Sachliche Fotografie auf Zollverein in Essen

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Dieter Blase fotografierte 1986 „Zechenbahnhof, Wagenumlauf, Doppelbock Schacht XII, Kokskohlenturm“ auf Zollverein in Essen.

ESSEN - „Als die Zeche noch funktionierte“, ließe sich über einige Fotografien schreiben, die im Ruhr Museum in Essen zu sehen sind. 1986 hielt Dieter Blase mit seiner Kamera den Zechenbahnhof vor Schacht XII auf Zollverein fest. Schnee bedeckte die Schienen, pappte am Gerüst des Förderturms und überzog den Handlauf des Arbeitsgangs, über den die Bergleute zur Schicht gingen.

Die Kohle in den Waggons ist weiß bestäubt, und irgendwie atmet diese Aufnahme bereits jene Stille, die schon bald auf Zeche Zollverein herrschen sollte. 1986 war Schluss, 1993 folgte die benachbarte Kokerei.

Die Ausstellung „Der Blick der Sachlichkeit“ erinnert nicht an die Arbeit auf Zollverein, sondern analysiert die Zeche im Spiegel der Fotografie. Da das Industrieunternehmen – 1932 als Zentralschachtanlage erweitert – immer auch eine „verbotene Stadt“ war, gibt es überschaubares Fotomaterial. In Essen wird nun ein Zeitraum von über 80 Jahren abgedeckt, werden Motive verglichen.

Für Dieter Blase, der 1986 für den Landschaftsverband Westfalen-Lippe im Ruhrgebiet fotografierte, ist die Essener Zeche ein grafisches Objekt mit ganz eigenem Profil. Er findet gleichzeitig Strukturen, die allgemein ästhetische Qualitäten bieten, wie das „Panorama“, das den Grubenbahnhof in einer Aufsicht zeigt. Die Parallelität der Gleisharfe bestimmt das Bild. Die Details mit gelagerten Röhren oder gereihten Kabeltrommeln wirken geradezu unkontrolliert, legt man den sachlichen Zugriff Alfred Renger-Patzschs zugrunde, der Zollverein 1932 fotografierte. Die Architekten Schupp und Kremmer hatten ihn beauftragt, obwohl Renger-Patzsch (1897–1966) kein Architekturfotograf war. Ihr Motiv sei bis heute nicht eindeutig, sagt Kurator Thomas Kuta.

Renger-Patzsch, der als Übervater der sachlichen Fotografie gilt, interessierte weniger der Raumkörper als die Linien, Flächen und Kompositionsgrößen auf der Zechenanlage. Kühl und hermetisch misst seine Kamera diese Proportionen ab: Sein „Panorama“ zu Wagenumlauf, Kühltürmen und Kesselhaus mit Schornstein macht aus der Architektur ein Gruppenbild der Flächen – menschenleer. Das Eisenfachwerk misst die Gebäude kleinteilig ein. Der Licht- und Schattenwurf akzentuiert das Pathos, das Renger-Patzschs Sachlichkeit stilprägend heraushebt und seine Fotografie adelt.

Zeitgleich hatte Anton Meinholz (1875–1949), Fotograf der Stadtbildstelle Essen, im Auftrag der Architekten gearbeitet. Er ist von Renger-Patzsch beeinflusst, lässt aber mehr Begleiterscheinungen zu. Sogar in seinem symmetrischen Lichtbild mit Werkstattgebäuden und Kesselhaus (1934) stören ihn ein paar Arbeiter nicht.

Im Rundeindicker I des Ruhrmuseums sind 48 Fotografien zu sehen. Dieser obere Gebäudeteil ist ein archaisch wirkender Trichter, in dem einst Kohlenstaub unter freiem Himmel mit Wasser und Lösungsmitteln ausgefiltert wurde. Die Kohlenreste konnten für Brennvorgänge genutzt werden. Seit 2011 stellt die Stiftung Zollverein hier Fotografen vor, die mit Bezug zur Region arbeiten.

Dieter Blase war nach 30 Jahren wieder auf Zollverein. Er hat erstmals Innenräume der Zeche fotografiert. Die Bilder aus diesem Jahr heben sich deutlich von einer Architekturfotografie der Klassischen Moderne ab, die in der Ausstellung dominiert. Vor einer historischen Schalttafel im Schaltraum der Halle 2 sind Sofa, Sessel, Tisch und Zeitschriften auf Blases Fotografie zu sehen. Hier arbeitet heute eine Werbeagentur.

Bis 29. Januar; täglich 10 bis 18 Uhr; www.stiftung-zollverein.de

Katalog 19,95 Euro

Quelle: wa.de

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