Rock am Ring 2018 vom 1. bis 3. Juni

Rückkehr zum Ring:  Was ein Triumph werden sollte, wurde zur Herausforderung

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Bad in der feiernden Menge: Ingo Knollmann von den Donots.

Nürburgring/Eifel - Ein paar junge Damen tanzen ausgelassen auf einem Stück Staub, das mal Rasen war: „Boom Boom Boom Boom – ich bring euch alle um.“ Das DJ-Duo Drunken Masters holt das Tanzbarste aus dem K.I.Z.-Hit heraus. Es wummert, es dröhnt und hinterlässt bei einigen Zuschauern ein kleines flaues Gefühl in der Magengegend. Nur wenige Stunden liegen zwischen dieser Szene und umfangreichen Evakuierungsmaßnahmen am Nürburgring.

Der Verdacht, ein Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund könne drohen, setzte Rock am Ring am Freitag vorerst ein Ende. Lautstark skandierten die Massen „Terror ist Scheiße“ und den alten Geier Sturzflug-Song „Aber eins kann uns keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben“, während sie das Gelände verließen. Trotz in Moll – Grundstimmung eines Frühsommerwochenendes.

Mit Schnellfeuerwaffen bewehrte Polizisten am Campingplatz

Nach zwei Jahren Exil in Mendig ist Rock am Ring ist an diesem Wochenende an seinen Ursprungsort in der Eifel zurückgekehrt. Was ein Triumph hatte werden sollen, wurde zur Herausforderung: Mit Schnellfeuerwaffen bewehrte Polizisten bewachten die Campingplätze und etliche Künstler verurteilten öffentlich Terrorismus und warnten zugleich vor Rechtspopulismus. „Wir müssen aufpassen, dass sich das, was unsere Großeltern erlebt haben, nicht wiederholt“, formulierte es Broilers-Frontmann Sammy Amara.

"Rock am Ring" ist zurück in der Eifel

Etliche Umbesetzungen

Die ungeplante Festival-Pause, der unter anderem der Auftritt von Rammstein zum Opfer fiel, führte zu etlichen Umbesetzungen und letztlich dazu, dass Amaras Band gleich zwei Sets spielte. Für die Broilers ein Glücksfall: Offensichtlich überwältigt von dem Ausblick, den ihm die Hauptbühne am Freitagabend bot, vergaß Sammy Amara gleich mehrmals den Text. Patzer, die er in den ihm typischen Robert-de-Niro-Charme kleidete: Jaja, scherzte er, da habe er im Fernsehen noch getönt, Rock am Ring könne er, klar, und nu stehe er da mit einem Stritz inner Buxe vor lauter Aufregung. Kurze Zeit später gingen die Lichter aus. 

"Rock am Ring"-Freitag aus Terrorangst gestoppt

Ihre zweite Chance am Samstag nutzten die Broilers und Amara wurde für seine lässige wie selbstironische Art und wiedererlangte Souveränität gefeiert. Die Oi-Punk-Band zeigte Vielfalt von „Meine Familie“ bis hin zu „In 80 Tagen um die Welt“: „Reggae kann ich eh nicht so gut“, feixte Amara und gab ab vor: „Saxophon gegen Trompete, Trompete gegen Posaune...“. Und der Innenraum tanzt.

Unbeschwertheit kehrt zurück

Der irdische Terror schien gebannt, aber am Ring kommt eben nicht alles Gute von oben: Am Himmel verdichtete sich der Verdacht auf eine kalte Dusche, so dass Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß vorsorglich schon mal das Regencape über das obligatorische Kompott-Hütchen strippte. Doch schon bald fuhr der charismatische Frontmann aus der Regenhaut – eine energiegeladene Show verträgt sich eben nicht mit Verhütungsmaßnahmen. Breit grinsend brachten Teutoburg-Weiß und seine Kollegen dem Ring die Unbeschwertheit zurück. Hits wie „Let me in“ oder „Automatic“ brachten die Welle ins Rollen, die neue Songs wie „Hate to Love“ und „40 Degrees“ heranspülte und so neugerierig machte auf das neue Album, das im September erscheint. 

Tribut an Lemmy Kilmister

Mit einer Kapitänsmütze auf dem Kopf zollte Arnim Teutoburg-Weiß schließlich dem jüngst verstorbenen Rock-am-Ring-Faktotum Lemmy Kilmister Tribut: „Das ist für Lemmy“, brüllte er, lauschte und wiederholte: „Ich hab gesagt: Das ist für Lemmy!“ Der Mob tobte.Was folgte war eine Beatsteaks-Version des Motörhead-Klassikers „Ace of Spades“. Baumann befand sich damit in guter Gesellschaft – zu den Weggefährten, die an das alte Rauhbein erinnerten, zählte unter anderem auch Airbourne-Sänger Joel O'Keeffe. Die Langmatte bediente manches Metal-Klischee, kletterte verschwitzt und ohne Absicherungen den Bühnenaufbau hinauf, verankerte den Ellenbogen im Metallgestänge und griff in die Saiten.

Politisches Statement auf der Gitarre

Kräftig geposed wurde natürlich auch bei dem mit Spannung erwarteten Auftritt von Prophets of Rage, einer Art Reunion von Rage against the Machine. Neben Brad Wilk und Tim Commerford sind Tom Morello und die Rapper B-Real und Chuck D dabei und sorgen für eine neue Härte. Morello spielt Gitarre mit allem was, er hat – auch mit der Zunge. Zum politischen Statement macht das der Schriftzug „Fuck Trump“, der sein Instrument ziert. 

Die Propheten begeistern vor allem auch Musikerkollegen mit ihrem Mix aus Public Enemy, Rage against the Machine und Cypress Hill. Serj Tankian, Sänger bei System of a Down, nutzte die Gelegenheit vor dem eigenen Auftritt für eine kollegiale Stippvisite auf der Bühne und verstärkte den Audioslave-Klassiker „Like a Stone“. 

Tankian räumt ab

Als Headliner räumte Tankian dann in gewohnter Manier ab – keine Ansagen und das volle Brett mit über 30 Songs, die den Bogen spannen von Metal in vielen Spielarten über schnell-schrillen Punk bis hin zu armenischer Folklore. Schnell, hart, berührend und immer politisch. Ohne Moderationen und Plänkeleien, die als Untertitel dienen könnten.

Rock am Ring - Eindrücke vom Nürburgring

Ein Sieger der Herzen waren definitv Five Finger Death Punch: Ivan L. „Ghost“ Moody schüttelt die harten Gesten aus dem Handgelenk und punktet doch mit weichstem Kern. Während die Aggro-Fratze einem Sonnenschein-Lächeln weicht, formt er mit den Händen Herzchen in Richtung Publikum. Er persifliert den harten Mann, den er noch Sekunden zuvor gegeben hat, selbst, nur um wenig später wieder in eben diese Rolle zu schlüpfen und ist nahe dran am Fan: Während andere Künstler das Publikum vor sich auf die Knie delegieren, setzt sich Moody mit ihnen gemeinsam hin und genießt den Augenblick, versichert seinem Publikum, wie „fucking amazing“ es doch sei.

 Mit sanfter Hand lenkt er die Fans durch das Set mittlerer Härtegrade, feuert sie an, nur um sie Minuten später wieder verschnaufen zu lassen und dreht so charismatisch und freundlich an den Reglern des friedvollen Miteinanders zwischen den Wellenbrechern.

Rock am Ring ist bunt und experimentiert

Sänger Felix Brummer (l) beim Festival "Rock am Ring" mit der deutschen Rockband "Kraftklub" auf der Hauptbühne auf .

Rag 'n' Bone Man, Feine Sahne Fischfilet, Wirtz, Beginner, Kraftklub, Sum41, Donots oder aber ein gefeierter Auftritt von Alter Bridge. Rock am Ring ist bunt und experimentiert mit den Stilen: Wer den Schrei „You want more?“ und die tosende Antwort hörte, erwartete schweres Metall oder doch zumindest rotzigen Rock'n' Roll. Aber nicht ein leises „Okay“ und dann – Cello-Sounds. Two Cello, das sind Luka Šulić und Stjepan Hauser, die virtuos zersägen, was mitreißt, ob „Satisfaction“, Iron Maidens „The Trooper“ oder doch wieder ein klassisches Intermezzo und bauen zu zweit eine erstaunliche wie berührende Druckwelle auf, wie man sie bislang allenfalls von Apocalyptica kannte.

AnnenMayKantereit entfaltet große Sogkraft

Große Sogkraft entfaltete gegen Abschluss des Festivals AnnenMayKantereit: „Gesichter sind schöner als Handyhüllen, Hände sind schöner als Handys“, sagte Henning May, das junge Gesicht mit der alten Stimme. Wurde die Musik der Band anfangs als Pennäler-Lyrik belächelt, so ist sie doch eine starke Stimme ihrer Zeit, die auf einem recht puristisch gehaltenen Klanggebäude balanciert, das ohne technischen Stuck und Tand auskommt. Momentaufnahmen, reflektiert und pointiert, gepaart mit leisen wie tanzbaren eigenen Tönen, ergänzt um den Beatles-Klassiker „Come together“ machten aus dem Ring-Auftritt eine runde Sache. 

May präsentiert sich als Liedermacher mit erfrischend klarer Präsenz, ebenso wie als melancholischer Barpianist, „Barfuß am Klavier“, der jederzeit in den tanzbaren Modus umzuschwenken vermag. May: „Rock am Ring raucht zu viel?“ Publikum, sofort: „Ach ja?“ Den Sänger freute es offensichtlich: „Ich trau mich das ja sonst nicht. Call and Response (Vorsänger und Antwort aus dem Publikum) ist mehr was für Amis.“ Am Ring funktionierte es prächtig.

Nächster Termin für Rock am Ring

Fans merken sich den nächsten Termin vor: Rock am Ring 2018 findet vom 1. bis 3. Juni statt.

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Quelle: wa.de

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