Robert Wilson inszeniert das Schauerstück „Der Sandmann“

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Wirklich beruhigend ist das Schlaflied nicht: Szene aus „Der Sandmann“ in Recklinghausen mit Rosa Enskat und Christian Friedel.

RECKLINGHAUSEN - Eine schwarze, kühle Nachtwelt eröffnet Robert Wilsons „Sandmann“, eine Welt der Homunculi, der skurrilen Gestalten, einem Albtraum entsprungen und mit Puppenmusik verniedlicht. Was ist echt? An der Frage bewegt sich die neue Arbeit des US-Starregisseurs galant vorbei. Sie zeichnet vielmehr nach, wie ein Mensch sich seine eigene Hölle aus einem Albtraum schafft. Der „Sandmann“ nach der Erzählung von E.T.A. Hoffmann ist als Eröffnungsproduktion der Ruhrfestspiele zu sehen. Danach geht die Koproduktion ans Schauspiel Düsseldorf.

27 Jahre nach „Black Rider“ nach dem „Freischütz“, bewegt sich Wilson wieder tief in die dunkelste deutsche Schauer- und Gruselromantik. Der „Sandmann“ ist ein dunkler Spiegel der Befindlichkeiten. Wilson inszeniert ihn so dicht und anspielungsreich – die Ideen gebündelt durch kalte Ästhetik und formale Strenge – wie gewohnt. Zugleich entlastet er die Geschichte, indem er aus ihr eher ein Panoptikum macht als einen Bühnenalbtraum: Der Grusel kommt mit Ankündigung und geht dann auch wieder vorbei.

Der Junge Nathanael (Christian Friedel) sieht im Studierzimmer seines Vaters, eines Hobbyalchemisten, den finsteren Doktor Coppelius (Andreas Grothgar). Blutige, ausgerissene Augen verfolgen ihn in seine Träume, weil die Mutter ihm vom Sandmann erzählt hat. Der reißt den Kindern, welche nicht artig zu Bett gehen, die Augen aus den Höhlen und wirft sie seinen „Kindern“ vor, die im Halbmond nisten, mit „Schnäbeln wie Eulen“. Seine Kinderangst und schreckliche Familiengeschichte (der Vater kommt als verrücktes Genie bei einer Explosion in seinem Labor um) und sein tiefes Fremdsein in der Welt mischen sich. Schwarze Pädagogik und Biedermeier-Wohlanständigkeit: eine toxische Verbindung.

Wilson hat die Geschichte mit Musik der 37-jährigen britischen Künstlerin Anna Calvi zu einer Horror-Rock-Oper geformt, die am Original bleibt, aber mit Zeitabläufen spielt, sie ausfranst oder zusammenschnurren lässt.

Calvis Songs und Zwischenspiele sind anspielungsreich komponiert, bedienen sich bei der Zirkus-Ästhetik oder einem Jahrmarktwalzer, tippen mal den Grunge an und machen Anleihen beim 70er-Jahre-Unterground. Im Grunde aber – wenn man an den kunstvoll in die Dissonanz rutschenden Geigen und der puppenhaften Celesta vorbeihört – sind es geradeheraus komponierte Musicalsongs. Sie können hymnisch klingen (wie das Schlaflied der Mutter, „Sunday Lights“) oder rockig, sind ganz Pose und kalkulierter Effekt.

Aus der musical comedy ist der Auftritt von Nathanaels Mutter (Rosa Enskat) als komische Operndiva entliehen. Sie jodelt Koloraturen rauf und runter, fordert Applaus ein. Zwischen die Musik donnern Soundteppiche wie Überwältigungswellen. Dazwischen wird gefurzt und gekichert, da nimmt sich das Stück sehr offensichtlich nicht ernst.

Die Szenen mit Nathanaels Verlobter Clara (Lou Strenger sehr komisch mit zirpender Sprech- und kräftiger Singstimme) bedienen sich heftig beim Ballett. Da gibt es eine Bilderbuch-Kulisse, Balletthüpfer, mit denen die Sprecher ihre Dialoge punktieren wie verrückte Märzhasen. Die Frauen sind extra verniedlicht: Sie tragen Spitzenschuhe. Die natürlich schmerzhaft zu tragen sind, also Frauen behindern, eher Folterinstrumente sind als hübsches Accessoire, und so weiter: Wilson bewegt sich ständig durch ein Dickicht von Anspielungen.

Geerdet wird das Ganze durch Comedy. Die kühle Ästhetik bricht auf, es gibt eine Step-Nummer und gute alte Tom-und-Jerry-Komik, wenn Nathanael „leise“ zu gehen versucht und jeder Schritt vom Schlagzeug kommentiert wird. Allerdings funktionierte zur Premiere die Koordination zwischen Bühne und Band nicht gut. Der Sound flackerte oder wurde so dick, dass hauptsächlich Trommeln ins Gehör donnerten.

Nathanaels Geschichte ist ein Künstlerdrama. Deshalb ist er als lebendes Streichholz zurechtgemacht (Kostüme: Jacques Reynaud). Er brennt dauerhaft. Auch als Künstler fühlt er sich fern von den Menschen – von seiner Liebe Clara – und verliebt sich in die Puppe des Doktor Coppelius. Am Ende bringt er sich um. Diagnose: Unvereinbarkeit mit dem Leben.

Wilson lässt derweil die Rädchen des Theaterbetriebs offen schnurren. Der „Sandmann“ ist metakluges Theater für Kenner; Zauber für längst Entzauberte. Wir wissen ja alle, wie es geht, wenn Nathanael Seiten umblättert, ohne das Buch zu berühren. Es ist so, als stünde man auf einem Nostalgie-Jahrmarkt und schaue in eine „Laterna Magica“. Die Bilder sind umwerfend, aber man hat die Sicherheit, dass man hinterher ruhig wieder nach Hause geht.

5., 6., 8., 9.5., Tel. 02361/ 92180, www.ruhrfestspiele.de

ab 20.5. Schauspielhaus Düsseldorf, www.dhaus.de

Quelle: wa.de

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