächtige Bewertungen und verkaufte sich so schlecht wie kein anderes Williams-Soloalbum in diesem Jahrzehnt. „Party Like A Russian“, untermalt von Kandinsky-Formen und die aktuelle Single „Love My Life“, bei der sich der Superstar als glücklicher Familienmensch zeigt, schaffen es immerhin auf die Setlist. 

Es gibt eine musikalische Zeitreise. So erinnert der Brite an 1994, als er mit Take That in Berlin bei dem MTV Awards auftrat und er keinen Spaß hatte. Den hatte er aber nach dem Auftritt, als er mit George Michael durch die Klubs zog. Und so ehrt er den verstorbenen Sänger mit einer Coverversion von dessen Hit „Freedom“. 

Auch wenn es immer wieder um den Ausbruch von seiner einstigen Boygroup geht, so ist mit „The Flood“ ein Song aus dieser Phase dabei und er baut immer wieder Songschnipsel von Take That ein. Auch seine Familie nimmt einen großen Raum ein. „Motherfucker“ ist seinem Sohn Charly gewidmet, der gerne ordinäre Sprüche seines Vaters wieder gibt. „Zu „Come Undone“, eine Abrechnung mit seiner Mutter“, zeigt das Bühnenbild eine Art Empfangsstörung. Besser sieht es da schon mit Vater Peter aus. Mit ihm als Überraschungsgast singt er Neil Diamonds „Sweet Caroline“ auf einer karierten Couch. 

Dem früheren Unterhaltungssänger, der sein Publikum immer im Griff hatte, wollte Robbie seit frühester Kindheit nacheifern – und das ist ihm gelungen. Auch er hat sein Publikum fest in der Hand. Ob zehntausendstimmiger Chor zu „Feel“ oder „Angels“ – der Sänger dirigiert die Massen und seine achtköpfige Begleitband. Nur zum Tanzen wie in den Anfangszeiten bei Take That und auch solo – dazu hat der füllig gewordene Williams keine Lust oder keine Ausdauer mehr. „Kids“ oder „Rock DJ“ sind jedenfalls Nummern, zu denen er früher über die Bühne gefegt wäre. Nun setzt er sich dazu sogar auf die Bühnentreppe. 

Ernst wird es noch, als er „Strong“ singt und dazu den Refrain umdichtet hat. Das Lied wird so zu einem trotzigen Tribut an die Opfer und Angehörigen des Terror-Anschlags in Manchester und für die der Brandkatastrophe in London. Als Schlusspunkt singt er Sinatras „My Way“ – es ist ein perfektes Statement eines großen Unterhaltungskünstlers, der wirklich macht, was er will.

Quelle: wa.de

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