Schau zum 100. Todestag: „Wilhelm Morgner und die junge Kunst in Soest“

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Morgners „Selbstbildnis II (Lachend mit gelber Jacke)“ (1910) ist eine Leihgabe des Westfälischen Landesmuseums.

SOEST - So richtig greifbar ist Wilhelm Morgner bis heute nicht. Allein seine Selbstporträts: 1910 malt er sich lachend, gelöst, mit freiem Blick zum Betrachter. Daneben hängt sein Bildnis mit Zylinder, auf dem er sich als großstädtischen Dandy inszeniert, der sein Gegenüber kritisch mustert. Auf einem weiteren Gemälde erkennt man ihn kaum, eine wuchtige Figur, schmallippig, mit übergroßer Nase, vor einem aufstrebenden Linienbündel in Gelb und Rot, wie vor einer Stichflamme. Eine geistige Darstellung ganz im Sinne des „Blauen Reiters“.

Und damit erschöpft sich die Präsentation im Museum Wilhelm Morgner in Soest noch nicht. Da sind noch die Kohlezeichnungen. Auf einer schaut er trotzig drein, und mit den wirr abstehenden Haaren erinnert es an die mimischen Selbstbefragungen Rembrandts. Immer neu, immer anders stellte sich der Künstler dar. Vor 100 Jahren fiel Morgner an der Westfront in Flandern, gerade 26-jährig. Zum Todestag widmet ihm seine Geburtsstadt die aufwendige Ausstellung „Wilhelm Morgner und die junge Kunst in Soest“. Mit mehr als 300 Exponaten beschränkt sich die Schau aber nicht auf Morgners Bilder. Erstmals wird nachgezeichnet, in welchem Kontext er malte und zeichnete.

Morgner war nicht allein in Soest. Im Gegenteil, die Bördestadt war neben Hagen der einzige Schauplatz der Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier bildete sich, vermittelt durch den Hagener Mäzen und Museumsgründer Karl Ernst Osthaus, eine regelrechte Künstlerkolonie. Und in der kleinen Stadt traf man sich und tauschte sich aus. Das war schon vor Morgners Eintritt in die Kunstwelt so: Otto Modersohn, Christian Rohlfs, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff fanden hier eine Zuflucht, um in Ruhe zu malen. Und gleichzeitig mit Morgner fanden Eberhard Viegener, Arnold Topp und Wilhelm Wulff zur Kunst. Der Journalist Will Frieg schrieb 1919 sogar von einer „neuen Soester Malerschule“, in Anlehnung an mittelalterliche Meister.

Die Kuratoren Annette Werntze und Klaus Kösters fanden diesen Aspekt bemerkenswert. Ausgerechnet die ländliche Provinzstadt, die Rohlfs als „herrliches Nest“ empfand, entpuppt sich als eine Brutstätte der Avantgarde-Kunst. Und so stellten sie die Schau zusammen, natürlich zahlreiche Bilder Morgners, dessen Werk durchaus repräsentativ zu betrachten ist. Man sieht hier die anfänglich hoch realistischen Porträts von Soester Originalen wie Schulte, die von den wuchtigen Pinselhieben van Goghs inspirierten Landschaften und Szenen ländlicher Arbeit, die immer abstrakteren Darstellungen bis hin zu den „ornamentalen“ und „astralen“ Kompositionen, denen man den Einfluss Kandinskys ansieht. Aber eben auch Arbeiten seiner Mitstreiter. Viele Leihgaben stammen aus Privatbesitz, waren noch nie öffentlich ausgestellt.

Ein ganzes Kabinett füllen Darstellungen der Stadt. Der „Patrokliturm“ ist geradezu eine Ikone des Expressionismus, ob ihn nun der „Brücke“-Expressionist Schmitt-Rottluff malte, Emil Nolde, Modersohn oder natürlich Morgner in Holz schnitt. Obwohl er seine Heimatstadt als spießig empfand. Für die Ausstellung fanden die Kuratoren weitere lokale Motive, das Ölbild der „Plangemühle in Hattrop“ (1911) und den Holzschnitt einer Stadtansicht (1913). Davon hatte der Künstler die Druckplatte vernichtet, der Abzug ist das einzige bekannte Exemplar.

Das „junge Soest“ bildet keine wirkliche Gruppe. Zwar gibt es zwei Gruppenfotos aus den 1920er Jahren, auf denen man in offensichtlich animierter Runde beisammen saß und Gemeinschaft demonstrierte. Neben Topp, Viegener und Wulff sind noch andere Intellektuelle zu sehen, die Schriftstellerin Ilse Molzahn zum Beispiel, die mit dem Bauhaus-Künstler Johannes Molzahn verheiratet war, der wiederum mit Wulff befreundet war. Hier deuten sich noch Verbindungen an, lohnend für weitere Forschung. Aber Köstner betont, dass der Kreis um Morgner aus Individualisten bestand, die bis in die 1920er Jahre zwar alle dem Expressionismus anhingen, dann aber eigene Wege eingeschlagen hätten. Insoweit haben sich die Kuratoren auf Werke bis etwa 1930 konzentriert.

Bei Viegener bestechen die expressiven Werke wie die „Abendmahlzeit“ (1917), drei archaische weißbärtige Greise an einem Tisch, die ernst auf ihre geleerten Breischüsseln blicken. 1918 malt er einen Schäfer, den seine Herde umgibt wie eine blauweiße Wolkenformation. Viegener, dessen Todestag sich ebenfalls jährt, zum 50. Mal, wandte sich bald der Neuen Sachlichkeit zu, wie eine Reihe von Stillleben zeigt. Ein Werk des Übergangs ist das Bild „Gutshof im Schnee“ (1922), auf dem der bewegte, expressive Pinselstrich einer geometrisch bestimmten Klarheit gewichen ist.

Spannend ist auch Arnold Topps Malerei, der die Farbe viel geschlossener aufträgt, die Handschrift zurücknimmt, die Bildfläche als Ganzes behandelt. Und Wilhelm Wulff, der nach 1945 noch eine posthume, recht konventionelle Porträtbüste Morgners schuf, ist mit Arbeiten wie dem Relief „Konstruktivistische Figur“ (1924) in der Schau vertreten.

Die Ausstellung holt Soest auf erhellende Weise auf die kunsthistorische Landkarte.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr,

Bis 26.11., di – fr 14 – 17, sa, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02921/ 103 11 31, www. museum-wilhelm-morger.de

Quelle: wa.de

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