71. Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Motto „Kopfüber Weltunter“

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Es gibt einiges zu besprechen: Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen tritt erstmals der österreichische Bühnenstar Nicholas Ofczarek auf. Hier ist er als Isaac (2. von rechts) neben Katharina Lorenz, Fabian Krüger und Isabelle Redfern (rechts) in dem Stück „Geächtet“ vom Burgtheater Wien zu sehen. Ayad Aktar erhielt für seinen Text 2013 den Pulitzer Preis.

RECKLINGHAUSEN Was bewegt die Menschen, ist eine Kernfrage von Theatermachern, die mit ihrer Arbeit aktuell sein wollen. Frank Hoffmann, Intendant der Ruhrfestspiele, zählt dazu, und er kennt die Antwort: Angst in Europa. Bei der Programmvorstellung im Festspielhaus Recklinghausen sagt Hoffmann: „Wir wollen mit dem ganzen zu tun haben, mit dieser infernalischen Realität.“ Und in der 71. Spielzeit des Festivals bieten die Künstler ihre Strategien, um sich Selbstzweifel, Chaos und Umbrüchen zu stellen. „Wir stecken den Kopf nicht in den Sand“, sagt Hoffmann, der an 21 Spielstätten 108 Produktionen aufführen lässt.

„Kopfüber, Weltunter“ heißt das Motto in Recklinghausen, wo vom 1. Mai bis 18. Juni insgesamt 311 Veranstaltungen stattfinden. Vielleicht haben politische Krisen und die Flüchtlingsproblematik dazu beigetragen, dass am Grünen Hügel der große Glamour ausbleibt. Statt mit Hollywoodgrößen wie Cate Blanchett, Kevin Spacey oder John Malkovich zu glänzen, ist Hoffmann mit Sebastian Koch („Das Leben der anderen“, „Der Seewolf“) schon zufrieden. Der deutsche Schauspieler drehe ja auch in Amerika, sagt Hoffmann. Koch wird in „Egmont/Prometheus“ den Figuren nachspüren. Regisseur Alexander Wiegold inszeniert eine Collage aus Texten von Goethe und dem englischen Dramatiker Christopher Hampton. Das Musikkonzept Wien steuert nicht nur Klänge von Beethoven bei (ab 18. Mai).

Einen, wenn nicht den Star der internationalen Bühnenwelt haben die Ruhrfestspiele dann doch zu bieten. Robert Wilson wird ein Lichtkonzept für E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ erarbeiten. Wilson, der mit seinem „The Black Rider“ (1990) und der Musik von Tom Waits Furore machte, gründelt wieder in den Tiefen der deutschen Romantik. Einst war ihm „Der „Freischütz“ von Carl Maria von Weber Inspiration, nun lässt er sich und Anna Calvi (Musik) von E.T.A. Hoffmann erfassen (ab 3. Mai) – mitfinanziert vom Schauspielhaus Düsseldorf.

Der Intendant Frank Hoffmann inszeniert selbst August Strindbergs „Rausch“ mit Schauspielern wie Wolfram Koch, Maik Solbach und mittlerweile auch Robert Stadtlober, die zu den Widergängern des Festivals zählen (ab 12. Mai). Im Großen Haus treten auch Matthias Brandt und Pianist Jens Thomas auf, die mit „Psycho“ bewiesen haben, wie kunstvoll sie den Grusel zelebrieren können. In ihrer Wort-Musik-Collage „Angst“ wollen sie dieses Gefühl spontan und literarisch aufspüren.

Zum ersten Mal in Recklinghausen ist der österreichische Theaterstar Nicholas Ofczarek zu sehen. Das Stück „Geächtet“ von Ayad Akhtar wird in der Inszenierung von Tina Lanik vom Wiener Burgtheater gespielt. Es geht um einen Moslen, der in einer jüdischen Anwaltskanzlei in New York Karriere machen will und seine Herkunft frisiert. Mit Humor werden religiöse Standards genommen.

Vielleicht die größte Produktion in Recklinghausen wird das Doppelstück „Die Maßnahme/Die Perser“. Zusammen mit dem Gewandhaus Leipzig befragen die Ruhrfestspiele Brecht und Aischylos. Dazu intonieren 139 Musiker, Sängerinnen und Sänger die Musik Hanns Eislers. „Wie ein Oper“, meint Festivalchef Hoffmann.

Die Zusammenarbeit mit Bühnen aus den deutschsprachigen Schauspielmetropolen bleibt ein wichtiges Standbein der Ruhrfestspiele. Andreas Kriegenburg inszeniert von Elias Canetti „Hochzeit“. Die Premiere des Deutschen Theaters Berlin findet im Ruhrgebiet statt (ab 9. Juni). Wie auch die Uraufführung der Spielfusion „Wut/Rage“ nach Elfriede Jelinek und Simon Stephens. Sebastian Nübling hat am Thalia Theater Hamburg die Gegensätze beider Autoren zu einem körperlichen und impulsiven Spiel vereint (ab 17. Juni).

Ohnehin sind die Ruhrfestspiele seit Mitte der 1990er Jahre das Festival, das neue Bühnenformat wagt und Inovationen vorstellt. „Flexn“ ist eine US-Produktion mit Reggie Gray und Peter Sellars, die demonstriert, dass HipHop nur der Anfang extremer Tanzbewegungen war. Die Flex Community dreht bei ihrer Deutschlandpremiere mächtig auf (ab 14. Juni). Auch „Counting Sheep“ zählt zu dieser Projektkategorie. Früher wurden La Fura dels Baus in Recklinghausen vorgestellt, heute sind es die Ukrainer Mark und Marichka Marczyk, die mit dem Lemon Bucket Orchestra alle einladen, die Revolution auf dem Maidan zu erlebenen. Stühle sind in der Halle König Ludwig 1/2 abgeräumt (ab 2. Mai).

Das Programm ist einfach prall. Modernes Theater aus China (ohne Worte) ist dabei, ein Crossover-Luther zum Jubiläumsjahr (und ein Stummfilm), Jane Birkin singt Serge Gainsbourg mit der Neuen Philharmonie Westfalen, Philipp Winklers Roman „Hool“ porträtiert einen Hooligan von Hannover 96 im Fußball-Revier. Und Festivalchef Frank Hoffmann weiß: „Wir schlagen mehrere Purzelbäume und gehen danach aufrecht in die Welt“. So soll Theater wirken.

Karten ab 19. 1., Tel. 02361/ 92 18 0 und 0209/1477 960;

kartenstelle@ruhrfestspiele.de

www.ruhrfestspiele.de

Ein paar Höhepunkte

Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann, von Robert Wilson und Anna Calvi, ab 3. Mai im Großen Haus, Weltpremiere

Die Maßnahme/Die Perser von Brecht/Aischylos, Musik von Hanns Eisler, Produktion der Ruhrfestspiele mit Schauspiel und Gewandhaus Leipzig, am 4./5. Juni im Großen Haus

Flexn ist ein Produktion mit Reggie Gray, Peter Sellars und der Flexn Community aus New York. Wilder als HipHop, 14./15. Juni Großes Haus

Berlin Alexanderplatz nach Alfred Döblin. Regie führt Sebastian Hartmann, Produktion Deutsches Theater Berlin, am 24., 25. Mai Großes Haus

Evening at the talk house von Wallace Shawn. Die Ruhrfestspiele koproduzieren mit dem Berliner Ensemble und Oliver Reese, kommender BE-Chef. Regie Johanna Wehner. 8., 9., 10. Mai, Kleines Theater

Hermann und Dorothea von Goethe. Wiener Burgtheater, mit Maria Happel und Martin Schwab, 21., 22. Mai, Kleines Theater

Luther von Hans Kyser. Stummfilm-Konzert mit Stephan vom Bothmer, rekonstruierte Fassung mit Klavier, 4. Juni, Kleines Theater,

Lesungen: Burkhard Klaußner: „Warte nicht auf bessere Zeiten“ von Wolf Biermann, 21. Mai, Großes Haus. Claus Peymann: Thomas Bernhards „Holzfällen“, 15. Mai, Kleines Theater. Nina Kunzendorf: „Wunderbare Jahre“ von Sybille Berg, 28. Mai, Großes Haus. Reiner Hoffmann, DGB-Chef, und Frank Hoffmann, Festspielintendant: „Lebensansichten des Katers Murr“ von E.T.A. Hoffmann, 6. Juni, Großes Haus

Ausstellung: Zwischen Krieg und Frieden – der schwierige Weg zur Avantgarde. Die Künstlergruppe junger westen. Eine Hommage in der Kunsthalle Recklinghausen, 7. Mai bis 13. August.

Eröffnung: Kulturvolksfest auf dem Festivalhügel am 1. Mai

Late Night Kabarett im Theaterzelt. Ab 23. Mai Fringe-Festival

Abschlusskonzert Wanda, 17. Juni im Stadtgarten

Quelle: wa.de

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