„Rock im Pott“ mit Toten Hosen, Kraftklub und Co.

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Wieder in Exstase: Campino, Frontmann der Toten Hosen, zeigt bei „Rock im Pott“ in Gelsenkirchen seine Show.

GELSENKIRCHEN - Am Ende ist es ein großes Toten-Hosen-Konzert mit drei Bands im Vorprogramm, die die Brücke vom Rap zum Rock schlagen. Nach mehrjähriger Pause sind die Düsseldorfer Urgesteine des deutschsprachigen Punks die Hauptattraktion des Tagesfestivals „Rock im Pott“ in der Schalker Veltins-Arena. Rund 37 500 Fans, die meisten deutlich als „Hosen“-Anhänger zu erkennen, sind nach Gelsenkirchen gekommen.

Rund zwei Stunden lang gibt es von Sänger Campino und Co. eine gewohnt energiegeladene Show mit ziemlich vielen Hits und einigen Anekdötchen, die der 55-jährige aus der Gelsenkirchener Vergangenheit der Band hervorkramt. Schon früh standen die Musiker in der Ruhrgebiet-Stadt auf der Bühne. Überhaupt: Campino erzählt viel, und genauso gerne hören die Fans ihm zu, wenn er von peinlichen Live-Momenten mit Iggy Pop in Argentinien und der Suche nach dem perfekten Liebeslied spricht oder das Publikum für das Video eines Weihnachtsgrußes einspannt, während bei August-Temperaturen den Leuten in der Arena der Schweiß am Rücken hinunterrinnt.

Mit einem „Urknall“ ist der Auftritt der Toten Hosen zuvor gestartet. Material vom neuen Album „Laune der Natur“ macht den Auftakt: „Keine Atempause, Geschichte ist gemacht. Die verlorenen Söhne sind wieder in der Stadt“, singt Campino. Es ist keine Drohung, es ist ein Versprechen: „Liebeslied“, „Bonnie & Clyde“, „Alles aus Liebe“, „Wünsch dir was“, „Hier kommt Alex“, „Eisgekühlter Bommerlunder“ – das Quintett spielt sich durch alle Jahrzehnte musikalischen Outputs. Aber auch hymnenhaften Alterswerken wie „Altes Fieber“ und „Wie viele Jahre (Hasta la Muerte)“ gibt die Band den verdienten Raum.

Für den Start von „Rock im Pott“ haben nachmittags „Zugezogen Maskulin“ gesorgt. Das Duo ist mit schlechter Laune gekommen, was mit der Sicht der beiden Rapper auf die Welt zu tun hat. Grim104 und Testo machen sich so allerlei Gedanken, und was dabei musikalisch rauskommt, ist stets roh und in brutale Strophen formuliert. „Oi!“ richtet sich mit dem „Soundtrack zum Alles-in-die-Tonne-treten“ gegen alternative Hippie-Verschnitte, „Endlich wieder Krieg“ malt ein Bild über die dem Untergang geweihte Gesellschaft, und in „Guccibauch“ zeigt sich das Duo im Zwiespalt mit dem Kapitalismus. „Plattenbau O.S.T.“ ist Testos „Hommage an die Jugend in einer ostdeutschen Kleinstadt“, wie er erklärt: „Komm mit uns und verschwende deine Zeit.“

Die Jungs von K.I.Z nehmen auch kein Blatt vor den Mund, allerdings geht das Quartett ein wenig spaßiger zur Sache, dafür aber alles andere als jugendfrei. „Wir wollen dass ihr eure Toupets vom Kopf reißt und die Bierbäuche gegeneinander schlagt. Wir zeigen den Familienvätern hier jetzt mal, wie ihr euren Sorgerechtsstreit am besten beendet“, erklärt Rapper Tarek als Aufruf an die Zuhörer, sich vor der Bühne noch ausgiebiger tänzerisch zu entfalten. „Geht doch, ihr Pfeifen!“ tönt der uniformierte Vierer danach.

Prollgehabe und Großkotzigkeit gehören zum Rap dazu. Statt Goldgebiss und güldener Fahrradketten um den Hals hieven K.I.Z vier turmhohe Figuren von sich auf die Bühne und errichten damit ihre ganz eigene Mount-Rushmore-Version. Schon ein wenig gaga.

Kraftklub spannen schließlich den Bogen zur Rockmusik – und zwar entspannt-sympathisch. Sprechgesang und Gitarrenmusik verbindet die Band aus Chemnitz zum partytauglichen Gemisch. Unterstützt werden die fünf Bandmitglieder um Frontmann Felix Brummer von rund 30 Tänzerinnen in roten Bomberjacken. Brummer kokettiert mit der Anzeige eines Politikers, der einer rechtspopulistischen Partei angehöre, wegen Beleidigung. „Aber jetzt bin ich ganz offiziell freigesprochen worden. Für ein paar Wochen hatte ich ein Gefühl von Street Credibility.“ Und überhaupt: „Mein Bruder Till und ich sind die härtesten Straßenrapper Ostdeutschlands.“

Beim letzten Song des Kraftklub-Auftritts, „Songs für Liam“, ist es aber vor allem der gesungene eingängige Refrain, der die Halle elektrisiert. In Gelsenkirchen wird er mit „Hey, Jude“ von den Beatles vermischt. Ein schöner Abschluss und ein ebenso schönes Vorspiel für den Auftritt der „Toten Hosen“ kurz darauf.

Tim Griese

Quelle: wa.de

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