Das Ruhr Museum stellt seine archäologische Sammlung vor: „Ausgegraben“

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Der Kopfteil eines Sarkophagdeckels aus Ägypten (380 bis 300 v. Chr.) zeigt ein idealisiertes Antlitz aus Kalkstein.

ESSEN - Das Ruhr Museum in Essen hat eigentlich gar nicht so viel mit der Zeche Zollverein zu tun, wie man heute denken könnte. Ein Lächeln weist einen ganz freundlich darauf hin. In der Galerie der ehemaligen Kohlenwäsche des Weltkulturerbes ist der Kopfteil eines ägyptischen Sarkophagdeckels zu sehen.

Das lächende Gesicht mit den geschwungenen Augenkonturen und dem sinnlichen Mund ist eine Idealvorstellung. In der Spätzeit des Alten Ägyptens wurde bei der Bestattung mit solchen Konterfeis der Toten gedacht. Zwischen 380 bis 300 v. Chr. ist dieser Kopf aus Kalkstein entstanden, und er zählt zu den frühen Ankäufen einer Sammlung, die seit 1880 in Essen aufgebaut wurde und erstmal zum Stadtmuseum gehörte.

Seit Essen und das Ruhrgebiet 2010 Kulturhauptstadt Europas waren, ist diese Sammlung Teil des Ruhr Museums, dem erweiterten Nachfolger des Ruhrlandmuseums Essen. In einer Reihe von Ausstellungen dokumentiert das Haus, welche Konvolute mittlerweile unter seinem Dach zusammengefasst sind. Nun präsentiert „Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“ rund 400 Exponate von insgesamt 50 000 Fundstücken, die alle aus der Erde kommen, also ausgegraben wurden – selbst in Ägypten. Die ältesten Exponate im Haus gehen auf die Naqada-Zeit 3950 bis 2590 v. Chr. zurück. Bisher hat das Ruhr Museum seine Sammlungen zur Fotografie („Von A bis Z“), der Vormoderne („Ausgewählt“), der Mineralogie („Steinreich“) und der Industriekultur („Arbeit und Alltag“) vorgestellt.

Im deutschen Kaiserreich gehörten Museumsgründungen zum kulturellen Selbstverständnis des Bürgertums. Essen war da keine Ausnahme und griff nach Altertümern auf einem internationalen Markt. Ab 1880 erwarb der „Historische Verein“ der Stadt einzelne Fundstücke, die ab 1904 im Essener Museum ausgestellt wurden. Mit dem Ankauf der großen Sammlung des Straßburger Archäologen Robert Forrer bildete der Direktor des späteren Ruhrlandmuseums, Ernst Kahrs, 1912 den Grundstock der archäologischen Sammlung mit 3500 Stücken. Auch das Selbstverständnis der Essener Bürger gründete sich auf das antike Athen, Rom und Ägpyten. Exemplarisch sind Fundtafeln von Forrer ausgestellt, auf denen historische Bruchstücke mit Draht und Faden fixiert waren. Einst gab es in dieser Präsentationsform 500 Tafeln.

In Essen werden zehn Kapitel aufgeschlagen, zum Beispiel: Funde aus dem Niltal, Etrusker und Italiker, rund ums Mittelmeer oder Archäologie an Rhein und Ruhr. Die Exponate sind fein ausgewählt, sehr ausdrucksstark und sehenswert. Sie werden in Vitrinen arrangiert und stehen stellvertretend für ihre Zeit. Allerdings sind die Beschriftungen nicht immer gut einsehbar.

Zur Abteilung „Der alte Orient“ gehört eine weibliche nackte Figur aus dem westlichen Iran zu den Luristan-Bronzen, erstes Jahrtausend v. Chr. Die Augenbrauen, die Hörner auf dem Kopf und die Geschlechtermerkmale zeichnen die Figur aus, die wohl Fruchtbarkeitsvorstellungen transportiert. Vollständig erhalten ist auch ein Hethitisches Schwert (1400 bis 1200 v. Chr.), das eine Klinge aus Eisen hat, die in Schichten geschmiedet wurde. Das technologische Wissen um die Eisenverarbeitung war ein Grund, weshalb die Hethiter ein Reich von Kleinasien bis zum Mittleren Osten beherrschten. Aus der gleichen Zeit stammen Gefäße (Iran), deren Form von einem Buckelrind inspiriert wurde. Deutlich älter ist ein glockenförmiges Gefäß mit Steinböcken bemalt.

Erstaunlich markant ist der Korinthische Helm aus dem frühen fünften Jahrhundert v. Chr. Ein Aufsatz aus Pferdehaar machte ihn in seiner Zeit noch markanter. Für die griechische Kultur ist ebenso eine Tetradrachme aus Silber ausgestellt. Die Münze erinnert mit ihrem fein gearbeiteten Bild einer Eule an Athens Stadtgöttin Athene. Etruskische Trinkgefäße in Schwarz mit hochgezogenen Henkeln (630 bis 575 v. Chr.) und apulische Doppelgefäße (3. Jahrhundert v. Chr.) sind noch Beispiele vor der Blütezeit Roms. Jedes Objekt hat seine eigene Geschichte.

Ernst Kahrs forcierte als Museumsdirektor auch die Grabungen vor Ort von 1911 bis zum Zweiten Weltkrieg. Eine Fotografie dokumentiert, wie auf einem Gräberfeld in Duisburg-Wedau gearbeitet wurde. Die Überreste eines 35 bis 55 jährigen Mannes (12. bis 6. Jahrhundert v. Chr.) wurden als Leichenbrand in einer Zigarrenkiste aufbewahrt. Vor allem der Bau des Rhein-Herne-Kanal öffnete Archäologen tiefe Erdschichten.

Neben der klassischen Archäologie gewannen die regionalen Funde eine zunehmende Bedeutung für das Museum. Imposant ist das Lackprofil eines Teiches der ehemaligen Abtei Essen-Werden aus dem 9. Jahrhundert. Die Ablagerungen (Sedimente) wurden mit Polyesterkunstharz konserviert – eine authentische Fundsituation.

Zur Anschauung hielt das Essener Museum auch Replike des Homo erectus und des Homo sapiens sapiens vor, um die Menschwerdung zu dokumentieren. Jüngste Funde zeigen technische Keramiken aus der Krupp-Gussstahlfabrik (1870–1910), die auch zur Ruhrgeschichte zählen, wie Faustkeile, Keilmesser, Absatzbeil und Grobspitz (aus Bottrop-Kirchhellen) als frühe menschliche Artefakte und Steinobjekte.

Die Ausstellung ist ganz sachorientiert auf Fundstücke konzentriert und erweitert unser Verständnis der Ruhrlandschaft über den Kohleabbau hinaus.

Bis 3. September 2017;

täglich 10 bis 18 Uhr; 24., 25. und 31. 12. geschlossen.

Tel. 0201/24681 444;

www.ruhrmuseum.de

Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, 19,80 Euro, im Buchhandel 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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