Ruhrtriennale eröffnet mit „Nach den letzten Tagen“ von Marthaler und Carp

Im Audimax der Uni Bochum: Altväterliches Händeschütteln im Parlament der Ruhrtriennale-Produktion „Nach den letzten Tagen“. Inszeniert von Regisseur Christoph Marthaler und Intendantin Stefanie Carp. Foto: matthias horn, ruhrtriennale

Bochum – Vor 17 Jahren behauptete ein Mann namens Boris Johnson in fröhlicher Umkehr historisch-politischer Befunde, das Problem in Afrika sei nicht, dass „wir“ da mal Verantwortung getragen hätten, sondern dass „wir“ das dort heute nicht mehr tun. Um dieses „Wir“ kreist die Eröffnungsproduktion der Ruhrtriennale im Audimax der Ruhr-Uni Bochum: „Nach den letzten Tagen“ von Regisseur Christoph Marthaler und Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp, die die Texte geschrieben hat.

Diese Texte versammeln bekannte Provokationen diverser europäischer Staatenlenker, Nationalisten und Vertreter der Neuen Rechten: Viktor Orbáns Ansichten über oppositionslose Demokratie, Weidels „Messermänner“, Gaulands „Vogelschiss“. Eine FPÖ-Stadträtin, die von angeblichen „Tierbordellen“ in muslimischen Ländern faselt. Zitate, die das europäische „Wir“ in Behauptung reinweißer ethnisch-moralischer Überlegenheit formulieren. Der „Bio-Europäer“ als bedrohte Gattung. Kulturkampfrhetorik und Post-Faktisches werden in Carps Texten zur grobholzigen, letztlich undifferenzierten Zitatcollage. Gesprochen wird die Textmasse von Politmarionetten (Kostüme: Sarah Schittek): Die Spieler schütteln einander altväterlich die Hände, nicken über Akten weg, klatschen automatisch. Ein unrühmliches Parlament. Auch der Demokratie ist nicht zu trauen.

Nachdem die Ruhrtriennale 2018 außereuropäische Stimmen zu Wort kommen ließ, startet die diesjährige Spielzeit mit einer düsteren Selbstbetrachtung. „Ein Spätabend“ ist die Produktion untertitelt. Wohin Rassismus und Nationalismus führen, wissen wir. Deshalb tauchen, wie ein leiser, fast zu unauffälliger Kontrapunkt, Musikstücke von Komponisten auf, die von den Nationalsozialisten vertrieben oder ermordet wurden.

Viktor Ullmann wurde 1944 in Auschwitz umgebracht. In den Monaten zuvor war er noch so schöpferisch, wie man es sich angesichts des Grauens kaum vorstellen kann. Seine letzte Arbeit ist ein Fragment, eine liebe kleine Melodie. Sie taucht in „Nach den letzten Tagen“ in mehreren Variationen auf. Es treten sechs Musiker auf – so viele wie in einem Orchester im „Vorzeige“-Konzentrationslager Theresienstadt. Dort schufen die „Theresienstädter Komponisten“ Werke von zerbrechlicher Schönheit. Uli Fussenegger (Kontrabass) leitet das kleine Ensemble in Bochum und hat teilweise die Musik arrangiert. Der Tango von Erwin Schulhoff, der einsam-sehnsüchtige 3. Satz des Streichquartetts mit Schlagzeug von Pavel Haas, betitelt „Der Mond und ich“ – sie hätten im Konzept des Stücks mehr Aufmerksamkeit verdient. Als in einem zweiten Teil mehrere Werke hintereinander zu hören sind – darunter Luigi Nonos Erinnerungswerk „Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz“ (1966) – ist es fast zu spät dafür. Das Ohr ist mit zu viel grobschnittigem Text bombardiert worden, um sich für die Musik zu öffnen.

Dabei geht es Marthaler und Carp doch um die Spannung zwischen der Macht der Verblendung und der Kraft der Kunst über zeitliche Dimensionen hinweg. Mit den Reden aus der Jetzt-Zeit wird eine Ansprache von Karl Lueger kurzgeschlossen. Er war Anfang des 20. Jahrhunderts Bürgermeister von Wien, ein berüchtigter Antisemit. Mit samtigmüder Stimme, voll ungeheuerlicher Milde trägt Josef Ostendorf Luegers Hetze gegen Juden vor.

Der Blick in die Zukunft zeigt nichts Besseres: Wir befinden uns 200 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen. In der „ex-europäischen Zone“, beherrscht vom „Kaiser von Hohenzollern-Europa“, brauchen wir keinen Rassismus mehr. Nach all den Pogromen, nachdem auch die Muslime rausgejagt wurden, sind „wir“ die Fremden endlich los. Da jubelt die parlamentarisch vertretene Volksseele.

Inhaltlich bedeutet diese Konstruktion, dass man viel Erklärtext zu hören bekommt. All der Text trifft auf eine mehr als karge Inszenierung. Der riesige Audimax besitzt längst nicht das Ambiente der Industriehallen, die die Triennale sonst bespielt. Die Hälfte dient als Spielraum. Man sieht viele leere Sitzreihen (Bühne: Duri Bischoff). Hochsymbolisch, aber wenig reibungsvoll. Die elf Spieler und sechs Musiker wirken zuweilen verloren wie 17 Erbsen in einer Bananenkiste. Marthaler kann sie noch so sorgfältig führen: Um eine dermaßen reduzierte Inszenierung einem so großen Raum anzupassen, braucht es schon mehr, vor allem über einen zweieinhalbstündigen Abend hinweg.

Nur die großartigen Akteure retten die guten Absichten. Die Mezzosopranistin Tora Augestad kann, in Ullmanns Lied „Claire Vénus“ aus den „Six Sonnets de Louize Labé“ (1941), den Riesenraum sehnsüchtig einfärben. Dagegen beschmalzt sie in einer Schlagernummer die „Heimat“. Die Riesenorgel des Audimax löst sie ab und schmettert Wagners „Meistersinger“-Vorspiel. Derlei musikalischer Sarkasmus funktioniert treffsicher, ist aber vorhersehbar. Ebenso wie die Umdeutung der „Ode an die Freude“: Die Europahymne wird zum Trauermarsch. Darin bleibt das Stück eine Sicht auf Bekanntes.

Noch trauriger: Über eine karikierte Bestandsaufnahme geht es nicht hinaus. Ein Gegenmittel scheint nicht vorhanden, nicht mal die Kunst. Uns bleibt bloß Resignation im überpathetischen Ende: Da gehen die Spieler zu einem Chor aus Mendelssohn-Bartholdys „Elias“ ab wie zum Sterben.

Von Edda Breski

24., 25., 28. 8. – 1. 9.; Ticket-Tel. 0221/280 210; www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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