Die Schau „Der Blick nach innen“ auf Haus Opherdicke

Flammende Blüten vor feurigem Hintergrund: Peter August Böckstiegels „Gladiolen“ (um 1925).

HOLZWICKEDE - Ein Flammenmeer inszeniert Peter August Böckstiegel in seinem um 1925 entstandenen Bild „Gladiolen“. Da glühen die Blütenstände als auflohende Farbbewegung vor einem kaum minder grellen, leicht anders getönten Hintergrund. Mehr Rot geht kaum in einem gegenständlichen Gemälde.

Zu sehen ist das Werk von Sonntag an in einem fesselnden Raum voller expressionistischer Bilder in der Ausstellung „Der Blick nach innen – Von Stillleben bis zu Interieurs“ auf Haus Opherdicke in Holzwickede. Im Ausstellungshaus des Kreises Unna haben die Kuratoren Sigrid Zielke-Hengstenberg und Arne Reimann gut 110 Bilder von 40 Künstlern zusammengestellt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der zweiten Generation der Expressionisten und den neusachlichen Künstlern. Aber die Schau bietet auch Werke von weltberühmten Meistern wie Pablo Picasso und Georges Braque – das Picassomuseum in Münster hat einige prachtvolle Grafikblätter nach Opherdicke entliehen.

Es ist eine ideale Sommerausstellung: Ein populäres Thema, kombiniert mit starken visuellen Reizen. Vor allem kann der Kunstliebhaber in Farbe geradezu baden. Allein die Blumenstillleben: Neben den roten Gladiolen zündet Böckstiegel zum Beispiel auch gelbe Sonnenblumen. Carlo Mense komponiert einen Farbakkord aus Tulpenblüten in den Grundfarben rot, gelb, blau (1922). Und auch Grethe Jürgens zeigt 1929 Gladiolen, aber in viel zurückgenommenerer Intensität gegenüber der Farborgie Böckstiegels.

Möglich werden solche opulenten Schauen durch die guten Kontakte des Kreises zu einigen Sammlern wie Frank Brabant und Irmgard Schlenke. Eine Reihe von Bildern war schon in früheren Ausstellungen auf Haus Opherdicke zu sehen, gewinnt aber im Kontext der aktuellen Themenschau neue Bedeutung. Das Stillleben ist ein Gemälde unbelebter Objekte von der Früchteschale über den Teller mit Fischen bis zum Blumenarrangement. Es galt von den klassischen Genres der Malerei als das minderwertigste, war aber gleichwohl stets begehrt, weil am unscheinbaren Alltagsgegenstand, am unbelebten Objekt, der Künstler seine Virtuosität ausspielen konnte. Das Interieur, die Darstellung von Innenräumen, ist nicht klar vom Stillleben abzugrenzen. Böckstiegel malte 1950 ein „Stillleben mit Amaryllis vorm Fenster“, und am Bildrand ist ein Mädchen zu sehen. Macht das Kind das Werk zum Interieur? Oder ist doch die Blume wichtiger, die der Maler ja bewusst ins Zentrum rückte?

Stillleben und Interieur sind bürgerliche Kunst, abseits des repräsentativen Anspruchs großer Historienmalerei und auch ohne die mythologische Aufladung sakraler Darstellungen. Der Bürger sichtet in diesen Bildern den Blick auf die eigenen vier Wände, als im späten 16. Jahrhundert diese Motive bildwürdig werden.

Die Schau lädt ein, den Blick zu schärfen. Zum Beispiel an Max Beckmanns „Stillleben mit grüner Kerze“, das der Künstler 1941 im Exil in Amsterdam malte. Obwohl Beckmann im NS-Staat als „entartet“ denunziert war, wurde das Bild in Deutschland verkauft: Es wurde als „Faschingsdekoration“ nach München importiert. Obwohl auch hier rot leuchtende Blumen zu sehen sind, herrscht eine Vanitas-Stimmung vor, verweist zum Beispiel die brennende Kerze auf die Vergänglichkeit allen Seins. Im selben Raum ist Paul Kleinschmidts „Geburtstagstisch“ von 1930 zu sehen. Der Künstler malt ebenfalls Kerzen, aber unangezündete, die ihre Zukunft sozusagen noch vor sich haben, ebenso wie der Kuchen, der aufs Anschneiden wartet. Man sieht die melancholische Rückschau neben dem optimistischen Vorausblick.

Spannend ist ein weiteres Bildpaar. 1943 lebten der jüdische Maler Felix Nussbaum und seine Frau Felka Platek in Brüssel, versteckt vor den deutschen Besatzungstruppen. In dieser bedrängten Situation malten beide gleichwohl weiter, und es liegt nahe, dass sie sich auf ihr unmittelbares Umfeld konzentrierten. So entstanden zwei Gouachen von einem Motiv mit Weinflasche und Bügelflasche, Steinguttopf und Handtuch. Felka Platek macht daraus ein geradezu klassisches Küchenstillleben. Ihr Bild ist zeit- und ortlos, mit einem neutralen, einfarbigen Hintergrund, und man kann vor allem die Übersetzung von unterschiedlicher Stofflichkeit wie dem transparenten braunen Flaschenglas und der Blauglasur in Farbgesten genießen. Nussbaum hingegen lädt sein „Stillleben mit Nagel“ mit Anspielungen auf. Er verortet die Dinge in einer konkreten Ecke eines konkreten Raums, mit fleckiger Tapete und Schatten. Ob der Nagel wirklich auf die Kreuzigung Christi verweist, sei dahingestellt. Aber das Gefühl von Enge und Isolation, von einem provisorischen Dasein ist in dieser vermeintlich profanen Darstellung sehr präsent.

Man kann manche Schätze in der Schau finden, Bilder kaum bekannter Künstler wie das abstrahierte „Flaschenstillleben“ von Rudolf Ausleger (1933) und das Stillleben Franz Heckendorfs von 1937, in dem die Fische zwischen einer Blume und Gemüse zu schwimmen scheinen. Da stört dann auch der etwas beliebige Ausblick in die Gegenwart mit Arbeiten des Düsseldorfer Malers David Czupryn nicht.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 19.11., di – so 10.30 – 17.30 Uhr, Tel. 02301 / 918 39 72, www.kreis-unna.de, Katalog, Berlag Kettler, Dortmund, 25 Euro

Quelle: wa.de

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