Sebastian Hartmanns „Berlin Alexanderplatz“ bei den Ruhrfestspielen

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Ein sanfter Moment in einer Literaturadaption am Theater: Franz Biberkopf (Andreas Döhler) und Minna (Katrin Wichmann) in „Berlin Alexanderplatz“ bei den Ruhrfestspielen.

Recklinghausen - Der Montageroman „Berlin Alexanderplatz“ (1929) zählt zu den Kunstwerken, die die Literatur des 20. Jahrhunderts beeinflusst haben. Alfred Döblins fragmentarischer Schreibstil erhob die Stadt zu einem polyphonen Kosmos, in dem der Mensch schnell die Orientierung verlieren konnte. Dass dies Werk immer wieder in Theater und Film, wie in der TV-Serie von Rainer Werner Fassbinder, zu sehen war, bestätigt, dass das Drama um Franz Biberkopf im deutschen Kulturbetrieb ein Alleinstellungsmerkmal hat. Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen fand die Fassung des Deutschen Theaters Berlin an zwei Abenden statt.

Regisseur Sebastian Hartmann hat sich auf einzelne Motive verlegt und ist mit seiner Bildfindung nicht in der facettenreichen Großstadt untergegangen. Ein elastischer Conférencier (Moritz Grove) erinnert gleich an Biberkopfs Vita. Der Transportfahrer, der den Mord an seiner Freundin mit vier Jahren im Knast sühnte, will fortan ein anständiges Leben führen. Dass er dreimal daran scheitern wird, ist ebenso Erzählstoff wie die Erkenntnis, dass es verdammt noch mal an ihm selbst lag. Das schreit Moritz Grove in seiner agilen Art geradezu heraus: „Die Strafe beginnt.“

Vom epischen Theater punktuell erfrischt, gibt es keine Entwicklungsdramaturgie, denn das Leben ist ja schon da, und es hat sich doch nie geändert in seiner direkten und unerbittlichen Art. Mit diesem pragmatischen Zugriff orientiert sich Hartmann an Döblins gesellschaftspolitischer Haltung. Der Arzt kannte die Nöte einfacher Leute in Berlin. Es braucht nicht Karl Marx, um soziale Ungerechtigkeit zu erkennen, heißt es im Stück.

Almut Zilcher spielt den Sensemann anfangs noch als Geheimniskrämer, der seinen Franz Biberkopf verabschiedet, aber auf ein späteres Treffen verweist – zum Ende natürlich. Solche Begegnungen werden ganz unumwunden auf ein weites helles Bühnenfeld gesetzt. Es fühlt sich sogar leicht wie unausweichlich an, ob nun der Tod angedeutet wird oder das Spiel mit einer übergriffigen Beischlafszene beginnt. Im Festspielhaus ist für Amüsement gesorgt, wenn Andreas Döhler als Biberkopf bei Minna (Katrin Wichmann) an der (Wohn)Kiste klopft. Döhler berlinert herrlich radebrechend und fummelt der Schwester seiner Ex so zielführend an den Rockschößen, dass die Kopulation zu einer Slapstick-Nummer wird („Det wa’ ja grade ‘n bisschen rumpelig“).

Biberkopfs naive und ignorante Lebenseinstellung wird von einer Dramaturgie gespiegelt, die keine sozialen Fallhöhen moralisch abmisst, sondern mit Geschichten vom Niedergang die menschliche Tragödie erweitert. Hiob, der im Leben alles verloren hat, tritt kraftlos und verzweifelt auf. Später wird er neben Biberkopf (Felix Goeser) stehen und vom Messer reden, dass gleich die Kehle seines Sohnes zerschneidet – nur wenn er dafür ist, „gottgefällig“.

Die Leidensgeschichte der beiden bringt Regisseur Hartmann zusammen. Und Felix Goeser gibt den zweiten Biberkopf. Die Opferszene wird in Recklinghausen nicht zum biblischen Vorbild, zu nah sind uns die Figuren.

Die Inszenierung versteht es, immer wieder realistische Momente zu setzen, die anrühren und herausstechen. Ein Mann unterhält mit seinen Stadtansicht („Berlin, det is so groß, so groß“), ein dicker Herr isst Rouladen und wird zu einer Stegreif-Nummer, wenn sein Schmatzen anschwillt und sein fetter Schmerbauch am Bühnenrand ekelt. Es sind Schlaglichter aus dem Roman-Fundus.

Statt Berliner Lokalkolorit scheinen Neonröhren auf und fluten die Bühne von Sebastian Hartmann wie eine abstrakte Lichtinstallation. Das grafische Schwarzweiß-Video von Tilo Baumgärtel überspielt die Raummaße und transformiert Berlin in eine Bordell- und Comicwelt. Daneben ist das Thema Schlachthaus reines Symboltheater. Zum Ende treibt es die nackte Jesu-Gestalt mit einer Mietze (Wiebke Mollenhauer) unterm Kreuz. Das ist aufwendig mit Videoeinspielungen zu einem barocken Triptychon inklusive „Engeln“ aufgemotzt.

Durchgehendes Motiv bleibt Franz Biberkopfs Eigensinn. Dem Reinhold – Edgar Eckert als eiskalter Psychopath – überlässt er seine Mietze („Lass mir ma’ los!“), die stumpf erdrosselt wird. Und Franz steht abseits, ohne Schneid und Menschlichkeit.

Entgegen zahlreichen Deutungen, die Biberkopf als Opfer seiner Zeit sehen, zeigt Sebastian Hartmann die Romanfigur als Versager, der nicht hinsieht, wenn Verbrechen passieren. Anständig ist er nicht. Und was wollen wir sehen, ist die Frage, die die Inszenierung stellt.

„Die Welt geschieht auch durch dich, auch durch dich“, schreibt Alfred Döblin in „Unser Dasein“ 1933.

Quelle: wa.de

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