„San Francisco 1967“: Das Museum Folkwang zeigt Plakate der Hippie-Ära

Die knalligen Kontraste hat Victor Moscoso bei Josef Albers gelernt. Sein Plakat „Glasses“ (1967) warb für ein Konzert der Chambers Bros. - Fotos: Museum

ESSEN - Vor diesen Plakaten fühlte sich der Betrachter, als hätte er einen Joint geraucht. Noch das grob gerasterte Frauengesicht knallt in Orange- und Pink-Kontrasten, und die Nachricht steckt getarnt in den Gläsern der Sonnenbrille, die sich bei näherem Hinsehen in Schrift auflösen: Hier wurde für Auftritte der Chambers Brothers im Matrix-Club in San Francisco geworben.

Victor Moscosos Plakat aus dem Frühjahr 1967 gehört zu den Ikonen der psychedelischen Kunst. Der 1936 in Spanien geborene Künstler war einer der großen Fünf der Plakatkunst des „Summer of Love“. 1967 war das Jahr der Hippies. Aufgrund eines globalen Medienhypes strömten die Jugendlichen an die US-Westküste, um dort die neue Subkultur zu erleben. Moscoso und seine Mitstreiter gaben der Bewegung einen Stil. Dieser Bilderrausch ist nun im Essener Museum Folkwang zu erleben. Die Ausstellung „San Francisco 1967“ präsentiert rund 250 Poster aus den Sammlungen von Lutz Hieber und Gisela Theising, dazu dokumentarische Materialien, aus dieser kurzen Blütezeit der visuellen Kunst.

Eigentlich war 1967 ein Jahr, das von Gewalt geprägt wurde. Der Vietnam-Krieg erreichte seinen blutigen Höhepunkt. Die USA waren erschüttert von Rassenunruhen. Aber in San Francisco formierte sich eine Gegenbewegung, die Hippies, inspiriert von anderen Aussteigern und Außenseitern wie der Beatnik-Bewegung. Am Anfang stand im Januar eine Art Szene-Treffen, das „Human Be-In“, das verschiedene Strömungen der Sub-Kultur zusammenbringen sollte. Gary Snyder stand mit Alan Ginsberg für die Beat-Poeten, hinzu kamen Allen Cohen, Herausgeber einer Hippie-Zeitschrift, und der Studentenführer Jerry Rubin. Gast war aber auch der Drogenpapst Timothy Leary. Und es spielten „all of San Francisco Rock Groups“, wie es ein Plakat meldet mit einem alten Indianer, über den ein Dreieck und ein drittes Auge montiert waren, Hinweis auf die „spirituelle Seite“ der Bewegung. Es ging durchaus darum, eine Bewegung mit Durchschlagskraft zu bilden. Die Hippies waren durchaus politisch, obwohl sie heute oft als naive Blumenkinder gelten. Ihr gesellschaftliches Engagement reichte von Versorgungseinrichtungen mit Gratis-Läden, einer offenen Klinik, über Benefiz-Veranstaltungen für Gewerkschafter bis zum Kampf gegen den Vietnamkrieg – zum Beispiel mit Beratung für Kriegsdienstverweigerer.

Die Plakatkünstler fanden eine stimmige Bildsprache. Sie waren überwiegend Autodidakten. Sie plünderten, was ihnen an stimmigen Bildvorlagen in die Hände fiel. Alton Kelley und Stanley Mouse arbeiteten mit historischen Aufnahmen aus einem Bildband über Indianer, sie nutzten ebenso Jugendstilplakate, und ein Plakat für Grateful Dead recycelt die Illustration von Edmund Joseph Sullivan aus einer im 19. Jahrhundert erschienenen Ausgabe persischer Gedichte. Das Skelett mit den Rosen gehört zu den ikonischen Motiven des psychedelischen Plakats.

Neben der eklektischen Verwendung alter Bildmotive in neuen Zusammenhängen ist der Umgang mit Schrift prägend. Moscoso hatte, anders als seine Mitstreiter, Kunst studiert, und zwar bei dem emigrierten Bauhausmeister Josef Albers. Von dessen Farblehre inspiriert sind die flirrenden Farben und die Aufteilung der Fläche in klare, geometrisch gestaltete Felder. Einige der wildesten Arbeiten Moscosos bestehen nur aus Schrift, die beim Plakat für Quicksilver Messenger Service einen blau-grünen, mit rot durchsetzten Strudel in der Form des chinesischen Yin-Yang-Symbols ergibt. Anders als konventionelle Plakate sollten die Arbeiten von Moscoso und seinen Mitstreitern den Betrachter zu langsamerer Wahrnehmung zwingen, die Schrift muss oft mühsam entziffert werden. Moscoso entwickelte auch eine Drucktechnik, die auf dem Plakat eine Art Filmprojektion ermöglicht, wenn man es mit farbigem Licht bestrahlt. Dann schlagen die Engel auf dem Poster für die Steve Miller Band mit den Flügeln, und der Mund auf dem Poster für einen Dichterabend öffnet und schließt sich und das Wort „Incredible“ (unglaublich) erscheint. In Essen sieht man diesen Effekt in einem Kabinett, und dazu läuft die Musik von Hendrix, den Grateful Dead und anderen.

Die Plakate sind überraschend klein, meistens haben sie das Format einer Zeitungsseite. Sie durften in der Produktion nicht zu aufwendig sein, sie wurden an Laternenpfähle geklebt, auch hier verweigerte sich die Subkultur dem Konsum. Und manchmal fiel das erwartete Poster auch aus: Ein Handzettel ist ausgestellt, der meldet, dass Wes Wilsons Frau ein Kind bekam und deshalb das Plakat nicht fertig wurde.

Die psychedelische Grafik machte Schule. Lee Cronklin nahm eins seiner Plakate als Grundlage für die Covergestaltung der ersten LP von Santana. Rick Griffin, ebenfalls einer der San Francisco 5, entwarf zahlreiche Plattencover und den Schriftzug der Zeitschrift Rolling Stone.

In Essen kann man sich an den markanten Bilderfindungen berauschen, an den poetischen Zeichnungen von Bonnie MacLean („Yardbirds, Doors“), an den expressiven Arbeiten Wes Wilsons und den anderen Künstlern, die den Blick und den Geist befreien wollten.

Bis 3.9., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 000, www.museum-folkwang.de,

Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 24 Euro

Quelle: wa.de

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