Das Schauspiel Dortmund zeigt „Heimliche Helden“ und „Das Interview“

Der magische Gnom im Steueramt: Uwe Schmieder in „Heimliche Helden“ am Theater Dortmund.

DORTMUND - Ein Gnom kauert in der Nische unter der Treppe, zwischen der Uhr und dem toten Vogel im Gurkenglas. „Ich bin der einzige, der hier durchblickt“, kichert er den Besuchern entgegen, die sich auf die schmale Bank und den kleinen Schemel quetschen. Mit der Lupe studiert er die Nebenbestimmungen im dicken Wälzer zum Steuerrecht, sagt immer entlegenere Regelungen her mit immer abstruseren Abkürzungen. Und man denkt: Ist das Recht so irre oder der Mann? Oder beides?

Uwe Schmieder ist das geheime Zentrum jenes pulsierenden Amtes, das man in der Inszenierung „Heimliche Helden“ am Schauspiel Dortmund besichtigen kann. Für die erste Produktion der Schauspielerin Julia Schubert (Regie und Konzept) nutzen die Darsteller im Megastore das Bühnenbild der „Borderline Prozession“ als Schauplatz für ein sehr intimes Stationentheater (Bühnenbild: Clara Hedwig). Der Zuschauer bekommt am Eingang einen Laufzettel, der ihn durch „Amtsstuben“ führt. Dort sieht er mal einen einzigen Akteur, mal eine Gruppe (mit Mitgliedern des Sprechchors) in einer Mini-Szene, bis der Gong ertönt zum Ortswechsel. Manchmal spielen sechs Leute für sechs Zuschauer. Durch diese direkte Konfrontation gewinnt das Stück eine faszinierende Direktheit.

Den Handlungsrahmen bietet ein Tag der Offenen Tür in der Steuerbehörde. Und man bekommt hier alle Beamten-Klischees vorgeführt, einen herrlich melancholisch-ironischen Blick in die Absurdität einer Behörde. In einem Büro sitzen sechs Beamte an ihren Schreibtischen. Der erste druckt ein Formular aus, reicht es weiter. Auf jedem Tisch wird gestempelt, wozu der Bearbeiter eine Bemerkung macht, eine verballhornte Floskel wie „Schittebön“ oder einen Spruch à la „kassieren oder krepieren“. Jedes sorgsam bearbeitete Blatt landet im Papierkorb.

Von Raum zu Raum verdichtet sich das Bild einer absurden Parallelwelt, in der alle schleimiggrüne Rollkragenpullis tragen (Kostüme: Vanessa Rust). Da begegnet man im Bad einer von Ängsten gepeinigten Frau (Marlena Keil), die sich noch davor fürchtet, dass der Abfluss der Wanne nicht geschlossen ist. Die Telefonistinnen unterbrechen ihr Gemurmel, um „Que Sera“ anzustimmen. Frank Genser schaut minutenlang einem Plastikspielzeug beim Wackeln zu, ehe er seine Socke zur Puppe ummalt und sie über die neue Realität philosophieren lässt. In der Mittagspause stehen alle stumm und knabbern Knäckebrot. Die „Heimlichen Helden“ sind die Wirtschaftsprüfer, die der Sinnlosigkeit trotzen, graugrün gewandete Versionen des Sisyphos. Bei aller Revuehaftigkeit wird dieses Flanieren durch die Ämterhölle nicht beliebig-gefällig. Dazu trägt die Figur des Durchblickers bei: Schmieder wird nach 35 Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Es lässt einen verstehen, warum er anfangs zu seinem Loch schlurfte und dabei jedes Umblättern jedes Kollegen aufzählt, samt „Jakob Nußbaum, das Arschloch“. Das ist zwar sehr lustig. Aber das Grauen ist immer präsent. Die abschließende Party mit dem herrlich schmierigen Schlagersänger „René Carmen“ und Käsespießen treibt den schrecklichen Spaß auf die Spitze.

Aber das Schauspiel kann nicht nur experimentell. Am selben Abend hatte das Kammerspiel „Das Interview“ Premiere, nach dem Film des von einem Islamisten ermordeten niederländischen Filmemachers Theo van Gogh. Die Ausgangssituation des Zwei-Personen-Stücks ist überkonstruiert. Pierre, Politikredakteur einer Zeitung, darf sich nicht um die Regierungskrise samt Rücktritt des Kabinetts kümmern, sondern muss einspringen, um den Filmstar Katja zu interviewen. Das anfängliche Geplänkel steigert sich zu einem stark erotisch unterfütterten Machtkampf, in dem die Beteiligten alles einsetzen, um sich als Sieger zu behaupten. Ein bisschen wie Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, nur eben mit einem Paar, das sich zudem gerade erst kennen lernt.

Maximilian Lindemann inszeniert sein Regiedebüt ohne Mätzchen, auf einer schlichten Szene vor einem Vorhang aus Flitterfäden mit nichts als ein paar Designermöbeln. Er kann sich auf seine vorzüglichen Darsteller Merle Wasmuth und Carlos Lobo verlassen, die alle Finten ausreizen von seiner Kriegsverletzung aus Afghanistan bis zu ihrer vermeintlichen Krebserkrankung, die mit vollem Körpereinsatz ringen, kuscheln, in einen Salatkopf beisßen und weißes Pulver verstäuben. In diesem Beziehungsduell schenken sie sich nichts, das Flittchen und der Grobian zeigen die hohe Schule der Täuschung. Klasse gespielt.

Heimliche Helden: 1., 27.11.;

Interview: 25.11.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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