Die Schau „Artige Kunst“ zeigt Werke der NS-Zeit

Familienglück an der Heimatfront: Paul Mathias Paduas Gemälde „Der Urlauber (Auf Heimaturlaub) entstand 1944, als der Weltkrieg schon verloren war. Zu sehen in Bochum. - Fotos: Stiftel

BOCHUM - Der Vater sitzt gemütlich am Kachelofen und erzählt. Gebannt hängen die Kinder, blond und pausbäckig, an seinen Lippen. Der Vater erzählt in Paul Mathias Paduas Gemälde „Der Urlauber (Auf Heimaturlaub)“ vom Krieg. In der guten Stube ist das nur an der Uniform des Kriegshelden zu erkennen. Ansonsten feiert das Bild eine heile Welt, ganz im Duktus der Genremalerei des 19. Jahrhunderts.

Die Wirklichkeit sah damals in Deutschland anders aus. Das Bild stammt aus dem Jahr 1944, als schon klar war, dass der NS--Staat den Weltkrieg, den er entfacht hatte, verlieren würde. Die Städte waren zerbombt, die Menschen litten Hunger, und Soldaten kamen nur heim, wenn eine Verwundung sie kampfunfähig gemacht hatte. Paduas Malerei lügt.

Das Werk ist im Museum unter Tage der Bochumer Situation Kunst zu sehen. In der Ausstellung „Artige Kunst“ arbeitet das Haus die Kunstpolitik im Nationalsozialismus auf. Dabei sind rund 75 Kunstwerke zu sehen, zum einen Beispiele für das, was die Nazis als „entartete Kunst“ verboten, zum anderen auch das, was sie stattdessen förderten. „Artig“ nennt das Team um Silke von Berswordt-Wallrabe diese erwünschte Kunst und kontert damit treffend den Schmähbegriff, indem es artgemäß, willfährig und anbiedernd in eine Pointe fasst. Auf der erwünschten Kunst zwischen 1933 und 1945 lastete lange ein Tabu. Der Graphiker Klaus Staeck hatte 1986 einen Aufruf gestartet: „Keine Nazi-Kunst in unsere Museen“. Aber die Bochumer Schau zeigt, dass es darauf ankommt, wie man es macht. Die Bilder von Padua, Breker, Bergen werden durch die museale Präsentation nicht aufgewertet. Silke von Berswordt-Wallrabe sieht gerade heute, da die Ablehnung des Schwierigen, Fremden, Anstößigen lautstark geäußert wird, ein Statement darin, diese Kunst kritisch zu beleuchten. Man muss sie freilich dafür auch zeigen.

Die Bilder werden im Museum unter Tage mit dem konfrontiert, was die Nazis vertuschen wollten. Das sind nicht nur die Gemälde und Skulpturen der Moderne, sondern auch Dokumente von der damaligen Realität. Neben Paduas „Urlauber“ ist John Floreas Foto eines gefangenen, 16-jährigen, weinenden Kindersoldaten zu sehen. Im ersten Saal hängen Gemälde wie „Pflügen“ (1940) von Paul Junghanns. Der Pflug wird dort nicht vom Traktor, sondern von drei Pferden gezogen. Hans Schmitz-Wiedenbrück (vor 1939) zeigt eine Familie in einer Bauernhaus-Stube, die so dargestellt ist, als gäbe es noch nicht einmal elektrisches Licht. Vordergründig wirken diese Darstellungen unpolitisch, unauffällig, etwas langweilig, ja: unschuldig. Aber sie transportieren natürlich das Welt- und Gesellschaftsbild jener Jahre. Ein Plakat wirbt für das Gesetz zur Bekämpfung erbkranken Nachwuchses mit einem Paar in einer Kinderschar: „Gesunde Eltern – gesunde Kinder!“ Und dazwischen hängt das Foto eines Jungen, der 1945 an einer endlosen Reihe von Leichen aus dem Vernichtungslager Bergen-Belsen entlangläuft.

Wenn Albert Janesch „Wassersport“ (vor 1936) malt und Gerhard Keil vier muskelbepackte „Turner“ (1939), dann sind Lichtgebung und Komposition deutlich näher an der Neuen Sachlichkeit als am biederen 19. Jahrhundert. Aber natürlich preisen diese Bilder den blonden, nordischen Arier, ganz im Sinn der NS-Rassenideologie. Erich Mercker schildert die „Granitbrüche Flossenbürg“ (vor 1941), und man sieht die wuchtigen Steinblöcke unter hohen Kränen. Tatsächlich war Flossenbürg ab 1938 ein Konzentrationslager, in dem Häftlinge durch Zwangsarbeit vernichtet wurden.

Zweifellos gehören diese Bilder in Museen – nicht ihres Kunstwerts wegen, sondern als Dokumente. In Bochum wird die Lügenkunst allerdings übervorsichtig präsentiert, mit dem Etikett „artig“ über jedem Schild. Als ob man diese ruchlos positiven Darstellungen verwechseln könnte mit den Werken der Expressionisten Kirchner, Beckmann, Jawlensky, mit Karl Schwesigs Zeichnungen folternder Gestapo-Schergen, den düsteren Visionen des im KZ ermordeten jüdischen Malers Felix Nussbaum. Da sucht die Ausstellung vor allem die eindeutige Unterscheidung. Die produktive Verunsicherung bietet sie ganz selten. Otto Dix zum Beispiel war einer der Hauptprotagonisten der „Entarteten Kunst“. Er passte sich nach 1933 an, malte keine Propagandabilder, aber realistische, unverfängliche Landschaften wie „Düsterer Tag in Suttom“ (1942), zu sehen in Bochum. Müsste das Bild nicht auch als „artig“ markiert werden? Die Grauzonen sind in Bochum unterbelichtet, stattdessen sucht man die klare Grenzlinie zwischen gut und „artig“. Denn während in Malerei und Bildhauerei die Ideologen ihre Kämpfe ausfochten, gab es in der angewandten Kunst durchaus noch Nischen, in denen Vertreter der Avantgarde arbeiten konnten.

Und es wäre auch wichtig, präzisere Fragen an die „artige Kunst“ zu finden, zum Beispiel die Strategien zu bestimmen, mit denen sie zu Werke ging, das Ablenken vom Alltag, die Heroisierung. Michael Mathias Kiefer malte 1940 dräuende Seeadler vor Helgoland. Leopold Schmutzler zeigt „Arbeitsmaiden, vom Feld heimkehrend“ (vor 1940). Otto Alberth Hirth malt 1940 das Haus der Kunst als monumentale Architekturvision. Unterschiedlicher können Bilder kaum sein – und doch spürt man in ihnen allen den unguten Zeitgeist.

Die Bochumer Ausstellung bewältigt das Thema der „artigen Kunst“ nicht. Aber sie zeigt, dass noch zu viel unklar ist, als dass man die Bilder der NS-Zeit in Depots entsorgen könnte. In Bochum ist man eingeladen, den Blick kritisch zu schärfen.

5.11.–9.4., mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0234/ 29 88 901,

www.situation-kunst.de,

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 28 Euro

Im Anschluss in der Kunsthalle Rostock und in der Ostdeutschen Galerie Regensburg. Ursprünglich war eine Kooperation mit dem Museum Wroclaw geplant. Nach dem Regierungswechsel wurde die Direktorin dort entlassen und die Ausstellung abgesagt.

Quelle: wa.de

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