Schlagzeuger Martin Grubinger in Essen

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Der österreichische Schlagzeuger Martin Grubinger.

ESSEN - Ein guter Schlagzeuger hat etwas Magierhaftes, schwer zu Greifendes. Er stellt seine Kunst aus, aber etwas bleibt fremd. Oder liegt es am Trommelschlag, der beim Zuhörer uralte Reflexe bedient? Der 33-jährige Percussion-Star Martin Grubinger fuhrwerkt hinter seiner Instrumenten-Batterie wie ein Derwisch herum. Wenn er über das Fell einer Pauke reibt und die Hände hochreißt, als lasse er den Klang fliegen, sieht er aus wie der Zauberlehrling persönlich.

Grubinger gab mit dem BBC Philharmonic Orchestra in der Philharmonie Essen ein ungewöhnliches Konzert. Die erste Hälfte bestand aus zwei Werken, die für Grubinger geschrieben wurden: Tan Duns „The Tears of Nature“ (2012) und „Speaking Drums“ (2013) von Peter Eötvös. Das dauerte – inklusive Auf- und Umbau der Schlag-Apparatur, die über die Bühnenbreite auswucherte – fast anderthalb Stunden und forderte den Zuhörern ein Einlassen auf sehr unterschiedliche Reize ab. Die 4. Tschaikowsky-Sinfonie, mit der das farbreich und präzise spielende BBC Philharmonic unter Chefdirigent Juanjo Mena den Abend beendete, hing fast als Fremdkörper hintendran. Einige Besucher gingen in der Pause.

Tan Duns Konzert „The Tears of Nature“ beginnt mit einem Duett von Steinen und Harfe. Klopfzeichen fliegen hin und her. Die drei Sätze sollen an Naturkatastrophen erinnern, wie das Erdbeben im chinesischen Sichuan im Jahr 2008. Das Orchester jagt Motivfetzen als Rhythmus-Elemente vor sich her, das hat viel von sinfonischem Jazz, mit einem freundlichen Gruß zu Strawinskys „Sacre“. Die Führung der Solo-Pauke im ersten Satz ist aber klassisch: mit Exposition, Durchführung, Kadenz. Unüblich sind die Klangmischungen. Vier weitere Schlagwerker assistieren unter anderem auf chinesischen Trommeln. Das Satzfinale ist reduziert auf ausschwingende Zimbelschläge.

Der zweite Satz hat etwas Klangschaliges: mit Cellopizzicati und mit Bögen gestrichenen Schalen, die an ein elektronisches Störsignal erinnern. Grubinger legt an der Marimba vorsichtig einen Klangteppich aus. Der dritte Satz erfordert ein zirkusgleiches Instrumentarium: Trommeln, Gongs, Xylophon. Dazu dreht das Orchester disneyhaft auf. Dabei entsteht der Eindruck, dass diese Musik weniger von Naturgewalt erzählt, sondern eher eine angenehme, nicht allzu schlimm exotische Weltmusik-Reise ist.

Der Titel von Eötvös‘ „Speaking Drums“ ist absolut wörtlich zu nehmen: Grubinger spricht, schnurrt, girrt und brüllt wie ein Gorilla. Er hat eine Sprachpartitur, das heißt: Sprache und Klang laufen parallel, geben sich Impulse. Eötvös nutzte ungarische Nonsens-Gedichte, der dritte Satz beruht auf Sanskrittexten aus dem 13. Jahrhundert. Grubinger nimmt vorsichtshalber ein Mikrophon und erklärt das Stück.

„Speaking Drums“ ist ein viertelstündiger virtuoser Irrwitz, ein Dialog des fabelhaft vielseitigen Grubinger mit dem Orchester. Überall öffnen sich kleine eigenwillige Ideen wie Strudel. Im zweiten Satz spielt Grubinger ein Chinabecken, das auf einer Pauke liegt. Das klingt, als balanciere eine zweidrittelvolle Riesenregentonne auf der Kante. Das Becken faucht, das Orchester faucht wieder. Zwischendurch geht er raus; als er wiederkommt, nähert er sich akustisch, indem er Becken schlägt, die ab dem Bühneneingang aufgestellt sind. Für Grubinger ist das absoluter Hochleistungssport. Der Begriff „Musikzirkus“ bekommt, wenn man ihm zusieht, eine andere Bedeutung: Zirkus ist Hochpräzisionsarbeit, Kunst ist Show im besten Sinn.

Besonders witzig ist eine aufgehängte, plastikumwickelte Trommel mit einer heraushängenden Schnur. Als Grubinger daran zieht, brüllt die Trommel wie ein Urzeit-Yak. Und im Orchester wälzt sich der Yak weiter. Ein tolles Stück.

Quelle: wa.de

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